2013 stürtze das Rana Plaza mit mehreren Fabriken der Bekleidungsindustrie in Sabhar, Bangladesch ein.

Teure Klamotten- billig und unmenschlich produziert – Ein erschütternder Blick auf die Praktiken eines auch tödlichen Geschäfts

Vor Jahr und Tag hatte der Fernseh-Journalist Christoph Lütgert die Arbeitsbedingungen bei der Billig-Firma Kik untersuchen lassen und war zu einem traurigen, ja erschütternden Fazit gekommen. Die Menschen in den Fabriken werden schlichtweg ausgebeutet, miserabel bezahlt, Lütgert erhielt für seine Recherche-Arbeit den Otto-Brenner-Preis. Jetzt hat Gisela Burckhardt, entwicklungspolitische Expertin, nachgelegt und die teuren Marken unter die Lupe genommen, produziert in einem der ärmsten Länder der Welt, in Bangladesch. Das Ergebnis: Auch die edlen Labels werden wie die Billig-Ware unmenschlich produziert und bei uns in Deutschland teuer ver- und gekauft.

„Todschick“ heißt ihr Buch, das man wörtlich nehmen muss: Weil der Tod in den Fabriken, in denen gearbeitet wird, an jeder Ecke lauert, weil man nicht weiß, wie lange das Gebäude hält, in dem gearbeitet wird oder wann es zusammenstürzt und viele Frauen unter sich begräbt. Und schick, ja schick sollen die Klamotten sein für die verwöhnte Kauf-Gruppe im Westen, die es sich leisten kann, im Grunde wöchentlich Teile des Kleiderschranks auszutauschen und neue, schicke Jacken, Blusen, Hosen und  Shirts reinzuhängen.

Korruption ist in Bangladesch an der Tagesordnung. Wer Geld hat, schmiert die so genannten Kontrolleure, damit Genehmigungen erteilt werden. Und wenn Gebäude zusammenkrachen, Menschen umkommen unter den Trümmern, ja was passiert eigentlich dann. Im Grunde nicht viel, weil man sich mit Kautionen wieder freikaufen kann. Fabriken, schreibt die Autorin, werden somit zu Todesfallen.

Beispiel Rana Plaza. Zwar haben Näherinnen am Vortag der Katastrophe bedrohliche Risse in dem Gebäude entdeckt, unmittelbar neben ihrem Arbeitsplatz. Einen Tag drauf stürzen riesige Betonbrocken auf die Frauen, sie sind sofort tot. Gisela Burckhardt beschreibt, dass Männer wie Sohel Rana, der Besitzer des Rana-Plaza-Gebäudes, Männer, die das „schnelle Geld verdienen und möglichst „viel Macht“ ausüben wollen, „Behörden  und Unternehmer schmieren, Bürohäuser und Fabriken hochziehen,wo und wie es ihnen passt, sie bauen Baracken für die Arbeiterschaft- und kassieren“(Todschick, Seite 19).

Dieses Gebäude wurde 2007/2008 als sechsgeschossiges Büro- und Ladengebäude errichtet, zwischen 2009 und 2012 um zwei Geschosse aufgestockt, 2013 wurde ein weiteres Stockwerk draufgesetzt. Im April 2013 stürzte es ein. Traurige Bilanz: 1134 Tote, 98 Vermisste, 2438 lebend Gerettete, davon 1800 Verletzte darunter 363 mit Arm –und Beinverletzungen, weitere 205 Personen mit verletztem Rückgrat oder verletzter Hüfte (S. 21). Mieter des Gebäudes seien eine Bank und fünf Textilfabriken gewesen.

Das Plaza-Komplex sei teilweise illegal errichtet worden. Der Besitzer, der „ebenso ehrgeizige wie korrupte regierungsnahe Jungpolitiker und Geschäftsmann“ Sohel Rana, habe den Gebäudekomplex auf edel getrimmt. Und dann der Einsturz, den Arbeiterinnen kommen sahen, wie ein junges Mädchen, das bei der Katastrophe ihre Mutter verlor, in einem WDR-Film berichtete: „An dem Morgen, als die Fabrik einstürzte, wollten viele nicht reingehen, weil es Risse im Gebäude gab. Aber man sagte uns: Kommt ruhig arbeiten.“

Und mit jedem Projekt wachsen das Bankguthaben und der Einfluss der Fabrikbesitzer auf Politik und Wirtschaft. „Denn Bangladesch gehört nach wie vor zu den Ländern, wo die Korruption nicht mal ein Kavaliersdelikt, sondern offenbar Kaufmannspflicht ist.“ Laut Transparency International ist  Bangladesch eines der korruptesten Staaten der Erde. Der blühendste und für Filz und Bestechung anfälligste Wirtschaftszweig sei die Bekleidungsindustrie, wo rund 80 Prozent der Exporterlöse des Landes erwirtschaftet würden. Von den 345 Parlamentsabgeordneten in Dhaka seien rund 10 Prozent selber Fabrikbesitzer, weitere rund 60 Prozent verträten direkte Unternehmensinteressen, viele Abgeordnete seien über familiäre Beziehungen unmittelbar mit der Bekleidungsindustrie verbandelt.

Ein solches Netz schafft Abhängigkeiten, gerade wenn zugleich Gewerkschaften nur schwach vertreten wären und wenn die Arbeiter so wenig verdienten und unter derart unmenschlichen Bedingungen arbeiten müssten, dass sie am Ende viel zu schwach wären, um sich zu wehren. Zudem fürchteten sie trotz allem um ihren wenngleich miserablen Job, weil es keine anderen Arbeitsplätze im Lande gäbe. So wächst die Macht der Fabrikbesitzer zu einer Allmacht, die sie im Grunde machen und walten lässt, wie sie wollen. „Unser Gesetzgeber ist der Fabrikbesitzer“, wird eine Arbeitsrechtlerin aus Bangladesch zitiert. Kaum einer, der diese Leute und deren Geschäftsgebaren kontrollierte, geschweige denn juristisch verfolgte.

Die Tragödie des Rana-Plaza-Komplexes ist zwar die größte im Lande bisher, aber es gab viele andere Unglücke, bei denen Hunderte zumeist Frauen ums Leben kamen, weil es in Fabriken zu Bränden und Einstürzen kam. In dem Buch werden viele menschliche Schicksale beschrieben, es ist eine Anklage, die sich gegen den Gesetzgeber in Bangladesh und die Fabrikbesitzer richtet, die aber auch die Einkäufer im Westen Europas nicht vergisst. Als Beispiel für edle Labels, die in Bangladesch produziert würden, wird die Firma Hugo Boss genannt.

Die Unternehmen aus Europa und den USA, schreibt Gisela Burckhardt, redeten gern von Sozialstandards und fairen Löhnen, würden aber in Wahrheit die Preise drücken, zu Lasten der Arbeiterinnen, „die dafür zahlen- nicht selten mit ihrem Leben.“ Frauen arbeiteten oft täglich zehn, oft auch 13, mitunter 15 Stunden. Massive Überstunden habe auch der WDR-Dokumentarfilm belegt unter dem Titel: Edelmarken zum Hungerlohn. Löhne reichten kaum zum Überleben, viele arbeiteten ohne Arbeitsverträge.

Was man tun kann dagegen oder was passieren muss, damit es vielleicht besser wird? Die Autorin fordert mehr Verantwortung der Unternehmen für die gesamte Lieferkette, Rechtsvorschriften, gültig für die gesamte EU, Transparenz der einkaufenden Firmen, damit man sieht, unter welchen Bedingungen gearbeitet werde, Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter stärken, die Verbraucherinnen und Verbrauchen müssten ihr Konsumverhalten überdenken, bewusster und kritischer zu konsumieren. Wörtlich: „Nicht auf Schnäppchenjagd gehen, informierter einkaufen, gezielter kaufen“.

Gisela Burckhardt: Todschick. Edle Labels, billige Mode- unmenschlich produziert. Heyne-Verlag München.  2015. 240 Seiten. 12,99 Euro.

 

Bild: Riijans CC BY-SA 2.0

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 468 Abonnenten.



Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Teure Klamotten- billig und unmenschlich produziert – Ein erschütternder Blick auf die Praktiken eines auch tödlichen Geschäfts' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht