Aus dem Bundesarchiv: Bentschen - Ankunft deutscher Flüchtlinge aus Posen

Schließkreuz

1.

Lassen wir also die erste Szene an einem kleinen Bahnhof in Süddeutschland beginnen, einem Gebäude, dessen Gestalt noch an Zeiten erinnert, in denen es dort Schalterbeamte gab, gewiss einen seine Signalpfeife blasenden Stationsvorsteher, vielleicht sogar eine kleine Schänke.

Die ist mittlerweile ersetzt durch einen Getränkeautomaten, der Stationsvorsitzende durch zwei Lautsprecher und statt auf einen Schalterbeamten stößt der Reisende auf einen blau- silbernen Kasten, in dem in verschiedenen Tönen ein Bildschirm leuchtet.

Es ist ein heißer Tag. Der junge Mann, der vor dem Bildschirm steht, trägt eine grob gestrickte Wollmütze, so dunkel wie seine Hautfarbe, eine grüne Parka, Jeans und dunkelblauen Schuhe aus Baumwolle. Über seinen schmalen Rücken sehe ich, wie er mehrfach auf das Fenster „Fahrkarte schnell und einfach kaufen“ drückt, dabei aber immer wieder an der Aufforderung scheitert, die, wenn ich es recht erinnere, lautet: „Berühren des Schließkreuzes oben rechts“.

Schließlich wendet er sich mit einem hilflosen Blick an mich, zeigt auf das immer wieder aufblinkende Wort „Schließkreuz“ und sagt: „Können Sie helfen, bitte?“

Das kann ich auch nicht. Der Apparat folgt offenbar Befehlen einer Macht, die sich durch die Hitze oder einen einfachen digitalen Schaltfehler rationaler Kontrolle entzogen hat. Doch so kommen wir ins Gespräch. Über das Wort Schließkreuz.

2.

Mein neuer Bekannter heißt Omar, und er kommt aus einem Land, das, so sagt er so feierlich wie geheimnisvoll, südlich der Sahara liegt. Er spricht Deutsch und Englisch, auch Arabisch, was mir nicht wirklich hilft, alles mit sehr leiser Stimme, fast geschlossenen Zahnreihen, die er nur beim Lachen öffnet und mit einer eigentümlichen Wortwahl, auf die ich gleich noch zu sprechen komme.

Den Namen Omar, erzählt er später, hat er sich selber zugelegt, seinen Geburtstag bestimmte die deutsche Aufnahmebehörde, bei der er sich als „papierloser“ Asylbewerber registrieren ließ. Es ist der 1. Januar 1995, das Geburts_jahr_ ist vermutlich so sorgfältig auf eine Konstellation von Behördenregeln ausgesucht, wie der Geburts_tag_, jener 1. Januar dem sorglosen Einfall jener Behörden zuzuschreiben ist, die allen Bewerbern „ohne Papiere“ dieses Datum in ihre Dokumente eintragen. Auch so entstehen neue Identitäten.

Die Sonne über dem Bahnhof steht jetzt längst nicht mehr im Zenit, doch die Hitze hat eher zugenommen. Auf dem verlassenen Vorplatz steht mittlerweile ein bunt bemalter, laut vor sich hin plärrender Kleinlaster, der Speiseeis feilhält. Ein Schriftsteller hätte festgehalten, dass eines der Tafelbilder, die wie Schürzen unter der Verkaufstheke hängen, einen kleinen Mohren aus dem deutschen Bilderbuch zeigt, wie er gierig die rote Zunge nach einem grellgelben Hörnchen mit Schokoladeneis ausstreckt.

Die beiden Lautsprecher melden, dass sich der Zug in die nächste Kreisstadt „wegen einer betriebsbedingten Störung auf Weiteres“ verspäten wird, dass aber neue Abfahrzeiten bekannt gegeben würden, sobald neue Abfahrtzeiten zur Verfügung stünden.

Omar nickt wie zur Bestätigung in Richtung der Lautsprecher und zieht aus der Tasche seiner Parka ein funkelndes Jo-Jo, das er an einer langen Schnur in Richtung der Bahngleise wirft und ohne erkennbare Handbewegung wieder zurück schnurren lässt.

Es gehört vielleicht nicht in diese Geschichte, dass in diesem Moment auf dem Vorplatz ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr hinter der Verkaufstheke des Speiseeishändlers vorgefahren ist und dass vier stämmige, in festes, dunkles Tuch uniformierte und stahlbehelmte Einsatzkräfte jetzt kleine gelbe Hörnchen zwischen ihre weit geöffneten Lippen führen.

Vielleicht gehört es auch nicht zu dieser Geschichte, dass im katholischen Heiligenkalender der 1. Januar für Wilhelm, einen der Schutzpatrone des Ordens der Benediktiner als Ehrentag bestimmt wurde. Der Name Wilhelm bedeutet übrigens „der auf Schutz Bedachte“. Er verdiente sich seinen Platz im Himmel, weil ihm der Schutz umherziehender Künstler zu einer Herzensangelegenheit geworden war, „insbesondere“, wie Kirchenlehrer vermerken, „gehörte dazu der Schutz der Bruderschaft aller durch die Welt streifenden Jongleure“.

Ein Zug nähert sich dem Bahnhof, pfeift, nimmt dann wieder an Geschwindigkeit zu, braust schließlich an uns vorbei. Omar wirft ihm sein Jo-Jo hinterher, zuckt mit den Achseln und steckt es dann wieder in die Tasche seiner Jacke.

Meine Aufmerksamkeit gehört in den nächsten Minuten der Anzeigentafel der Deutschen Bahn, die in wild ratternder Folge zusammenhanglose Buchstaben und Zahlen ausspuckt, als müsse sich das Gerät wie in einer heftigen Mundspülung vom Befall rätselhafter Botschaften befreien.Am Ende geht die Tafel in Deckung und zeigt nur noch drei Zeilen mit jeweils einem Dutzend Bindestrichen. Kein Schließkreuz.

Ein weiterer Zug passiert den Bahnhof, er transportiert viele Waggons aus Wolfsburg mit Fahrzeugen, die ein hellgraues Futteral mit dem Logo des Herstellers verhüllt.

3.

Deshalb bemerke ich erst einige Momente später, dass Omar inzwischen für uns beide ein Eis gekauft hat. Zwei doppelte Portionen im Hörnchen. Ich darf zwischen Vanille und Erdbeeren wählen.

Hätte mir nicht auch dieser Gedanke kommen können, meinen Wegbegleiter auf ein Eis einzuladen? Die freundliche Geste gegenüber dem Fremden?

Der Gedanke war mir tatsächlich gekommen. Ich hatte ihn mir nur viel zu kompliziert zurechtgelegt. Irgendwann begann in meinem Hirn der Begriff „Höflichkeitsdiskriminierung“ eine Rolle zu spielen. Bei diesem Wort handelt es sich, wie bei den meisten Sprachhülsen unserer angewandten Psychologie, lediglich um eine gefallsüchtige sprachliche Verhunzung. Gemeint ist hier naturgemäß das jedermann bekannte Gefühl der Demütigung.

Wenn ich, um ein Beispiel zu nennen, einer erwachsenen Person, die Not leidet, ein wenig helfe und diese Hilfe ein „Taschengeld“ nenne, als handele es sich bei diesem Erwachsenen um ein unmündiges Kind, dann demütige ich diese Person, dann verletze ich Würde.

Wie gesagt, der Gedanke wanderte zunächst mit dem Blick auf die tadellos uniformierten und behelmten Feuerwehrleute mit ihrem Speiseeis los, wurde gleich darauf durch den Zugverkehr unterbrochen, hakte sich danach wieder bei dem Wort „Taschengeld“ ein. Es hatten sich in den letzten Tagen mehrere namhafte Politiker vor Mikrofone gedrängt, um „einer Kürzung des Taschengelds für Asylanten“ das Wort zu reden. Gemeinsam war ihren Auftritten, neben einem beklagenswert dürftigen Geschmack für sommerliche Garderobe, eine christliche oder eine sozialdemokratische Glaubensbehauptung, denen seit Jüngstem nur der Vatikan widerspricht. Ein früherer Sprecher der Bundesregierung brachte diesen Glaubenssatz einmal auf die glückliche Formulierung: „Ein Jeder ist ebent seines Glückes sein eigener Schmied!“

Sozialdemokraten haben aber leider keinen Vatikan, ging es mir noch durch den Kopf, der Gedanke kam während des Automobiltransports, Sozialdemokraten laufen halt stets hinterher und nennen das Pragmatismus oder die Kunst, politische Kompetenz zu zeigen, um das Schlimmere zu verhindern. Dazu gehört offenbar jetzt auch der Begriff „Taschengeld“ und dessen Kürzung.

Der Leser versteht an dieser Stelle, dass eine komplexe Operation des Gehirns, die mit der schlichten Aufforderung begann: Kauf’ dem Omar doch ein Eis! bei einem weiteren Nachsinnen über die Würde des Menschen so ins Straucheln geriet, dass Omar die Angelegenheit regeln konnte, bevor ich mit dem Nachdenken über mögliche Demütigungen zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen war. Es war übrigens kein schlechtes Eis, wenn man den Geschmack von sehr bitterer Vanille schätzt.

4.

Hält schließlich einen Zug, der uns in die nächste Kreisstadt bringt? Selbstverständlich. Wie im Märchen bremst eine halbe Stunde später aus dem immer noch heiteren Himmel ein offenkundig fabrikfrischer Regionalexpress an unserem Bahnsteig und lässt mit einem leichten Seufzen seine Türen auseinandergleiten. Dazu erklingt aus dem Inneren ein kurzes Jingle, das die Anfangszeile des von Theodor Fröhlich vertonten Eichendorff Gedichtes „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ in einer verkürzten Fassung für das Xylophon spielt.

„Cool“, sagt Omar, „echt kein Stress beim Einsteigen.“

Das Wort „Stress“, bemerke ich, als sich zwischen uns langsam so etwas wie ein Gespräch herausbildet, ist sein Schlüsselbegriff. „Stress“ waren die Terroristen in seinem Heimatland, „Stress“ war der Treck mit dem Bus durch die Sahara, waren die Lager in Libyen, war die Überfahrt nach Malta, „Stress“ waren die Prügeleien mit anderen Flüchtlingen, die Sorge um das eigene Habe, der Verlust kurz gewonnener Freundschaften auf dem langen Weg. „Stress“ war die Bahnhofspolizei in Aachen, die Aufnahme in Dortmund, der Empfang in München, waren die langen Zeiten der erzwungenen, lähmenden Untätigkeit. Stress, das ist die Begegnung mit dem Rassismus auf der Straße oder in der Disco.

„Zu Hause, bei uns in…“, sagt Omar, doch bevor er weiter reden kann, wo das war, setzt wieder das Jingle an, dessen Lautstärke jetzt unangenehm zugenommen hat:

„Den schickt er in die weite Welt“, geht es bei Eichendorff weiter, „dem wird er seine Wunder weisen …“

„Meine Mutter hat uns immer ein Märchen von einem starken Jungen erzählt, der ohne Furcht geboren wurde und böse Geister tötet. So wollte ich sein. Aber für uns Kinder hat sie zum Einschlafen oft auch ein Lied gesungen, ich kann das nicht übersetzen, doch der Sinn war: Hab’ keine Angst, Deine Mutter beschützt Dich. Daran erinnere ich mich noch und auch daran, wie sie auf meine Schulnoten achtete. Mein Vater arbeitet als Kranführer in Dubai. Er hat uns das Geld für die Schule geschickt. Und als ich vierzehn war, für die Reise. Ich weiß nicht, ob er streng war.“

„Die Trägen, die zu Hause liegen,

erquicket nicht das Morgenrot“,

lautet der Anfang der nächsten Strophe des Dichters, zu der jetzt das Xylophon sehr schrill den Ton gibt. Auch hier scheint die Anlage Opfer an die sommerlichen Temperaturen zu bringen, jedenfalls erklingt die Melodie nicht nur zu jeder An- und Abfahrt, sie meldet sich auch unvermittelt auf der Strecke, bei freier Fahrt und bei unerklärten Zwischenaufenthalten.

Als wir wieder einmal stehen bleiben, mitten in einem schon zur Hälfte abgemähten Kornfeld mit mit einem schönen Blick auf einen rosalackiert schimmernden Getreidesilo, schüttele ich resigniert den Kopf, während Omar lacht. „Offensichtlich unbegründet“, ruft er und schlägt sich auf die Knie. Da ist es wieder, dieses Signal aus der Sprache der deutschen Verwaltung. Omar, soviel habe ich mittlerweile herausgefunden, hat in der kleinen Stadt, in der er gelandet ist, mit Erfolg seinen qualifizierten Hauptabschluss gemacht. Er benutzt, wie vermutlich alle seine Mitschüler, einen verlässlichen, doch eher kargen Grundstock von Alltagsworten, verbalen Pixeln, die gern mit einem kräftigen „Hey, Du!“ aufgemischt werden. „Hey Du, Du kriegst jetzt ein Problem!“ Sprachforscher werden jene Form der Kommunikation künftig einmal als „Handydeutsch“ einsortieren. Es ist eine ideale Sprache, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen, was hilft, wenn Auffallen eine Gefahr bedeutet.

Aber in Omars deutschem Sprachschatz lagern noch wunderliche Versatzstücke, die meisten wird er auf seiner Odyssee durch den deutschen Verwaltungsapparat aufgeklaubt haben. Neben jenem „offensichtlich unbegründet“, setzt er gern auch das Wort „unbeachtlich“ ein, und wo seine deutschen Altersgenossen oft schon mit Zweisilbern überfordert scheinen, wirft Omar problemlos Begriffe ein wie „Kettenduldung“, „Aufenthaltstitel“, „zielstaatsbezogen“ oder „Zuständigkeitsvereinbarung“. Sprache, das hat er gelernt, kann Abwehrzauber sein, aber man kann sich auch in den Besitz dieses Zaubers bringen. Vielleicht sollte man das als eine gelungene linguistische Integration bezeichnen.

Wonach hat er Heimweh?

Nach der Familie, selbstredend, den Schwestern und den Eltern, denen er jeden Monat ein klein wenig Geld schicken kann, und für die er jetzt ein kleiner Held ist. Klar, nach all den Abenteuern, fast wie der starke Junge aus dem Märchen, von dem ihm seine Mutter erzählte. Aber da ist noch etwas:

„Bei mir zu Hause gehörst du ganz einfach dazu“, sagt er. „ Verstehst Du? Du kannst zu Fremden gehen und fragen: ‚Alles klar bei Euch?’ und dann gehörst du einfach dazu.“

Omars Heimat, habe ich mittlerweile herausgebracht, belegt einen Spitzenplatz in der Gruppe der unsicheren Herkunftsländer.

Zum Abschied schenkt er mir sein Jo-jo.

©Tilman Spengler

Bildquelle: Wikipedia, Robert Sennecke ,CC BY 3.0

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Tilman Spengler

Tilman Spengler ist ein deutscher Sinologe, Schriftsteller und Journalist. Von 1980 bis zu ihrer vorübergehenden Einstellung 2008 war er Mitherausgeber der Zeitschrift Kursbuch. Er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.


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