Ibrahim Yetim

Streit zwischen Erdogan und Berlin spaltet die Türken in Deutschland

3,5 Millionen Türken leben in Deutschland, viele davon in NRW und viele von ihnen sind hier geboren, besitzen die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft. Einer von ihnen ist der NRW-SPD-Landtagsabgeordnete Ibrahim Yetim(51), der in Dinslaken auf die Welt gekommen ist und in Duisburg aufwuchs, ein Mann mit einer für diese Einwanderer-Generation typischen Laufbahn: Lehre unter Tage, Abendgymnasium, Studium. Yetim, heute integrationspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, hat zwei Staatsbürgerschaften, die deutsche und die türkische, seine Heimat sind der Niederrhein und das Ruhrgebiet, die Wurzeln seiner Eltern liegen in der Türkei.

Der Streit zwischen dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan und dem Deutschen Bundestag wegen der beschlossenen Resolution, wonach das Massaker der Türken an den Armeniern vor 100 Jahren ein Völkermord war, ist eigentlich ein Berliner Thema, beschäftigt aber auch nahezu jeden anderen türkisch-stämmigen Zeitgenossen in der Republik, ja er spaltet die in Deutschland lebenden Türken. Der Riss geht mitten durch die Gemeinden.

Nicht der verlängerte Arm Ankaras

„Wir stehen zu unserer Herkunft, sind aber nicht der verlängerte Arm der Türkei“, so hörte man dieser Tage von in Deutschland lebenden Türken. Dass Bundestagspräsident Norbert Lammert in dieser Frage knallhart reagiert und Erdogans Kritik, besser seine Schmähungen zurückgewiesen und er sich im Namen des Bundestages vor die angegriffenen türkisch-stämmigen Parlamentarier gestellt hat, hat ihnen gefallen. Man hätte sich ein entsprechendes Wort der Kanzlerin gewünscht, die Lammerts Rede zumindest mit Beifall bedachte.

Auch Yetim muss sich seit den Anwürfen Erdogans gegen türkisch-stämmige Abgeordnete, sie seien wegen ihrer Zustimmung zur Resolution charakterlos und müssten einen Bluttest machen, einiges anhören. „Da fällt schon mancher Spruch und das ist nervend“, räumt der SPD-Politiker ein, dessen Haltung in diese Frage klar ist. „Dass es Völkermord war, was die Türken damals mit den 1,5 Millionen Armeniern machten, steht historisch fest, auch ich zweifle nicht daran. Und ich frage mich die ganze Zeit, warum Erdogan dieses Problem nicht aus der Welt schafft, indem er Schuld einräumt. Damit könnte er viel freier Politik machen.“

Yetim erinnert im Gespräch mit dem Blog-Der-Republik daran, dass der Bundestag in der Resolution eine deutsche Mitschuld unterschrieben habe, weil das Deutsche Reich damals tatenlos zugeschaut und die türkische Armee habe gewähren lassen. „Das wäre die Chance für Erdogan gewesen, das Thema Armenien endlich so zu behandeln, daß man vorurteilsfrei darüber reden kann.“ Der SPD-Politiker, der am Niederrhein wohnt, weist in diesem Zusammenhang auch auf das Verhalten deutscher Regierungen hin, was Schuldfragen der Deutschen in ihrer Vergangenheit betrifft, zum Beispiel in Südwestafrika. So hatte die Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Heidemarie-Wieczorek-Zeul, anlässlich einer Gedenkfeier der Hereros und Namas eine Rede gehalten, in der sie die Schuld der Deutschen damals klar anerkannt und die Hereros und Nams um Vergebung gebeten habe. „Es war Völkermord“, so die SPD-Ministerin. Und vor einem Jahr hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier für die Bundesregierung eine gleichlautende Erklärung abgegeben.

30 Prozent weniger Touristen

„Erdogan schadet mit seiner Haltung der Türkei“, glaubt Yetim. Die Touristen-Zahlen sprechen eine klare Sprache, sie sind um rund 30 Prozent zurückgegangen. Mancher Bürger fragt sich, bevor er eine Reise in die Türkei abschließt, ob es für ihn noch sicher ist, dort Urlaub zu machen. Und mancher nimmt von solchen Plänen Abstand, weil er Ressentiments gegenüber Deutschen befürchtet. Dabei waren die Deutschen mal beliebt in der Türkei, rangierte das Land am Bosporus unter den Lieblingsplätzen deutscher Touristen.

Der Nationalstolz der Türken war immer groß. Den anzusprechen, ja anzuheizen, das hat Erdogan schon in der Vergangenheit des Öfteren getan, wenn er Wahlkampf bei den in Deutschland lebenden Türken im Rheinland machte und dort gegen eine Anpassung- er sprach von Assimilierung- der Türken an die Deutschen zu Felde zog. Sie sollten Türken bleiben, ohne Wenn und Aber, so wetterte er immer wieder. Und damit hat er den Scharfmachern in einigen türkischen Verbänden in Deutschland die Munition für ihre Arbeit geliefert, eine Arbeit im Sinne Erdogans. Man bedenke, dass Tausende, Zigtausende von Türken seit Jahrzehnten hier leben, hier geboren sind, hier leben ihre Familien, gehen ihre Kinder zur Schule.

Was ist falsch gelaufen bei der Integration?

Wenn man sich die Diskussion darüber vor Augen führt, muss man sich fragen, was in der Integration falsch gelaufen ist. Einfach ist die Antwort nicht. Selbst hier geborene Türken, gerade mal 17/18 Jahre alt, die gerade das Abitur machen, deren Heimat eigentlich Deutschland ist, die in der deutschen Demokratie aufgewachsen sind, jubeln Erdogan zu, dem Mann, für den Begriffe wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit Fremdwörter sind. Der Integrationsrat in Duisburg hat die Resolution des Bundestages zu Armenien verurteilt, Initiatoren waren ein ehemaliges SPD-Mitglied und ein CDU-Ratsherr. Warum?

Richtig ist, dass niemand für alle in Deutschland lebenden Muslime sprechen kann, niemand hat die Macht und die Kompetenz, im Namen aller Türken das Wort zu ergreifen. Und mancher Moslem blickt gebannt nach Berlin und fragt sich, was wohl aus den Vereinbarungen zwischen der EU und Ankara, was aus der Forderung Erdogans wird, türkischen Reisenden nach Deutschland weitgehend Visafreiheit zu erteilen. Erdogan glaubt, wegen der Flüchtlingspolitik die Bundesregierung in der Hand zu haben, ja sie erpressen zu können, weil er ja den Millionen Flüchtlingen in der Türkei die Türen nach Europa, speziell nach Deutschland öffnen könnte. Mit allen Konsequenzen. Kaum zu glauben, dass ein solcher Deal unter diesen Aspekten zustande kommen könnte. Aber wer weiß, was passiert, wenn es zum Schwur kommt.

 

Bildquelle: ibrahim-yetim.de

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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