Schlimme Gewaltspiralen als Folge globaler Unaufrichtigkeit

Jean Ziegler denkt gar nicht dran, seine Empörung über die Verursacher des globalen Elends unter dem notorischen Mäntelchen einer pseudoneutralen Soziologie zu verhehlen. Nein, er ist wahrhaftig entrüstet angesichts der weltweit wirksamen Doppelmoral des kapitalistischen Westens.

In seinem neuen Buch „Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren“,  nimmt der Berichterstatter des UNO-Menschenrechtsrates konkret Stellung zu den fatalen historischen Hinterlassenschaften eines „Kolonialterrors“ westlicher Prägung bis heute.

Zum Beispiel Afrika:

„Auf den ausländischen Privatkonten der Generäle gehen regelmäßig gewaltige Summen ein – „Steuern“, die die transkontinentalen Konzerne zahlen, um sich das Wohlwollen der Junta – Mitglieder zu sichern.“ Solch gezielte Korruption durch westliche Firmen zersetzt und schwächt jede basisdemokratische Perspektive der leidenden Bevölkerung Nigerias. Eigentlich verfügt dieses Land über soviel Ressourcen, dass niemand dort unter Mangel leiden müsste, im Gegenteil: die Potentiale für eine sozial gerechte Verteilung für alle nigerianischen Bürger ist vorhanden!

Die strukturelle Gewalt hat sich nach den historischen Kolonialeroberungen in Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien durch europäische und US-Firmen bis heute fortgesetzt. Zunächst schildert der Autor, mit welch brutalen Methoden die ach so fortschrittlichen Nationen sich die Ureinwohner der jeweiligen rohstoffreichen und fruchtbaren Landstriche gefügig machten. In Tasmanien unternahmen zum Beispiel die Engländer inhumane Praktiken, um die Bevölkerung zu vertreiben: „Sie brannten ihre Dörfer nieder, vergifteten ihre Quellen und Brunnen, organisierten Pogrome.“

Die Reaktion der ausgebeuteten Menschen kulminiert in einem zunehmenden Hass auf den Westen, „er manifestiert sich in Widerstandshandlungen, als Forderung nach Reue und Erinnerung.“

Als positives Beispiel berichtet Ziegler über die Emanzipation der ehemaligen spanischen Eroberung Bolivien. Dort gelang es dem Indianer Evo Morales, das Andenland „von Rassismus und kolonialer Diskriminierung“ zu befreien, und gegen gewaltige internationale Widerstände basisdemokratische Strukturen aufzubauen. Auch die fragwürdige Rolle, die Frankreich als imperialer Ausbeuter in Westafrika spielte, beleuchtet der Wissenschaftler detailgenau und faktenreich, „die Massaker der Fremdenlegion, die Zwangsarbeit, die abgeschlagenen Hände der Baumwollpflücker, die die vom Vorarbeiter festgesetzte Norm nicht erfüllten. Ein schlichter ‚Fehler’, laut Sarkozy.“ Und die ignorante Rolle der Missionare, die nicht selten auch deutsche Besetzungen absegneten, ist ebenso historisch belegt.

Mit der ihm eigenen filmischen Sprache veranschaulicht Jean Ziegler sehr drastisch das Elend nah am ganz alltäglichen Mangel der nicht privilegierten Mehrheit unserer Erde. Er sieht genau hin, schildert die Symptome einer global extrem ungerechten Verteilung von Nahrung, Wohnung und Arbeit, verursacht auch durch die westliche Agrar-Dumpingpolitik: subventionierte europäische Lebensmittel zerstören die afrikanischen Nahrungsmittelmärkte, die Bauern schuften dort täglich zwölf Stunden unter glühender Sonne mit Frauen und Kindern, „ohne die geringste Aussicht auf ein erträgliches Existenzminimum zu haben.“ Diese ökonomische Schräglage weiter zu ignorieren, hält der weit gereiste Autor für gefährlich.

Es geht Jean Ziegler darum, der terroristischen Wahnwelt eines pathologisch entgleisten Hasses zu begegnen, indem wir begreifen: „das verwundete Gedächtnis der einstigen Kolonialvölker ist zu einer geschichtsmächtigen Kraft geworden. Sie besinnen sich auf die Demütigungen, die Schrecken, die sie in der Vergangenheit erlitten haben und sind entschlossen, vom Westen Rechenschaft zu fordern.“

Es dürfte gewiss für die weitere globale Politik Deutschlands von Vorteil sein, wenn auch unsere Minister Steinmeier, von der Leyen und Müller die Lektüre dieses gut recherchierten und anschaulichen Buches nicht außer Acht ließen.

 

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. A. d. Frz. v. Hainer Kober. Bertelsmann Verlag 2009, 288 Seiten, 19,95 Euro.

 

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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