Cover Pfingsrosenrot

Wenn die Feindbilder Kopf stehen

Ein informativer Krimi über die aktuelle Korruption im ehemaligen Jugoslawien
Der neue Roman des zweisprachigen Autoren-Duos Schünemann & Volic heißt „Pfingstrosenrot“. Dieser Titel bezieht sich auf die blutrote Nationalblume des Kosovo und verheißt nichts Gutes, jedenfalls, was die unschuldigen Mordopfer angeht, die sich 2012 vom serbischen Belgrad auf den Weg in ihre alte Heimat Kosovo machen, und nach so viel Kriegsnöten und Erschöpfung doch noch einmal von vorne anfangen wollten. Vergebens. Es läge nahe, die Täter im Kreis nationalistischer Albaner zu finden, die alles, was von Serbien kommt, verständlicherweise hassen gelernt haben. Nun, die Kriminalistin Milena Lukin findet bald andere Spuren, stösst auf zynische Verquickungen zwischen serbischen Politikern und jeder Menge EU-Gelder, die – das wird nach und nach klarer – ganz und gar an den ursprünglich geplanten humanen Entschädigungszwecken vorbei organisiert werden. Auch in dem weltoffenen Belgrad von heute gibt es windige Herren, und mancher von ihnen „ist skrupellos und eiskalt – vor allem, wenn es darum geht, seine Interessen zu verteidigen. Und sein Interesse beim Rückkehrprogramm ist dasselbe wie damals bei ‚Korridor 17‘; so viel Geld wie möglich abzuzweigen und den größten Teil davon in die eigene Tasche zu stopfen.“

Naturgemäß gerät Milena Lukin bei ihren Recherchen in Gefahr, denn die Machenschaften ehemaliger Scharfmacher aufzudecken, die ihre korrupten Geschäfte unter dem Deckmantel demokratischer und fairer Regeln gewinnbringend realisieren wollen, diese kluge Entschlossenheit einer wachen und zugleich empörten Frau bleibt ja keineswegs ohne Folgen für die aufdeckenden Personen. In diesem spannend und kenntnisreich geschriebenen Kriminalroman lernen wir LeserInnen allerhand über die politischen Hintergründe der grausamen Balkankriege, und so zeigt sich mal wieder, dass das Genre Krimi wie auch bei anderen so begabten Autoren wie Schorlau, Bottini, French u.a. einen gesellschaftlich aufklärenden Charakter hat, denn hier lassen sich komplexe Machtverhältnisse gerade durch das vielschichtige Erzählen in Romanform sehr sinnlich ausdrücken. Umso nachhaltiger kann so auch das Interesse an Politik geweckt werden, und die tägliche Zeitungslektüre mit weiterem Lesevergnügen ergänzen, auch wenn die harten Fakten alles andere als aufmunternd sind.

Christian Schünemann und Jelena Volic: Pfingstrosenrot, Diogenes Verlag , 368 Seiten, 22 Euro

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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