Königsberg (Luftaufnahme)
Das ehemalige Königsberg - heute Kaliningrad

Zwischen St. Petersburg & Danzig. Ein politscher Reisebericht: Teil2: Kaliningrad – Der leise Ruf nach Veränderung

Ewgeni Snegowski lächelt: „Es gibt bei uns in Kaliningrad eine bürgerliche Opposition. Die Bürgerbewegung. Sie will den Staat zwingen, seine eigenen Gesetze zu befolgen.“ Der Anfang Fünfzigjährige ist Lehrer für russisch und deutsch und gehört zu den vielen Beamten, Ärzten und Lehrern in Russland, die über ein denkbar spärliches Einkommen verfügen: 24 000 Rubel im Monat. Das sind 400 Euro. Nun ist die Bürgerbewegung in der Stadt am Pregel nur etwa 50 Frauen und Männer klein. Keine Bedrohung für das System Putin, das Ewgeni Snegowski als zutiefst korrupt bezeichnet, auch in Kaliningrad „bis hinauf zum Gouverneur“.

Königsberg war die Hauptstadt von Ostpreußen. Sie liegt zu beiden Seiten des Pregel und wurde 1947 in Kaliningrad umbenannt nach Michail Kalinin, zeitweise Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets, eines Weggefährten von Josef Stalin: „Kalinin überlebte als Wendehals und Opportunist die Stalinzeit,“ erzählt Ewgeni Snegowski, „er war wie alle anderen Führungsfunktionäre ein Zyniker. Diese Typen brachten nur Unheil über das Land.“ Der zentrale Lenin-Prospekt führt auf die Kneiphofinsel mit dem Dom. Ewgeni Snegowski verabschiedet sich. Er gibt Privatunterricht, muss etwas zu seinem kargen Gehalt dazu verdienen.

Swetlana Posulskaja ist etwa Mitte vierzig. Sie ist wissenschaftliche Assistentin an der hiesigen Universität und verehrt den großen russischen Maler Ilja Repin. Seinetwegen ist sie vor einigen Jahren extra nach Moskau geflogen, um sich seine in der alten Tretjakov Galerie hängenden Meisterwerke anzusehen: „Ich musste einfach seine Wolgaschlepper sehen und natürlich Lew Tolstoi, barfüßig.“ Berühmtere Gemälde gibt es in Russland nicht. Repin hat sie zwischen 1870 und 1873 gemalt. Vor drei Jahren waren sie in einer großartigen und seltenen Ausstellung in Chemnitz zu sehen. Selten deshalb, weil die russischen Galerien diese Arbeiten fast nie ins Ausland verleihen. Swetlana Posulskaja hat von der Ausstellung in Deutschland gehört und hätte sie gerne gesehen. Das hat sie sich nicht leisten können.

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Die sehr schlanke, lebhafte Frau spricht nicht so direkt wie Ewgeni Snegowski, aber auch sie wäre gerne weniger vorsichtig, zurückhaltend. „Ich lebe in Swetlogorsk, eine knappe Stunde mit dem Auto von hier an der Ostsee. Wenn wir dort hinfahren kommen wir durch eine wilde, unberührte, natürliche Landschaft. Wiesen und Wälder. Kleine Ortschaften mit Vorgärten für den Gemüseanbau. Denn die Landwirtschaft funktioniert bei uns nicht. Es ist furchtbar.“ Was sie nicht sagen will, ist: Zu Beginn der 90ger Jahre, unter Boris Jelzin, wurden die Ländereien der staatlichen Kolchosen privatisiert, zu Spekulationsobjekten. Das sind sie bis heute. Sie liegen brach. Niemand kauft sie. Eine nennenswerte Landwirtschaft gibt es im Oblast (Regierungsbezirk) Kaliningrad nicht. Alles wird importiert oder die Menschen versorgen sich selbst.

Swetlogorsk, das ist das alte Rauschen. Wie die Orte Cranz und Palmnicken im Samland gelegen. Rauschen liegt in einem Waldgebiet oberhalb des Ostseestrandes. Bernstein und Steilküste, Meeresrauschen und Thermalbäder. Russen machen hier Urlaub. Westliche Touristen kommen nur selten und in letzter Zeit fast gar nicht mehr her. Seit es im Osten der Ukraine Krieg gibt und die Krim von Russland besetzt worden ist. Ewgeni Snegowski hatte beim Abschied in Kaliningrad dazu nur gebrummt: „Die wirtschaftlichen Sanktionen dürfen nicht aufhören.“ Swetlana Posulskaja findet das auch und sagt noch: „Wenn wir nach Kaliningrad fahren sagen wir nicht, wir fahren nach Kaliningrad. Wir sagen, wir fahren nach König.“

Und sie wirken sich aus. Nach Königsberg sind in den ersten acht Monaten dieses Jahres nur noch drei Kreuzfahrtschiffe gekommen, in den Vorhafen von Baltisk, das alte Pillau, eingelaufen. Noch ärger trifft es die russische Marine: Auf der Königsberger Yantarwerft hatten, nach allem was bekannt ist, neun Fregatten gebaut werden sollen. Das Schiffbauprogramm musste nach dem dritten Schiff eingestellt werden. Der Grund: Die Gasturbinen für die Kriegsschiffe kamen aus der Ukraine. Die Dieselmotoren aus Deutschland. Die EU-Sanktionen verbieten weitere Lieferungen und in Russland werden solche Aggregate nicht hergestellt. Also gibt es nur drei Fregatten statt neun.

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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