Dortmund

Wenn der Aubameyang getroffen hätte…

Fußballdeutschland war sich vor dem Pokalendspiel einig: Wenn eine Mannschaft dem FC Bayern München Paroli bieten kann, dann ist es im Moment einzig und allein Borussia Dortmund. Diese Erwartungen haben die Borussen voll erfüllt. In 120 Minuten, also normale Spielzeit plus Verlängerung, haben die Bayern ihr übliches, wenig mitreißendes Ballgeschiebe im Mittelfeld unter sträflicher Vernachlässigung des Flügelspiels praktiziert, ohne besondere taktische Varianten oder gar Finessen, und sie haben sich auch die eine oder andere Torchance erspielt.

Aber trotz der wieder deutlichen, einfach nur nervigen, weil ertraglosen Feldüberlegenheit, an die man sich bei der von „Trainergott“ Guardiola eingestellten Mannschaft hat gewöhnen müssen, ist es den Bayern nicht gelungen, die hervorragend eingestellte und gut funktionierende Abwehr des BVB zu überwinden. Und wenn Pierre-Emmerick Aubameyang in der 85. Minute die wohl größte Chance des gesamten Spiels, als er nach einem blitzsauberen Konter und einer mustergültigen Flanke von Lucasz Piszczek völlig frei wenige Meter vor Torwart Neuer stand, genutzt und den Ball nicht über das Tor gedroschen hätte, dann hätten die Dortmunder alles richtig gemacht und den Pokal mit größter Wahrscheinlichkeit mit nach Hause genommen. So mussten beide Mannschaften nach der ergebnislosen Verlängerung ins Elfmeterschießen, was die Bayern dann mit 4:3 für sich entscheiden konnten, glücklich, aber eben nicht unverdient.

So gewann der FC Bayern München mit dem scheidenden Trainer Pep Guadiola zum 3. Mal hintereinander die Meisterschaft und zum 2. Mal hintereinander das Double.

Schiri mit deutlichen Schwächen

Wer die Saisonspiele, insbesondere auch die Entscheidungen der einzelnen Schiedsrichter sorgfältig verfolgt hat, der wird die ungewöhnlich vielen nicht nur umstrittenen, sondern einfach falschen Entscheidungen bemerkt haben, an denen erstaunlicherweise gerade die erfahreneren Schiris beteiligt waren. Der Mut zur Übernahme der Verantwortung für unpopuläre, aber richtige Entscheidungen schien häufig abhanden gekommen zu sein. Zu oft wurde dem Zuschauer das Gefühl vermittelt, dass es dem Schiri in erster Linie darum ging, möglichst ohne Aufhebens, ohne allzu starke Kritik über die Runden zu kommen.

Leider hat sich dieser Eindruck auch beim Pokalendspiel wieder verfestigt. Schiedsrichter Marco Fritz, er pfeift seit 2009 in der ersten Bundesliga und seit 2012 auf internationaler Ebene, zeigte deutliche Schwächen und Interpretationsschwankungen vor allem bei der Beurteilung von Zweikämpfen. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen: In der 97. Minute steigt Münchens Costa mit gestrecktem Bein auf das Sprunggelenk des Dortmunders Durm, der anschließend behandelt werden muss; fast unglaublich, dass er anschließend weiter spielen konnte. Reaktion von Schiri Fritz: keine persönliche Strafe für Costa in Form von Gelb, nicht mal ein Freistoß für den Dortmunder!

Den schwerwiegendsten Fehler leistet sich Fritz in enger Zusammenarbeit mit dem 4. Offiziellen Dankert in der 39. Minute, als der als Heißsporn nicht unbekannte Ribéry seinem Gegenspieler Castro mit der Hand ins Gesicht und mit dem Mittelfinger ins Auge fährt. Ein mustergültiger Anlass für eine rote Karte. Herr Dankert steht, weil es an der Seitenlinie passierte, nicht mal einen halben Meter daneben. Nach einer kurzen Besprechung der beiden Schiedsrichter Fritz und Dankert erhalten sowohl Castro (wofür eigentlich?) wie auch Ribéry die gelbe Karte, und Ribéry kommt wie schon im Endspiel der Champions League im Jahr 2013 um die an sich „verdiente“ rote Karte herum, übrigens auch damals im Spiel gegen Borussia Dortmund.

Merk als Haus- und Hofschiri der Bayern

Der ehemalige Haus- und Hof-Schiedsrichter des FC Bayern, Dr. Markus Merk, der jetzt als Sky-Experte fungiert, hat während des Spiels am Samstagabend das Verhalten von Fritz gutgeheißen und sinngemäß folgende Erklärung gegeben: das ist schließlich ein Endspiel, da gibt man nicht so leicht eine rote Karte! Aha, die Regeln gelten also nicht immer und für jeden, sie werden je nach Art des Spiels ausgelegt. Wenn ein Dortmunder Spieler betroffen gewesen wäre, da höre ich förmlich das Aufheulen des sich betrogen fühlenden Bayern-Vorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge

Angst und Bange wird einem um die Spannung in der nächsten Bundesliga-Saison, vor allem wenn man berücksichtigt, dass die Bayern mit Boateng und Hummels in der Innenverteidigung und Alaba und Lahm als Außenverteidiger die wohl beste Verteidigung in Europa stellen werden. Mittelfeld und Sturm werden sich nicht verschlechtern. Wenn man dann noch unterstellt, dass der neue Trainer Carlo Ancelotti den einzelnen Spielern mehr Raum für eigene Ideen und Kreativität lässt, durchaus auch mal zu Lasten des Ballbesitzes, wer aus der Bundesliga sollte dann noch mithalten können? Die wieder einmal personell geschwächten Dortmunder etwa? Hummels hat zwar, wie er nach dem Pokalendspiel verlauten ließ, bei Bayern noch nicht unterschrieben. Aber nachdem ihn Trainer Tuchel bei der Pressekonferenz nach dem Pokalspiel quasi ans Kreuz genagelt hat, wird der BVB für Hummels erledigt sein. Da hat Herr Tuchel menschliche Größe seiner persönlichen Enttäuschung geopfert.

Aber vielleicht ist ja diesmal, wieder einmal mit Schalke 04 zu rechnen!? Seit der Saison 2002/03 bis heute, also in 14 Jahren, hat Schalke 15 verschiedene Trainer beschäftigt, drei davon wurden sogar zweimal engagiert. Man darf gespannt sein, ob der neue Sportvorstand Christian Heidel, der auf Schalke natürlich schon wieder als „der“ Heilsbringer gehandelt wird, endlich mal ein glückliches Händchen bei der Trainerwahl unter Beweis stellen kann. Noch ist ja nicht entschieden, zumindest nicht verkündet, ob Trainer Markus Weinzierl vom FC Augsburg wirklich kommt. Die Ablösebedingungen sind wohl noch nicht zur beiderseitigen Zufriedenheit geklärt. Unverständlich erscheint mir, warum ausgerechnet Abwehrspieler Joel Matip ablösefrei nach Liverpool ziehen kann: da hat wohl jemand gepennt.

Bildquelle: Originalbild „Dortmund“, Bildquelle: pixabaxy, CC0 Public Domain

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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