Bataclan Theater Paris

Schock-Zustand in Frankreich, Sorgen in Europa – Nach den Attentaten am Rande eines Fußballspiels

Ein Fußball-Länderspiel Frankreich gegen Deutschland ist eigentlich immer ein wichtiges Zusammentreffen zweier führender Kicker-Nationen in Europa, zumal, wenn im Jahr darauf die Europameisterschaft in Frankreich stattfindet und das Endspiel exakt in jenem Stadion vor den Toren der französischen Metropole gespielt wird, in dem die beiden Mannschaften sich am Freitagabend gegenüberstanden.  Ein ansehnliches Spiel, ein spannendes, ja, bis zu jenem Moment, als es außerhalb des Stadion knallte. Ein Böller? Wie bei einem Feuerwerk? Aber so laut, so durchdringend. Der Fernsehmoderator Tom Bartels ließ später die eigene Unsicherheit über diesen Vorgang auch die Millionen Zuschauer spüren, er informierte sie über das Wenige, was er erfahren hatte. Dem ersten  Anschlag folgten kurz danach weitere. Tote über Tote, die Stimme des Fußballfachmanns Bartel wurde unruhiger, leiser, er konnte- und das war gut so- seinen Gemütszustand nicht mehr kontrollieren, am liebsten hätte er es wohl gehabt, wenn der Ball einfach verschwunden wäre. Wie denn auch bei so einem Desaster! Plötzlich wurde das Fußballspiel zu dem, was es im Volksmund immer sein sollte: Zur schönsten Nebensache der Welt.

Frankreich im Schockzustand. Man spürte die Angst, die den Menschen in die Glieder kroch. Geht gleich die nächste Bombe hoch? Wird nochmal irgendwo auf Menschen geschossen, wahllos, wie das die Terroristen am Freitagabend taten, als sie einfach auf fröhliche Zeitgenossen ballerten, die in einer Bar ein Glas Wein tranken, die in einem Café saßen, als die Arbeitswoche zu Ende gegangen war, die sich in ein Konzerthaus gedrängt hatten mit 1500 Menschen, in dem Heavy- Metall-Musik gespielt  und wohl auch getanzt wurde, und 100 Menschen in Geiselhaft nahmen und sie später erschossen, einfach abknallten wie Vieh. Wahllos, einfach so, blind, so wie der Anschlag gleich hinter dem Stadion. Sie hatten wohl versucht, ihr Teufelswerk im Stadion zum Krachen bringen, Zuschauer in die Luft jagen wollen. Einfach so. Es war aber nicht planlos, es war geplant, von langer Hand mit der Absicht, normale Menschen zu töten.

Nächstenliebe und Solidarität

Frankreichs Präsident Francois Hollande drohte den Attentätern und ihren Hintermännern mit „gnadenloser“ Jagd, er sprach wie auch später sein Premierminister vom Krieg gegen die Islamisten. So ähnlich lesen sich auch die Schlagzeilen der Sonntagspresse. „Krieg“, heißt es bei Bild und Express. Warum diese Sprache? Gehen wir damit den Tätern nicht auf den Leim? Gnadenlos? Nein, so der Vertreter der evangelischen Kirche am Sonntagmorgen bei WDR 2, da mache er nicht mit. Christlich gesprochen plädiere er für Nächstenliebe, mehr Solidarität, vielleicht auch das Sich-Kümmern um den Nachbarn, wie das immer wieder von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zu hören ist. Die Terroristen wollen den Krieg gegen uns alle, den Bürgerkrieg, aber darauf sollten wir nicht eingehen. Die Bürger, das sind wir, sie sind feige Mörder. Mord im Namen einer Religion, wo soll das gerechtfertigt sein, in welchem Schrifttum soll die Anleitung und Aufforderung dazu stehen? Nein, dreimal Nein. Dazu gehört: Wir müssen differenzieren. Bitte kein Generalverdacht gegen Muslime. Sie haben diese Anschläge genauso scharf verurteilt wie wir.

Ich erinnere mich an die RAF-Jahre, als Baader-Meinhof-Ensslin und Co. auch vom Krieg schwadronierten, als sie eine Art Bürgerkrieg in unser Land tragen wollten. Aber sie hatten nicht die Verbündeten in den Reihen der Bürger, zu denen auch die Arbeiter zählten, auch nicht in den Reihen der Mehrheit der Studenten.  Also haben wir ihre Sprache nicht übernommen und sie in der Täter-Rolle gelassen. Es war Mord, den die RAF-Terroristen begingen, an Buback, Ponto, Schleyer und all die anderen, zu denen später noch Alfred Herrhausen kam, der Ende November 1989 ermordet wurde. Feiger Mord, begangen auch an den Fahrern und Personenschützern des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer, an dessen Fall die Öffentlichkeit in diesen Tagen erinnert wurde, als Helmut Schmidt starb.

Dass Deutschland an der Seite Frankreichs stehen werde, wie das die Bundeskanzlerin versprach, ist eine Selbstverständlichkeit. Deutschland und Frankreich, das ist das Fundament, auf dem Europa steht, Paris und Berlin ist die Achse, auf dem der EU-Zug fährt. Und wir alle müssen dafür sorgen, dass er nicht aus den Schienen kippt. Wir weinen mit Ihnen, hat Merkel gesagt. Ja, so ist es, so war es schon Anfang des Jahres, als die feigen Mörder den Anschlag auf die Redaktion von Charlie-Hebdo begingen und Menschen einfach umlegten.

Betroffenheit in ganz Europa

Blumen liegen vor der französischen Botschaft in Berlin, Blumen liegen vor dem französischen Institut in Bonn, überall zeigen wir unsere Betroffenheit, unsere Trauer. Wir sind betroffen, eine Betroffenheit, die viele Europäer erfasst hat. Am Rande eines Fußballspiels ein  tödlicher Anschlag, Attentate auf Menschen in einem Café, einer Bar, in einem Konzerthaus, brutaler geht es nicht. Sie haben sich die Orte ausgesucht, um klarzumachen: Seht her, wir können Euch überall treffen, die normalen Bürger an jedem normalen Platz in jeder Stadt der Welt. Das haben sie getan. Aber sie werden uns nicht unterkriegen. Wir werden ihnen nicht Platz machen, nicht weichen. Sie haben uns getroffen, der Schock sitzt tief. Aber die Demokratie werden sie nicht erschießen können, die Idee ist größer.

Es ist der Preis einer offenen Gesellschaft, den noch so große Sicherheitsmaßnahmen im Grunde nicht verhindern können. Selbstmord-Attentäter, die bereit sind, ihr Leben einfach wegzuwerfen, werden wir nicht in jedem Fall stoppen können. Wir waren vor vier Wochen in Paris, dieser lebenslustigen Stadt. Schon damals konnte man die Präsenz von Polizei und Militär auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt sehen, jeden Tag, zu jeder Stunde. Überall haben wir sie gesehen, schwer bewaffnet. Am Freitagabend wird es nicht anders gewesen sein, eher waren die Kontrollen noch schärfer als sonst, zumal es eine Bombendrohung gegen das Hotel gab, in dem die deutsche Mannschaft untergebracht war. Und doch ist es passiert. Es gibt keine absolute Sicherheit.

Die Spiele müssen weitergehen. So Avery Brundage während der Olympischen Spiele in München 1972, die bis zu den tödlichen Anschlägen des „Schwarzen September“ gegen die israelische Olympia-Mannschaft als fröhliche Spiele in aller Welt gefeiert wurden. Und dann die Toten. Die Spiele gingen weiter. Und schon damals hieß: Wir dürfen den Terroristen nicht diesen Sieg gönnen, indem wir die Spiele abbrechen. Nein, wir machen weiter, das sind wir den Toten schuldig. Auch der Fußball, diese Nebensache, wird weiter gespielt. Terroristen dürfen unseren Alltag nicht bestimmen.

Wer finanziert die Terroristen des IS?

Es wird nach weiteren Tätern gefahndet, mit Hochdruck, in Frankreich, in Belgien. Auf einer Autobahn in Bayern hatte man Tage vor dem Anschlag einen Mann aus dem Balkan festgenommen und in dessen Auto Waffen, Munition und Sprengstoff gefunden, dazu später die Adresse, die der Mann offensichtlich ansteuerte: Paris. Auch Deutschland stehe im Visier der Terroristen, hat der Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, gemahnt und deutlich gemacht, dass die Sicherheitsmaßnahmen auch hier verschärft würden. Was immer das bedeuten mag! Aber bitte nicht überreagieren, auf keinen Fall die Flüchtlingsdebatte mit den Anschlägen vermengen. Die Menschen sind doch exakt vor den Terroristen des Islamischen Staates geflohen.

Und wenn es stimmt, dass die Terror-Organisation „Islamischer Staat“ dahintersteckt, wie der IS selber für sich reklamiert hat, wenn die Täter in ihrem Auftrag den Massenmord begangen haben, muss man die Frage stellen: Wer finanziert den IS? In der Sondersendung „Hart, aber fair“ –Leiter Plasberg- schnitt der Fernseh-Journalist Michael Friedmann kurz diese Frage an und erwähnte in diesem Zusammenhang  die Staaten Katar und Saudi-Arabien. Leider ging niemand darauf ein, auch Plasberg zog es vor, auf der Betroffenheits-Schiene weiterzufahren. Ja, wer bezahlt diese Schurken-Organisation und wer hat sie mit Waffen beliefert? Gerade nach dem Attentat von Paris muss diese Frage in den Mittelpunkt rücken. Und wir dürfen uns auch nicht vor der Frage nach der Herkunft der Waffen drücken. Hat die Bundesrepublik nicht auch Waffen nach Riad geliefert, nach Katar?  Waffen-Exporte in Krisengebiete verbieten sich schon seit Jahrzehnten, aber über Umwege gelangen sie immer wieder in falsche Hände. Wenn das so ist, müssen auch diese Umwege für Waffenexporte gestoppt werden.

Die Syrien-Frage muss endlich von allen angepackt, der Bürgerkrieg beendet werden. Er hat schon Hunderttausenden von Menschen das Leben gekostet und Millionen Syrer dazu gebracht hat, die Heimat zu verlassen. An diesem Krieg verdienen doch nur die Waffenhändler und die Terroristen. Der Iran will eine Lösung, Russland sei auch dabei, wohl auch Regierungschef Assad, aber auch Vertreter der syrischen Opposition, hat Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach einer Sitzung in Wien erklärt. In einem halben Jahr könnte eine Übergangsregierung in Damaskus stehen. Das wäre ein Weg hin zu einem Frieden, der auch dem IS das Wasser abgraben würde. Wenn alle nur wollen!

 

Bildqelle: Wikipedia, Céline from Dublin, Ireland – Bataclan – Paris, CC BY-SA 2.0

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Schock-Zustand in Frankreich, Sorgen in Europa – Nach den Attentaten am Rande eines Fußballspiels' hat 2 Kommentare

  1. 15. November 2015 @ 14:45 Schock-Zustand in Frankreich, Sorgen in Europa – Nach den Attentaten am Rande eines Fußballspiels - Der Blogpusher

    […] Startseite » Blogosphäre » Schock-Zustand in Frankreich, Sorgen in Europa – Nach den Attentaten am Rande eines Fußballspiels […]

    Antworten

  2. 16. November 2015 @ 16:56 Wolfgang Wiemer

    Nach dem ersten Entsetzen über die brutalen Morde in Paris (und Beirut!) traut man Augen und Ohren nicht, wie sich einige bemühen, die organisatorischen und gesellschaftspolitischen Probleme mit der großen Zahl von Flüchtlingen und die Angst vor Terror miteinander zu verkoppeln. Angesichts seiner Kommentare könnte Herr Söder bei der CSU aus- und bei Pegida eintreten. Widerlich!

    Natürlich gibt es Ursachen dafür, dass französische, belgische und auch deutsche Männer sich zu Selbst- und Massenmördern radikalisieren. In erster Linie sind das Versäumnisse bei der Integration und dem Bemühen um Gleichheit in den zu Ghettos gewordenen Vorstädten. Ein französischer Präsident erhob diese Versäumnisse symbolisch zur Politik mit seinem Ausspruch, man müsse die banlieus „kärchern“. Insoweit unterstreiche ich den Hinweis, dass es andere, auf lange Sicht vernünftigere Mittel als die Eskalation der Gewalt gibt.
    Auf der anderen Seite stehen die Emotion, dass unter den Menschen, die am Freitag ermordet wurden, wohl niemand für die seit Jahrzehnten andauernden Versäumnisse verantwortlich war und die Überlegung, dass man Fanatikern, die den eigenen Tod bei der Planung ihrer Verbrechen vorsehen, mit keiner Verhandlungsstrategie und keinem diplomatischen Deal beikommen kann. Angesichts dieses Umstands verstehe ich Hollande sehr gut, wenn er von Krieg spricht.

    Während der Ost-West-Entspannungspolitik konnte man lernen, dass es sich auszahlt auf die eigenen Stärken, die Versprechen von Freiheit und Wohlstand, zu vertrauen. Brandt und Bahr haben darauf gesetzt, dass dies für die Nachbarn im „Ostblock“ attraktiv ist. So ist es dann ja auch gekommen.
    Jetzt aber ist die Ablehnung, ja der Hass auf die Freiheit der „Überbau“ zur Rechtfertigung der Mordtaten und bei den Führern des IS sogar das Motiv.
    Insoweit wird wohl beides nötig sein: die Entschlossenheit der Zivilgesellschaft, sich die Freiheit nicht nehmen zu lassen und das Aufwecken des bislang zurückhaltenden Gewaltmonopols unserer freiheitlichen Demokratien.

    P.S.: Einige Stunden bevor in Paris die Attentate verübt wurden, hat in Bonn eine rassistische Kundgebung stattgefunden. Als ich zu – zahlreicheren – Gegendemonstranten stieß, war von pronrw nichts zu sehen. Eine junge dunkelhäutige Frau, die offensichtlich die Parolen der Anti-rechts-Demonstranten nicht verstand, fragte besorgt ihren Freund, ob das hier Rassisten seien. Ich erklärte dann, dass sie im Augenblick nur Antirassisten sehen und hören würde, die anderen seien zu wenige. Daraufhin veränderte sich ihre Mimik von besorgt in hocherfreut; sie sei Französin und glücklich (!), das zu erleben. Sie könne sich an keine antirassistische Demonstration in Frankreich erinnern. Als frankophiler Reisender seit vielen Jahren, weiß ich, dass sie damit Frankreich unrecht tut; ich kann mich an viele Aktionen gegen Rassismus in Frankreich erinnern. Aber womöglich gab die Frau eine Stimmung wieder, wie sie von Nicht-Weißen in Frankreich gerade erfahren wird ?
    Mich hat diese Begegnung sehr bewegt; sie bekräftigt, dass es sich lohnt, viel mehr als bisher in Integration und in mehr Gleichheit zu investieren! Sie zeigt vielleicht auch, dass wir in Deutschland mit Glück etwas besser gefahren sind, als unsere Nachbarn, die schon länger und in größerer Zahl aus Afrika abstammende Menschen beherbergen. Das ist ein Erbe des französischen Kolonialismus. Der unaufmerksame, diskriminierende Umgang mit diesen Staatsbürgern hängt meines Erachtens damit zusammen, dass Kolonialismus und insbesondere der Algerienkrieg noch immer tabuisiert sind – zum Nachteil für diejenigen, die durch ihre Religion und Hautfarbe an beides tagtäglich erinnern. Vermutlich.

    PPS: Eine andere Anekdote vom Rande der Demonstrationen in Bonn am vergangenen Freitag: Um die Rassisten und die Demokraten voneinander zu trennen, hatte die Polizei die Wenzelgasse abgesperrt. Ein gut gekleideter Mann in den sogenannten besten Jahren hatte die Polizisten in der Friedrichstraße angesprochen und der Polizeibeamte antwortete: “ Sie möchten sicher zu der Gegendemonstration?“, und wollte offenbar den Weg dorthin beschreiben. Als der Mann aber die ihm so freundlich unterstellte Absicht verneinte, resignierte der Beamte und meinte höflich kühl: “ Ja, dann kann ich Ihnen im Augenblick nicht helfen!“ Ich empfand große Sympathie mit dem Polizisten und neige dazu, sie auf die ganze Polizei in NRW zu übertragen.

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