Deutschland in Europa

Von Dohnanyi, Europa und der Trachtenmodenboom – Die Schulz-Kritik bei Maischberger

Harte Worte waren am gestrigen Abend von Klaus von Dohnanyi bei Maischberger zu hören. Gerichtet waren sie jedoch nicht an die anwesende Frauke Petry, sondern an seinen Parteifreund Martin Schulz. Er, der immer nur Europa, Europa, Europa sehe, sei der eigentliche Verursacher von Brexit. Seine Strategie falsch, so von Dohnanyi. Man müsse doch die Soziologie beachten. Die Nationen würden inzwischen ihre Identitäten wieder suchen – freudiges Nicken von Frauke Petry an dieser Stelle – und sich durch die Globalisierung heimatlos fühlen. Die steigenden Verkaufszahlen von Trachtenmoden sind für von Dohnanyi ein Beweis. Wie fragwürdig solch eine Untermauerung ist, sei dahingestellt. Von Dohnanyi, ehemaliger Bundesminister und langjähriger Bürgermeister Hamburgs, fordert den Rücktritt von Schulz.

Doch ist die teilweise sehr harte Kritik an Schulz gerechtfertigt? Schulz könne sicherlich nicht für alles verantwortlich gemacht werden, antwortet Giovanni di Lorenzo auf von Dohnanyis Vorwürfe. Tatsächlich konnten die ZuschauerInnen am gestrigen Abend eher auf die Idee kommen, dass von Dohnanyi in die Populismus-Trickkiste gegriffen hat, wenn er der pro-europäischen Politik von Schulz steigende Trachtenverkaufszahlen und das Gefühl des politischen Verlassenseins der BürgerInnen gegenüberstellt. Alles etwas vage.

Schaut man auf aktuelle Umfragen ( z.B. Junges Europa 2017 – Die Jugendstudie der TUI Stiftung, „Generation What?“ 2017), die vor allem den Blick von Jugendlichen auf Europa erforschen, so sieht man, dass die EU vor allem als Zweckgemeinschaft und Wirtschaftsraum wahrgenommen wird. Weniger als Wertegemeinschaft. Gerade solche Ergebnisse sollten doch eine stärkere Betonung der europäischen Leitgedanken bekräftigen. Es schließt sich eben nicht aus, dass man sein Bier in Tracht auf dem Oktoberfest genießt und trotzdem für offene Grenzen ist. Es wäre sicherlich wenig förderlich für Schulz gewesen, nationalistische Tendenzen stärker aufzugreifen und auf diese Weise dem „Gefühl des Verlassenseins“ entgegenzuwirken. Eine pro-europäische Politik bedeutet nicht solche Aspekte außer Acht zu lassen, sondern eine andere Vision von Gemeinschaft und Sicherheit zu vermitteln, die über die nationalen Grenzen hinausgeht.

 

Bildquelle: pixabay, User stux, CC0 Creative Commons

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Anna Pöhls
Über  

arbeitete während des Philosophiestudiums für TV-Produktionen wie „sternTV“ und „Günther Jauch“. Ihre Auslandsaufenthalte führten sie nach Israel, England und Neuseeland. Aktuell schreibt sie an ihrer Masterarbeit und arbeitet freiberuflich für „hart aber fair“ und in der politischen Weiterbildung.


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