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Rückenwind für den Kampf gegen Atomwaffen

Dem Komitee in Oslo gelingt es mit der Vergabe des Friedensnobelpreises immer wieder, die Welt zu verblüffen. Wer da auch vorher als neuer Preisträger gehandelt wird, vom Papst über Angela Merkel bis hin zum Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen: das Nobelkomitee entscheidet anders, und das ist gut so. Denn die weltweit wichtigste Auszeichnung, die für Verdienste um Frieden und Menschenrechte zu vergeben ist, hat stets auch den Anspruch, Zukunftsfragen der Menschheit ins Rampenlicht zu rücken. Neben der Würdigung mutiger, beispielgebender Taten, kann der Preis seine Wirkung vor allem durch Appellcharakter entfalten.

Die Entscheidung, der Internationalen Kampagne zur atomaren Abrüstung (ICAN) den Friedensnobelpreis zu verleihen, ist ein solcher Appell. Er stellt die grausamste aller Massenvernichtungswaffen an den Pranger, ruft die Atommächte zur Besinnung und belebt die Vision von einer atomwaffenfreien Welt neu.

Das ausgezeichnete Bündnis, das mit über 450 Organisation in 100 Ländern der Erde aktiv ist, hat diese Vision gegen alle realpolitische Ernüchterung verteidigt und mit einer beispiellosen Kampagne bis zu einem UN-Vertrag befördert. In einer Zeit, in der der Atomstreit zwischen Nordkorea und den USA gefährlich eskaliert, in der US-Präsident Donald Trump auch das Abkommen mit dem Iran in Frage stellt, in der im Nahen Osten furchtbare Kriege wüten und in der die Supermächte eher wie in Zeiten des Kalten Krieges an nukleare Aufrüstung denken, ist eine Mahnung zur atomaren Abrüstung dringend geboten.

Oslo hebt das Verdienst von ICAN hervor, die weltweite Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken. Ähnlich wie die bereits ausgezeichnete Kampagne zum Verbot von Landminen oder die Ächtung von Chemiewaffen setzt das vor elf Jahren gegründete Bündnis auf die Macht der Zivilgesellschaft und versucht mit Beharrlichkeit und Überzeugungsarbeit, Länder für sein Anliegen zu gewinnen.

122 Staaten haben im Sommer bei den Vereinten Nationen beschlossen, Atomwaffen vertraglich zu verbieten. Das Abkommen verbietet sowohl den Einsatz von Atomwaffen als auch die Androhung eines Einsatzes. Damit wird zugleich die nukleare Abschreckung geächtet. Darüber hinaus werden Entwicklung, Herstellung, Erwerb, Besitz, Lagerung und Erprobung sowie der Transfer und die Stationierung von Atomwaffen untersagt. Der Vertrag tritt in Kraft, sobald ihn 50 Länder ratifiziert haben.

Kurzfristige Folgen ergeben sich daraus nicht. Die offiziellen Atommächte und mit ihnen ihre Verbündeten, blockieren den Vertrag, auch die deutsche Bundesregierung, die dem Preisträger nur verhalten gratulierte. Kritiker mögen daher einwenden, dass der Friedensnobelpreis 2017 ein aussichtsloses Unterfangen würdigt, und tatsächlich ist atomare Abrüstung mit Donald Trump im Präsidentenamt der USA weitaus illusorischer als noch in Barack Obamas Amtszeit.

Doch die Atommächte haben sich im Atomwaffensperrvertrag zum Abbau ihrer nuklearen Waffenarsenale verpflichtet, nur denken sie gar nicht daran, ihr Wort zu halten, und schüren damit immer aufs Neue Konflikte wie den mit Nordkorea. Sich damit nicht abzufinden, eben nicht zu resignieren, sondern Courage und langen Atem zu beweisen, um der Vision einer atomwaffenfreien Welt näher zu kommen, ist daher im Interesse einer friedlicheren Zukunft verdienstvoll und anerkennenswert.

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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