Unternehmenskultur

Totengräber der Sozialen Marktwirtschaft

Ob Siemens oder die Deutsche Bank, ob VW oder einige andere Unternehmen in unserem Land – sie alle dominierten die Schlagzeilen in den Medien: Leider nicht mit positiven Meldungen, sondern mit Lug und Trug, und zwar in Dimensionen, die sich wohl kaum jemand zuvor hätte vorstellen können.

Da wurden Millionenbeträge an Korruptionsgeldern gezahlt, da wurden potenzielle Käufer von Anlagen, Schiffen und Panzern kräftig geschmiert, um Aufträge zu gewinnen. Da wurden Finanzgeschäfte getätigt, die eindeutig gegen gesetzliche Vorschriften verstießen und Milliarden-Strafen wie –Verluste brachten. Da wurden Käufer von Automobilen dadurch arglistig getäuscht, dass an Abgaswerten manipuliert wurde.

Wohl niemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es solche Skandale in Riesendimensionen. Die Staatsanwälte sind damit fast überbeschäftigt, wenn nicht gar überfordert, um gegen derartige Wirtschafts-Kriminalität mit Erfolg zu ermitteln und die Verantwortlichen aus den Firmen auf die Anklagebank zu bringen.

Nichts gehört, nichts gewusst und nichts getan

Dabei überrascht bei all‘ diesen kriminellen Taten, dass die hochdotierten Manager in den Vorständen der Unternehmen in allen Fällen nichts gehört, nichts gewusst und nichts getan haben wollen. Durchweg zeigen sie sich nach der Aufdeckung der Untaten noch völlig überrascht und versuchen, die Verantwortung auf Mitarbeiter unterhalb ihrer Etagen zu schieben. Wenn die Matadoren an der Spitze der Firmen dann doch ihre Sessel an den Vorstandstischen räumen oder räumen müssen, dann fallen sie zumeist sehr weich – mit hohen Pensionen, Abfindungen oder noch ausstehenden Boni: Manche – wie etwa Fitschen bei der Deutschen Bank oder Winterkorn bei VW – bleiben zunächst noch in Führungsfunktionen oder sie werden in andere leitende Positionen geschoben. Denn hier gilt die Kölsche Weisheit: Mann kennt sich, man hilft sich.

Da mischen die Aufsichtsräte munter mit. Nach dem Aktiengesetz sind sie verpflichtet Aufsicht zu führen. Wenn die profilierten “Ratsherren“ ihren gesetzlichen Pflichten intensiv nachgekommen wären, hätten sie doch auch schon etwas entdecken oder merken müssen, was in den Unternehmen nicht nach Recht und Gesetz lief. Doch sie üben sich in völliger Ahnungslosigkeit, zeigen sich total überrascht, fordern dann Aufklärung vor allem von denen, die das Unheil angerichtet haben. Dass hier insbesondere auch die Vertreter der Arbeitnehmer, zumeist die höchsten Gewerkschaftsbosse, sich wegducken und weggucken, ist mehr als fatal. Denn in nahezu allen Fällen müssen die Belegschaften das ausbaden, was an gravierenden Fehlern auf den Vorstands- und Aufsichtsetagen gemacht wurde – mit der Schließung von Tochterfirmen oder Filialen, mit dem Abbau von Arbeitsplätzen, mit dem Streichen von Boni und anderen Leistungen.

Verbal Spitzenklasse, in der Praxis Kreisklasse

Nur selten zuvor gab es so intensive Diskussionen über Compliance und Corporate Social Responsibility sowie Unternehmenskultur und – Ethik. Die Zahl der Seminare dazu ist Legende. Die wichtigen Vorstandsbosse halten profunde Vorträge als Sonntagsreden mit Weihrauch. Verbal sind sie absolute Spitzenklasse, in der Praxis vielfach nicht einmal Kreisklasse. Vergessen haben nicht wenige die Mahnung des ehrbaren Kaufmanns Buddenbrook: Mach‘ des Tages nur solche Geschäfte, dass Du des Nachts gut schlafen kannst.

Unsere Soziale Marktwirtschaft hat ihre Wurzeln in der Katholischen Soziallehre und in der protestantischen Ethik. Ihre Grundelemente sind der faire Wettbewerb auf den Märkten, die klaren Spielregeln des Gesetzgebers und die Verantwortung für unser Gemeinwesen, für unsere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Viele Manager von heute haben dies offenbar vergessen oder nie gelernt. Wen wundert es da noch, wenn Papst Franziskus davon spricht, dass eine solche Wirtschaft tötet, oder wenn immer mehr Bürger den Eindruck vom Raubtierkapitalismus gewinnen.

Manche Manager in Firmen, in denen Korruption, Manipulation, kriminelle Praktiken, Lug und Trug herrschen, sind wahre Totengräber der Sozialen Marktwirtschaft. Sie sollten sich nicht beklagen, wenn ihre Machenschaften und Verfehlungen aufgedeckt, in den Medien als Skandale dargestellt und – so bleibt zu hoffen – von Gerichten hart bestraft werden. Zudem sollte die Politik mehr Mut zu “Klarer Kante“ in Wort und Tat zeigen, denn die Wirtschaft und die großen Firmenbosse sind nicht sakrosankt. Ihr Fehlverhalten tangiert auch unsere Demokratie und führt zu viel Verdruss.

 

 

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


'Totengräber der Sozialen Marktwirtschaft' hat einen Kommentar

  1. 9. Oktober 2015 @ 14:45 Totengräber der Sozialen Marktwirtschaft - Der Blogpusher

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