Varianten der Verelendung

Gehen wir doch davon aus, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Ratlosigkeit der „marktkonformen“ Politiker, der Fassungslosigkeit von uns Bürgern in der „Zuschauer- Demokratie“ – und dem pausenlosen, dem  bedrängenden Super-Markt-Geschehen, zum Beispiel einem völlig übersättigten Elektronikmarkt, der uns per flackernden Werbebotschaften weismachen will, dass wir unbedingt schon vom Auto aus den super teuren Kaffeeautomaten bedienen können müssen. Oder die Heizung anstellen aus der Ferne. Wir könnten ja sonst womöglich erfrieren.

Sämtliches Multitasking sehen wir als die superlative Herausforderung. Hightech allüberall.

Online, online, online. Das pathologische Starren auf Minibildschirme. Solch permanente Überanstrengung jedoch dürfen weder wir selber noch unsere gestressten Zeitgenossen bemerken. Denn das wäre sowas von uncool. Nein, wir strahlen weiter im Hochglanzformat, der glänzende Dauermodus, auch wenn das verzerrte Lächeln gefriert.

Das fatale Motto heißt: bloß keine Zeit verlieren! Angesichts der aktuellen extrem brutalen Kriegsschauplätze in der Welt wissen auch wir nicht mehr ein noch aus. Aber – auch wir sind kollektiv auf „stumm“ geschaltet. Als hätten wir nichts damit zu tun, als sei das – da draußen – „ein ganz anderer Film“.

Umso mehr forcieren sich die nimmermüden Angebotsdrogen  der Spaßgesellschaft.  Ob öffentlich-rechtliches Fernsehen oder die marktschreierischen Kommerzprogramme: zwischen den Horrormeldungen „frei Haus“ aus dem Irak, aus Syrien,  aus der Ukraine – es darf wie immer schallend gelacht werden. Business as usual, garniert von drallem Ulk. „Don’t worry, be happy“, der Imperativ des Wachstumswahns. Unentwegt knallt uns die Unterhaltungsindustrie voll mit schrill buntem Programm. So, als sei nichts geschehen, als geschähe – in der Tat – nichts Gravierendes. Auch das Entertainment  aber ist eine Kriegserklärung, kriegerische  Propaganda, auch so lärmt die coole Unerbittlichkeit des Turbokapitalismus, lähmt den Geist, die Seele, macht auch den Körper bleiern. Arrivierte Varianten der Verelendung.  Wir stopfen uns voll mit Junk-Food und chillen mit happy Junk-Drinks. Oder eben die kostbare edle Bio-Variante. Herbeigedopter Autismus.

Sämtliche Flatrates –  von früh bis spät im Einsatz. Wir  – sind kaum noch anwesend, permanent irgendwo auf Achse. So was von flexibel.  Das Gespür für die anderen, das Gespür für die je eigene Existenz – es reduziert sich. Es scheint zu stören, das Spüren.

Ja, es stört ein roboterhaftes Funktionieren.

Was ist das bloß für ein erbärmliches Dasein. So haben die machtgeilen Scharfmacher in aller Welt ein leichtes Spiel.

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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