Wenn der Schiri daneben pfeift …

Das Viertelfinale im DFB-Pokal lieferte eine deftige Überraschung und in zwei Spielen nahmen die Schiedsrichter wieder einmal gehörigen, wenn nicht gar entscheidenden Einfluss auf das Endergebnis. Doch der Reihe nach.

1899 Hoffenheim bot im dramatischen Spiel bei Borussia Dortmund eine überraschend gute, gleichwertige Partie. Vor allem das Fehlen von Hummels machte sich bei den Borussen negativ bemerkbar; schlimme Abwehrfehler (Subotic!) eröffneten den Hoffenheimern einige hochkarätige Chancen. Die aus Dortmunder Sicht völlig indiskutable Leistung in der ersten Halbzeit führte fast schon zwangsläufig zu einer 2:1-Führung für Hoffenheim. Nach der Pause erwachte der alte Borussen-Kampfgeist und es entwickelte sich ein spannender, völlig offener Schlagabtausch. Ein unhaltbarer Sonntagsschuss von Kehl aus rund 25 Metern brachte dann in der Verlängerung den Treffer zum 3:2 und damit den etwas schmeichelhaften Sieg für die Borussia.

Eine ebenso ausgeglichene Partie erlebten die Zuschauer in Wolfsburg zwischen dem dortigen VfL und dem Freiburger SC. Wer weiß wie das Spiel ausgegangen wäre, hätte nicht Schiedsrichter Tobias Stieler in der 72. Minute auf Strafstoß für die Wolfsburger entschieden. Man spricht in solchen Fällen oft von einem umstrittenen Elfer, was zumindest in diesem Fall irreführend ist, denn die Entscheidung beruhte auf einem gar nicht vorliegenden Foul, war also völlig falsch. Der Wolfsburger Caligiuri war im Zweikampf mit dem Freiburger Schuster grundlos, aber eben taktisch klug (?) zu Boden gegangen und prompt entschied Stieler auf Strafstoß für den Heimverein. Der Gipfel einer souveränen Entscheidungsfindung wurde einige Minuten später erreicht, als sich eine sehr ähnliche Situation im Wolfsburger Strafraum abspielte, Schiri Stieler jetzt aber den Zweikampf richtig einschätzte und nicht auf Strafstoß für den Gastverein entschied.

In Bielefeld musste Borussia Mönchengladbach, die gerade erst in München ihr Punktespiel gewonnen hatten, erleben, dass man sich dafür im Pokal nichts kaufen kann und dass auch ein Drittligist über sich hinauszuwachsen in der Lage ist, zumal wenn er zumindest anfangs nicht so ganz ernst genommen wird. Großer Respekt und volle Anerkennung für den Bielefelder Sieg im Elfmeterschießen. Das nächste Heimspiel im Halbfinale ist eine gebührende Belohnung, leider geht es dann gegen den VfL Wolfsburg.

Das vierte Viertelfinalspiel in Leverkusen gegen die Bayern wird wieder einmal überschattet und möglicherweise entscheidend beeinflusst von einer mehr als schwachen Schiedsrichterleistung.

Bayern München, ohne Ribéry, Robben und Schweinsteiger, wartete mit der gewohnten Spielanlage auf: Ballbesitz ohne Ende, fehlende Kreativität aus dem Mittelfeld, wo doch Alonso jetzt Alleinherrscher war, aber in der Wirkung von Bernat weit übertroffen wurde. Die erste wirkliche Torchance konnte in der 40. Minute durch Müller vermerkt werden. In der 2. Halbzeit verflachte das Spiel auf beiden Seiten, viele Fehlpässe, kaum zwingende Kombinationen. Beide Mannschaften hatten dennoch einige mehr oder weniger große Torchancen, die entweder vergeben oder die von den Torleuten in großartiger Manier zunichte gemacht wurden.

Nach einem Eckstoß für die Bayern drückt Lewandowski seinen Gegenspieler weg und köpft den Ball ins Tor. Schiri Zwayer aber hatte Sekundenbruchteile vorher wegen des Fouls abgepfiffen. Meinung einiger Fachleute nach dem Spiel: hätte man nicht pfeifen müssen! Ich sage: doch, es war nämlich ein Foul, ohne das Lewandowski vermutlich gar nicht an den Ball gekommen wäre.

Dann die 2. Minute der Nachspielzeit. Bayernspieler Thiago geht mit viel zu hohem Bein in einen brutalen Zweikampf und trifft Kießling mit einem wuchtigen Tritt vor die Brust so schwer, dass dieser ausgewechselt werden muss. Ob das mit Absicht geschah, weiß man nicht, mindestens war es grobe Fahrlässigkeit und Treten muss laut Regel generell mit einem Platzverweis bestraft werden, um so mehr, wenn es in solch rücksichtsloser Weise geschieht. Schiri Zwayer, der insgesamt eine schwache Leistung bot, verabreichte nur Gelb. Bei der nach diesem Foul nahezu zwangsläufigen Rudelbildung an der Außenlinie blieb der aus seinem Tor herbei geeilte Neuer ohne Sanktion. Auch so eine zunehmende Unsitte der Torleute.

Ironie des Schicksals war, dass ausgerechnet Thiago beim späteren Elfmeterschießen den entscheidenden letzten Strafstoß für die Bayern verwandelte und damit den Sieg sicherstellte.

In beschwichtigender, entschuldigender Weise erlaubten sich die Bayern später den Hinweis, dass Thiago doch ein überaus sportlicher, fairer Spieler und das Ganze doch wohl ein Versehen sei. Ein törichtes, lächerliches, nein ein dummes Argument. Der Schiri hat eine Augenblickssituation auf dem Spielfeld zu bewerten, schlimme Kindheiten oder an sich lobenswerte Verhaltensweisen aus früheren Lebensabschnitten dürfen und können dabei doch wohl keine Rolle spielen. Wieder einmal eine Situation, in der der Schiedsrichter das so wünschenswerte Rückgrat vermissen ließ.

Und zur Belohnung darf Bayern München im Halbfinale wieder mal zuhause ran und ausgerechnet gegen den Lieblingsgegner Borussia Dortmund.

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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