Schwaben sind die Gewinner

Die Meisterschaft der 52. Bundesliga-Spielzeit war seit Wochen entschieden und der FC Bayern München konnte es sich erlauben, besser gesagt: hat es sich erlaubt, die Saison mit einigen wenig engagierten Auftritten ausklingen zu lassen. Dann darf sich Trainer Pep Guardiola auch nicht wundern, dass die Mannschaft damit keine Begeisterung, nicht mal Respekt hervorruft.

Auch die Reihenfolge auf den ersten vier Plätzen ist letztlich so geblieben, wie es sich seit Wochen abgezeichnet hatte und wie es auch die Tordifferenzen widerspiegeln: Meister FC Bayern mit herausragenden plus 62 Toren, VfL Wolfsburg als Zweiter mit plus 34 Toren, der doch etwas überraschende Dritte Borussia Mönchengladbach mit plus 27 Toren, und Bayer Leverkusen als Vierter mit plus 25 Toren muss in die Relegation zur Champions League.

Mit dem unerwarteten und sogar deutlichen 3:1-Sieg bei Mönchengladbach schob sich der FC Augsburg noch auf den 5. Tabellenplatz vor und verzeichnet mit der damit verbundenen direkten Teilnahme an der Europa League den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte, und das völlig verdient.

Der FC Schalke 04 rutschte nach der Niederlage beim Hamburger SV und nach einer wieder einmal völlig desolaten, peinlichen Vorstellung auf den 6. Tabellenplatz ab, konnte sich aber noch direkt in die Europa League retten, wenn auch völlig unverdient. Im Oktober 2014 hat di Matteo das Traineramt bei Schalke übernommen. Ihm ist es bislang nicht gelungen, der Mannschaft einen Stempel aufzudrücken, spielerische Fortschritte, mannschaftliche Geschlossenheit erkennbar oder einfach nur Einsatzwillen spürbar werden zu lassen, die acht Monate sind schlichtweg in den Sand gesetzt. Einziger, wenn auch vermutlich nicht unwesentlicher, Trost dieser missratenen Saison ist, dass die Dortmunder in der Tabelle zwei Punkte hinter den Schalkern platziert sind.

Borussia Dortmund hat seine fulminante Aufholjagd vom Tabellenende weg mit dem 7. Tabellenplatz krönen können, der immerhin zur Relegation für die Europa League berechtigt. Aber da ist ja noch am kommenden  Wochenende das Pokalendspiel gegen den VfL Wolfsburg. Ein Sieg der Dortmunder mit dem extrem motivierten Trainer Klopp wäre für mich keine Überraschung; die direkte Teilnahme für die Europa League könnte auf diesem Wege gesichert werden.

Der letzte Spieltag dieser Bundesligasaison bezog seine Brisanz unzweifelhaft aus dem bislang spannendsten Abstiegskampf, bei dem noch sechs Mannschaften in den „Genuss“ des direkten Abstiegs kommen konnten. Der VfB Stuttgart zählt mit dem FC Augsburg als zweite schwäbische Mannschaft zu den großen Gewinnern dieses Tages, natürlich neben Hannover 96 und Hertha BSC Berlin, die beide dem Abstieg noch soeben und mit viel Glück entrinnen konnten. Hertha BSC schob sich nur auf Grund des immerhin deutlich besseren Torverhältnisses am HSV vorbei auf den rettenden 15. Tabellenplatz.

Dem SC Paderborn, dem Nichtabsteiger der Herzen, fehlten zum Relegationsplatz nur, aber auch immerhin vier Punkte. Im „Endspiel“ gegen den VfB Stuttgart konnten sich letztlich die größere Routine und die doch bessere spielerische Substanz der Schwaben durchsetzten. Trainer Huub Stevens hat nahezu generalstabsmäßig auf die letzten drei Spiele hin gearbeitet, diese eben auch gewonnen und das fast Unmögliche wahr gemacht, nämlich den Klassenerhalt. Zur Belohnung darf er jetzt seinen holländischen Hut nehmen, was schon vor Wochen von offizieller Seite ausposaunt worden war. Auf eine solche Methode eigentlich kontraproduktiver Motivation von Mannschaft und Trainer in fast aussichtsloser Tabellensituation muss man erst mal kommen!

Den zweiten Absteiger FC Freiburg hatten viele nicht unbedingt auf der Rechnung. Aber, nach dem Absturz am letzten Spieltag vom 14. Tabellenplatz auf den 17.  ist nach sechs Jahren  Bundesligazugehörigkeit der 4. Abstieg der Vereinsgeschichte unliebsame Realität. Ironie des Schicksals ist das geradezu tragikomische Tor zum 2:0 für Hannover 96, als der Freiburger Krmas direkt vor der Torlinie seinem Torwart beim Rettungsversuch „zuvor kam“ und ihm den Ball von der Hand ins eigene Tor beförderte. Übrigens, vielleicht überlegt sich Trainer Streich mal, wie seine ständigen Ausraster an der Seitenlinie nach außen wirken und ob sich ein Trainer so gehen lassen sollte.

Ja, und dann der Hamburger SV mal wieder auf dem 16. Tabellenplatz, dem Relegationsplatz. Trainer Bruno Labbadia hatte als vierter (!) Trainer der Saison das Himmelfahrtskommando übernommen und kann immerhin das Erreichen des fast schon aussichtslos erschienenen Zwischenziels verbuchen. Wahrscheinlich wird er mit seiner Mannschaft auch den Klassenerhalt schaffen. Genauso wahrscheinlich werden die an sich zwingend erforderlichen, seit Jahren im Verein angemahnten Strukturveränderungen und personellen Erneuerungen wieder einmal nicht in Angriff genommen. Also, auf ein Neues, Altes im nächsten Jahr.

Noch ein Wort zu den Schiedsrichtern. Die zahlreichen Fehlentscheidungen in den letzten Wochen haben für diesen letzten, entscheidenden Spieltag ein ungutes Gefühl aufkommen lassen. Glücklicherweise kann aber fest gehalten werden, dass gravierende, ein Ergebnis möglicherweise beeinträchtigende Fehler unterblieben sind. So soll es ja wohl auch sein.

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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