Windenergie

Selbstblockade bei der Energiewende

Bis 2022 werden alle Kernkraftwerke in Deutschland stillgelegt. Es sind zwar die sichersten Anlagen der Welt und sie erzeugen Strom ohne
CO2-Emissionen, doch nach der Erdbeben-Katastrophe mit schweren Folgen für die Atommeiler im fernen japanischen Fukushima zog die Bundeskanzlerin spontan die Reißleine und verordnete hierzulande den Ausstieg aus der Produktion von Atomstrom.

Milliarden-Kosten für Stromverbraucher

Der Ausstieg ist endgültig beschlossen, doch der Umstieg auf eine Stromversorgung ohne Kernkraft droht zu einem Abenteuer zu werden. Bislang schon müssen die Strom-Konsumenten jährlich weit über 20 Mrd. € für die Einspeisung von Sonnen- und Windstrom bezahlen. Allen gegenteiligen politischen Versprechen zum Trotz ist die EEG-Abgabe immer weiter gestiegen, zumal die Millionen privaten Haushalte und die Mehrzahl der Firmen die von der EEG-Abgabe freigestellten großen Stromverbraucher in der Industrie subventionieren müssen. Inzwischen liegt Deutschland mit seinen Strompreisen in der internationalen Spitzengruppe; von einer kostengünstigen Energieversorgung kann nicht mehr die Rede sein.

Der teure Wind- und Sonnen-Hype

Die Verheißung, dass Wind und Sonne keine Rechnung schicken, klingt inzwischen mehr als zynisch. Mit einer einzigartigen Subventionitis sind ganze Felder und viele Dächer mit Solarpaneelen bestückt, sind viele Landschaften mit Windrädern bestellt worden. Über 800 Bürgerinitiativen machen inzwischen Front gegen weitere „Windmühlen“ im Westerwald, Hunsrück, in der Pfalz und in vielen anderen deutschen Regionen. Zudem wird selbst manchen Euphorikern deutlich, dass Deutschland nicht das große Sonnenland ist: Die durchschnittliche Sonnenscheindauer lag im vergangenen Jahr gerade einmal bei 1.585 Stunden; das sind etwa 20 % der Jahresstunden, denn auch in Bayern und anderen deutschen „Solarländern“ scheint des Nachts die Sonne nie. Die Windergiebigkeit im Binnenland bietet ebenfalls nicht die Garantie für eine sichere Stromversorgung. Da Deutschland bislang nicht über viele Pumpspeicher-Werke und große Batterien verfügt, ist jener Strom, der bei gutem Sonnenschein und in günstigen Windzeiten im Überschuss produziert wird, nicht für dunkle und flaue Zeiten gehortet worden. Auch die immer wieder gepriesene Power to gas-Technologie ist weit weg von einer verbreiteten Realisierung. So bleibt bislang nur der Ausweg, viele Windräder zeitweise abzuschalten, wofür jedoch auch Kosten anfallen, oder den überschüssigen Solarstrom an ausländische Abnehmer zu leiten – nicht selten zu Minuspreisen.

Schlechte Folgen für die Umwelt

Alle bisherigen Versuche, aus diesem Dilemma herauszukommen und der Energiewende einen Schub in die richtige Richtung zu verleihen, sind gescheitert. Vielmehr müssen für Zeiten ohne Sonne und Wind ausreichend Reservekapazitäten vorgehalten werden, um sonst drohende Blackouts zu vermeiden. Die dafür notwendigen Stein- und Braunkohle-Kraftwerke belasten die Umwelt mit CO2-Emissionen. Dass damit die Erreichung der hochgepriesenen Ziele, zu denen die Klima-Kanzlerin sich verpflichtet hat, nur sehr schwer, wahrscheinlich jedoch gar nicht zu schaffen sein werden, muss derzeit jedenfalls als Wende-Zwischenergebnis festgestellt werden. Ob mit allen staatlich geförderten Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz etwa durch die Isolierung von Gebäuden und neue Heizungsanlagen sowie mit mehr Elektro-Autos sich ein ökologisch freundlicherer Trend einstellen wird, das bleibt unsicher.

Der Verspargelung Grenzen setzen

Die allzu hastig eingeleitete Energiewende hat sich längst von den großen energiepolitischen Zielen, nämlich eine kostengünstige, umweltfreundliche und sichere Energieversorgung zu erreichen, entfernt. Mit einem Maximum an Dirigismus, mit einer Vielzahl an Subventionen und mit immer weiteren Nachbesserungen ist vom Kurs der Ordnungspolitik mehr und mehr abgewichen worden. Spätestens mit Beginn der nächsten Legislaturperiode muss die Politik Mut zu einer Überprüfung des wichtigen Energiesektors beweisen und viele Weichen völlig neu stellen – vor allem wieder in Richtung Marktwirtschaft. Das jüngst eingeführte Ausschreibungsverfahren für Angebote regenerativer Stromlieferungen kann dafür ein erster Schritt sein, der konsequent fortgesetzt werden sollte. Immerhin macht der FDP-Bundesvorsitzende, Christian Lindner, hierfür Hoffnung, der sich „für eine marktwirtschaftliche Energiepolitik ohne Subventionen stark“ machen will. Gemeinsam mit seinem Koalitionspartner in Nordrhein-Westfalen, mit Armin Laschet und der CDU, haben sich die Liberalen an Rhein und Ruhr aktuell darauf verständigt, „den ideologischen Zubau der Windkraft in NRW in vernünftige Bahnen zu lenken, um Landschaften zu schützen und Kosten unter Kontrolle zu bringen“. Der Bau von Windrädern wird in NRW drastisch eingeschränkt; in Zukunft sind 1.500 m als Mindestabstand von einem Rotor zum anderen vorgeschrieben: So wird die Fläche für die Windspargel um 80 % verringert, die von der rot-grünen Vorgängern gewährte Besserstellung von Windrädern in Wäldern wird ganz gestrichen.

Große Chancen mit Offshore-Wind

Technologisch gibt es durchaus viele Möglichkeiten, die eingeleitete, aber falsch eingefädelte Energiewende wesentlich besser zu schaffen. Ein Beispiel dafür bietet die Gewinnung von Windstrom mit Rotoren auf der See – vor allem auf der Nordsee. Offshore-Wind hat ein riesiges Potenzial. „Die jüngsten Ausschreibungsergebnisse in Deutschland belegen die hohe Wettbewerbsfähigkeit“, darauf wies der Deutschland-Chef von Dong Energy, Martin Neubert, hin. Da ist es nicht zu verstehen, dass die Bundesregierung den Ausbau von Offshore-Wind willkürlich begrenzt hat – auf 15 Gigawatt, obwohl diese Kraftwerke Strom ohne jene Milliarden-Subventionen, die für Onshore-Wind und Solaranlagen zu zahlen sind, liefern könnten. Offshore-Wind garantiert eine sichere, kostengünstige und klimafreundliche Energieversorgung.

Drohende Engpässe beim Stromtransport

Allerdings gibt es ein Nadelöhr beim Transport des Stroms; dieser Engpass bei den Übertragungsnetzen, der beim Einleiten der Energiewende viel zu wenig gesehen wurde, wird immer bedrohlicher. Von den rund 7.700 Kilometern vorrangig geplanter Stromleitungen in Deutschland sind bislang gerade einmal 850 Kilometer realisiert worden. Ob die drei großen Nord-Süd-Strom-Autobahnen, die Windstrom von der Nordsee und Ostsee in die südlichen Regionen transportieren sollen, bis 2025 fertig werden, ist noch längst nicht sicher. Der zügige Ausbau der Stromnetze, so der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, bleibt die große Herausforderung.
Statt Hochspannungsmasten sollen Erdkabel eine höhere Akzeptanz bei der Bevölkerung erreichen. Nicht zuletzt Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat gegen die von ihm befürchteten „überirdischen Monstertrassen“ opponiert. Doch die Verlegung unter die Erde wird viel höhere Kosten verursachen und wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Neue Widerstände zeichnen sich zudem ab: Die Regierung des Freistaates Thüringen will den Bau der dringend benötigten Nord-Süd-Strom-Autobahn, den Südlink von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg, der durch Thüringen führen muss, verhindern. Hinzu kommt, dass die in Deutschland aktiven Netzbetreiber nicht mit dem größten Tempo den Ausbau der Stromleitungen voranbringen. Auch hier sollte die Politik für Remedur sorgen und vor allem mit neuen Regelungen mehr auf Wettbewerb beim effizienten und kostengünstigen Netzausbau setzen, wie es in anderen EU-Staaten – zum Beispiel in Großbritannien – längst praktiziert wird.

Weiter-so geht nicht

Mit einer Strategie des „Weiter so wie bisher“ wird die Energiewende mit Sicherheit nicht erfolgreich zu schaffen sein. Alle wichtigen Ziele der Energie- und Klimapolitik sind nur zu erreichen, wenn nicht die Politik mit immer neuen Subventionen, Restriktionen, Vorschriften und Gesetzen operiert, sondern sich im Energiesektor auf eine Ordnungspolitik besinnt, die die besten Technologien bei der Erzeugung fordert, die beim Netzausbau und bei der Energieverteilung auf Wettbewerb setzt.

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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