Fukushima

Über das Leben nach der Reaktorkatastrophe – Fünf Jahre nach Fukushima

Die Mütter von Fukushima haben sich mit Geigerzählern ausgerüstet. Sie messen regelmäßig die radioaktive Strahlung in ihrer Gegend, sie erkunden den Lebensraum ihrer Kinder und erobern mit eigenen Händen, Hacken und Schaufeln verseuchte Parks und Spielplätze zurück. Fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe zeigt die japanische Dokumentarfilmerin Hitomi Kamanaka in „Little Voices of Fukushima“ (der deutsche Titel lautet: Kanon der kleinen Stimmen) Kinder, die zum ersten Mal in ihrem Leben barfuß über eine Wiese laufen.

Zum Auftakt der Europäischen Aktionswochen „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ berichtet die Filmemacherin in mehreren deutschen Städten und Paris über das alltägliche Leben mit den Folgen der Reaktorkatastrophe. Vor Journalisten in Dortmund schildert sie die amtliche Politik der Verharmlosung und Beschwichtigung, die viel zu eng bemessene Evakuierungszone, die Versäumnisse bei der medizinischen Versorgung, die anhaltenden Anfeindungen gegen alle, die den Verlautbarungen der Regierung skeptisch begegnen.

Mehr als neun Millionen Müllsacke, jeder gefüllt mit einer Tonne verstrahlter Erde, lagern in der Unglücksregion, sagt Kamanaka, und „zwischen den Säckebergen leben die Menschen“. In dreieinhalb Jahren Drehzeit hat sie 400 Stunden Filmmaterial aufgezeichnet. Sie will mit ihrem Film wachrütteln, sagt sie, doch die japanischen Medien unterdrückten atomkritische Stimmen und die Regierung verunglimpfe ihre Arbeit.

Durch ein Erdbeben ausgelöst

Lange vor der Reaktorkatastrophe von Fukushima, die vor fünf Jahren durch ein Erdbeben ausgelöst wurde und letztlich den Atomausstieg in Deutschland in Gang setzte, hat Hitomi Kamanaka sich mit erneuerbaren Energien und den Risiken der Atomenergie befasst. Sie überwand eine Krebserkrankung und leidet, nachdem sie bei den jüngsten Dreharbeiten erneut „viel Strahlung abbekommen“ habe, an grauem Star.

Der japanischen Regierung macht sie schwere Vorwürfe. Nach der Reaktorkatastrophe sei ohnehin nur in einer einzigen Stadt der Präfektur den Kindern Jod verabreicht worden, und diese Entscheidung sei per Anordnung gestoppt worden. „Die Kinder wurden nicht angemessen geschützt, die Mütter sind nach dem Beben mit ihnen rausgegangen, um Wasser und Lebensmittel zu holen, sie waren ahnungslos“, sagt Kamanaka. 1,6 Millionen Menschen leben nach ihrer Schätzung in den kontaminierten Gebieten, und da die Zwangsevakuierten nicht mehr entschädigt würden, kehrten vor allem alte Menschen nun vermehrt zurück.

Parallelen zwischen Japan und Belarus

Ihr Film zeigt auch Parallelen zwischen Japan und Belarus, das von der Tschernobyl-Katastrophe vor 30 Jahren am stärksten betroffen war und dessen Bevölkerung bis heute unter den Folgen leidet. Dort engagiert sich das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Dortmund seit seiner Gründung vor 30 Jahren. In der Hauptstadt Minsk baute das IBB zusammen mit belarussischen Partnern die Internationale Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“. Neben der Versöhnungsarbeit bildet der Verzicht auf die Atomkraft einen Schwerpunkt.

„Fukushima hat die Einstellung der Deutschen zur Atomenergie radikal verändert“, sagte IBB-Geschäftsführer Peter Junge-Wentrup bei der Eröffnung der Europäischen Aktionswochen. „Doch noch immer sind mehr als 100 Atomkraftwerke in Europa am Netz, noch immer sorgen ältere Reaktoren wie Temelin, Tihange, Doel3 und Fessenheim für Schlagzeilen.“ Gespräche im Deutschen Bundestag und im Europäischen Parlament sind Teil der Aktionswochen, die mehr als 300 Veranstaltungen in 200 Städten umfassen. Zeitzeugen der Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima berichten über ihre Schicksale. „Es sind von Menschen gemachte Katastrophen“, sagte Junge-Wentrup, und bekräftigte: „Die Vision von einem Europa ohne Atomkraft ist wichtiger denn je.“

Schirmherr der Aktionswochen ist das Europaparlament. „Das Ziel Ihrer Initiative wird vom Europäischen Parlament sehr geschätzt“, ließ EU-Parlamentspräsident Martin Schulz das IBB Dortmund wissen. Das Parlament sei in Hinblick auf die Frage der Sicherheit von Kernenergie „zutiefst besorgt“.

Bildquelle: Digital Globe – Earthquake and Tsunami damage-Dai Ichi Power Plant, Japan, CC BY-SA 3.0

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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