Russlanddeutsxhe auf den Weg in den Westen

Putins deutsche Schäfchen: Eine vergessene Migrantengruppe?

Auf einer Informationsveranstaltung in Darmstadt wurde jüngst das Projekt „Soziale Stadt“, das im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms vor allem für mehr Familienfreundlichkeit in den Wohnvierteln sorgen soll, vorgestellt. Dabei geht es um eine lebendige Nachbarschaft, insbesondere jedoch auch um den sozialen Zusammenhalt verschiedener ethnischer Gruppen.

Als die Autorin dieses Blog-Beitrages beim Get together nach der Veranstaltung im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Vereins der Russlanddeutschen den großen ehrenamtlichen Einsatz vieler Migranten und deren Identifikation mit der Siedlung in Darmstadt lobte, gab sich der Mann aus dem Kaukasus recht barsch: „Wir sind deutschstämmig und keine Migranten“, sagte er entrüstet und zeigte sogleich auf eine Gruppe muslimischer Frauen, die in demselben Raum den Gästen selbstgebackenen Pflaumenkuchen anboten. Das forsche Urteil des Anführers der Russlanddeutschen musste da recht traurig stimmen.

Zielgruppe der AfD

Inzwischen sind Russlanddeutsche und auch die Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in den Westen fliehen mussten, für ihre zumeist rechts-konservative Haltung bekannt und nun auch mehr und mehr in der AfD zu finden. Auf einer AfD-Parteiplattform im Internet, die sich „Netzwerk Aussiedler und Russlanddeutsche“ nennt, wird die Denkweise in Worte gekleidet: „Die etwa 3 Mio. Spätaussiedler oder Russlanddeutschen, die aus Russland in ihre alte Heimat zurückwanderten, sind eine erfolgreiche und bestens integrierte Einwanderungsgruppe. Sie sind im besten Sinne konservativ und besitzen die deutschen Tugenden in hohem Maße.“ Früher war die politische Heimat der Spätaussiedler die Union. Doch seit Angela Merkel das Regierungsruder übernommen – und die CDU nach mitte-links verschoben – hat, haben sich viele Spätaussiedler abgewandt. Sie sind auf der Suche nach einer neuen bürgerlich-konservativen Kraft, die ihre Interessen nachdrücklich vertritt. Die AfD gibt vor viele der von der CDU verwaisten politischen Positionen zu besetzen und konsequent für deutsche Interessen einzustehen.

Vorbehalte von Russlanddeutschen

Es ist schon erstaunlich, dass die AfD Menschen für sich gewinnen kann, die selbst erst vor einigen Jahren nach Deutschland immigriert sind. Doch Russlanddeutsche haben in der Tat große Vorbehalte gegenüber muslimischen Zuwanderern. Das zeigt sich auch daran, dass diese in größerer Zahl auf Kundgebungen mit islam- und/oder fremdenfeindlicher Ausrichtung zu finden sind.

Während sich die mediale Berichterstattung überwiegend mit Menschen aus muslimischen Ländern beschäftigt, bleibt die größte Einwandergruppe in Deutschland, nämlich die der Aussiedler und Spätaussiedler, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. In der Tat ist über die Identitätsentwicklung dieser Gruppe, auch aus wissenschaftlicher Sicht, nur wenig bekannt. Das hängt damit zusammen, dass Aussiedler und Spätaussiedler in der amtlichen Statistik als Deutsche erfasst werden. Allerdings haben vor allem die Spätaussiedler aufgrund von sprachlichen und qualifikatorischen Handicaps eine prekäre Platzierung in den sozialen und ökonomischen Statushierarchien. Zudem gelten sie als eine für öffentliche Beratungsangebote aller Art schwer erreichbare Zielgruppe. Die Probleme mit den „Russland-Deutschen“, die zu Gorbatschows Zeiten und danach kamen, waren zunächst recht gering, haben jedoch mit dem zweiten und dritten Schub stark zugenommen.

Moskaus 5. Kolonne

Für viele Russlanddeutsche bedeutete der Umzug nach Deutschland in den 1980er und 90er Jahren zunächst einen sozialen Abstieg. Nach harten Zeiten im Sowjetreich waren sie mit großer Hoffnung gekommen. Am schwersten hatten es die älteren Zuzügler, die weder Sprachkurse noch eine Arbeitsmarktförderung erhielten. Manche Aussiedler bekamen höchstens 60 Prozent der Rente vergleichbarer Einheimischer. Erschwerend war auch, dass insbesondere akademische Berufsabschlüsse nicht anerkannt wurden. Sie hatten kaum eine Chance, sich beruflich zu integrieren. Viele blieben am russischen Fernsehen kleben und fanden kaum Zugang zu ihren deutschen Nachbarn. Die jüngere Aussiedler-Generation hat die deutsche Sprache zwar mehr schlecht als recht gelernt, ist in der Regel auch im Arbeitsleben angekommen. Doch es gibt eine nicht so kleine Gruppe, die in Deutschland nie wirklich angekommen ist. Sie werden oft genug in ihrer Umgebung als „die Russen“ bezeichnet oder gar diffamiert.

Untersuchungen des Berlin-Instituts für Bevölkerungsentwicklung belegen, dass überall dort, wo sich der Staat darum gekümmert hat, die Integration der Russlanddeutschen sehr gut geklappt hat. Dort aber, wo Aussiedler von Integrationsmaßnahmen ausgenommen wurden, musste es danebengehen. Alle Warnungen, die die Wohlfahrtsverbände damals an die Politik sandten, blieben ungehört. Besonders die russische Botschaft versucht inzwischen, über schlecht integrierte ehemalige Sowjetbürger ihren politischen Einfluss zu vergrößern. So existiert eine Vielzahl an scheinbar harmlosen Institutionen oder Aktivitäten, die von Moskau aus gefördert werden. Etwa wurde ein Netzwerk aus Menschen geflochten, die jederzeit bereit dazu sind, gegen die sogenannte „Junta in Kiew“ auf die Straße zu gehen oder gegen die angebliche Unterdrückung der Russen im ostukrainischen Donezk Front zu machen.

Kundgebungen vor dem Kanzleramt

In Berlin gibt es beispielsweise eine kleine Gruppierung, die sich „Internationaler Konvent der Russlanddeutschen“ nennt. Sie hat bereits Kundgebungen vor dem Bundeskanzleramt organisiert. Des Weiteren gibt es eine Minipartei, die sich „Die Einheit“ nennt und in dem Ruf steht, ein verlängerter Arm des Putin-Regimes in Deutschland zu sein. Diese Behauptung rührt u.a. von dem Besuch einer Partei-Delegation auf der Krim, wo dann so getan wurde, als  gäbe es zahlreiche rückkehrwillige Russlanddeutsche.

Auch bei anderen Aktionen wurden Gruppen von Russlanddeutschen auffällig – etwa bei einer fiktiven Entführung eines Mädchens in Berlin, zu der sich gar die Regierung aus Moskau zu Wort meldete.

Man kann also unschwer erkennen, dass Aussiedler und Spätaussiedler eine problematische Gruppe bilden, die integrative Hilfestellung benötigen. Eine erfolgreiche Sofortintegration aufgrund des Vorhandenseins deutscher Sekundärtugenden ist also nur die halbe Wahrheit! Denn offenbar sind viele von ihnen anfällig für die Propaganda der AfD und der Kreml-Agitatoren.

Bildquelle: Wikipedia, Bundesarchiv_Bild_183-W0402-500

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Gül Keskinler

Gül Keskinler lebt seit einigen Jahrzehnten in Deutschland. Die „Deutsch-Türkin“ ist Chefin der Agentur für Interkulturelle Kompetenz EKIP in Köln, die Konzepte für Bildung, Qualifizierung und Kompetenzerweiterung entwickelt und umsetzt. 2006 - 2016 ehrenamtliche DFB-Integrationsbeauftragte.


'Putins deutsche Schäfchen: Eine vergessene Migrantengruppe?' hat einen Kommentar

  1. 27. August 2017 @ 16:19 Igon M.

    „Allerdings haben vor allem die Spätaussiedler aufgrund von sprachlichen und qualifikatorischen Handicaps eine prekäre Platzierung in den sozialen und ökonomischen Statushierarchien.“ Diese Aussage ist – neben anderen – so keineswegs haltbar und trifft eher auf eine ganz andere Migrantengruppe zu, deren Integration in der dritten und vierten Generation weitgehend als gescheitert gelten muss. Fakt ist, dass die fast 4 Mio. zugewanderten Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr gute Integrationsfortschritte gemacht haben. Die Erfolge der zweiten Generation im Bildungswesen sind überdurchschnittlich. Für den Arbeitsmarkt und das Bildungswesen sind diese durchweg eine Bereicherung. Und das trotz der begrenzten Integrationsmaßnahmen in den Neunziger Jahren! Die Integration verlief hier nämlich aus eigenem Antrieb, weil man keine andere Wahl hatte. „Da gab es keine Sozialhilfe für Importbräute“, wie ein ehemaliger Finanzsenator Berlins es mal formulierte. Wenn die Autorin hier also eine ganze Bevölkerungsgruppe unterschiedslos und in respektloser sowie rassistischer Manier als rückgratlose Schafherde diffamiert, ignoriert sie dadurch die historisch bedingten Zusammenhänge. Unter anderem, dass man es in 7o Jahren kommunistischer Diktatur gelernt hat, die von der Polit-Elite verordneten Parolen und Denkschablonen nicht für bare Münze zu nehmen. Die kritische Positionierung zur gegenwärtigen „Bereicherung“ ist daher nicht etwa Ausdruck von Demokratiefeindlichkeit, wie oft fälschlich vermutet, sondern kritischem Denken und dem Hinterfragen von verordneten Denkvorgaben. Wer ist hier also das Schaf?

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