Dreigroschenroman

Wiedergelesen: Bert Brechts Dreigroschenroman

Aus aktuellem Anlass – der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA sowie dem Aufkommen populistischer Strömungen in der Politik – ist die Lektüre des Dreigroschenromans außerordentlich lehrreich. Macheath, der Held des Romans, verkörpert viele der Eigenschaften, die man auch an Trump studieren konnte. Und seine Gefolgschaft ähnelt in Teilen der, die Trump gewählt haben.

Auch wenn immer wieder gesagt wird: Geschichte wiederholt sich nicht, so gibt es doch Symptome in der gegenwärtigen Entwicklung, die zu denken geben.

Im Unterschied zum Dreigroschenroman ist die Dreigroschenoper weithin bekannt. Seit ihrer Erstaufführung 1928 ist sie weltweit immer wieder gespielt worden. Wer kennt nicht die Moritat des Mackie Messer, vom Haifisch, der Zähne hat und andere Songs nach der Musik von Kurt Weill.

Möglich ist, dass die Dreigroschenoper ihre Popularität einem Missverständnis verdankt: Während es Brecht darum ging, der bürgerlichen Gesellschaft die eigenen korrupten Verhältnisse vor Augen zu führen, erkannten sich viele der Zeitgenossen in den Figuren der Oper offenbar selbst wieder und begeisterten sich an deren schonungsloser Selbstdarstellung. Elias Canetti berichtet von der Erstaufführung, sie sei kalt und berechnend gewesen. Die Leute jubelten sich gegenseitig zu. Dieses: Erst kommt das Fressen, dann die Moral – das entsprach präzise ihren eigenen Erfahrungen. Hannah Arendt kommt zu der Einschätzung, das Stück habe genau das Gegenteil von dem bewirkt, was Brecht gewollt hatte: die Entlarvung der bürgerlichen Moral und Heuchelei.

Brecht scheint dies gespürt zu haben: jedenfalls unternahm er im Dreigroschenroman den Versuch, seine Gesellschaftskritik noch einmal unmissverständlich zuzuspitzen und zu aktualisieren. Zur Romanform ging er auch deshalb über, weil es ihm nach 1933 in Deutschland verunmöglicht wurde, die Oper aufzuführen.

Zwischen der Erstaufführung der Dreigroschenoper (1928) und dem Erscheinen des Dreigroschenromans (1934) lagen politisch entscheidende Jahre. Brecht schreibt den Roman im dänischen Exil. Man kann darin die Quintessenz aus der Rezeption und Kritik der Dreigroschenoper, den Schlussfolgerungen, die Brecht aus dem Dreigroschenprozeß zieht und seiner Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse sehen, die zum Faschismus geführt haben.

Brecht zieht in seinem Roman mehrere Epochen der kapitalistischen Entwicklung zusammen: seine Figuren haben das Aussehen, als kämen sie aus der Zeit des beginnenden Kapitalismus: sie wirken mitunter etwas altmodisch in ihren schlecht gelüfteten Quartieren. Auf den stets nebligen Straßen Londons fahren noch Kutschen; das Telefon gibt es noch nicht und die Geschäftsleute schließen ihre Geschäfte in einer alten Badeanstalt ab, wo sie sich auf Ruhepritschen von Schwitzbädern und Massagen erholen.

Auch das Elend der Menschen wird mit einer Drastik geschildert, die auf die Verhältnisse zu Beginn des Kapitalismus zu verweisen scheinen. Und dennoch: Mögen auch die Umstände, innerhalb derer die Akteure sich bewegen, eine gewisse Rückständigkeit aufweisen – in deutlichem Kontrast dazu stehen die Methoden, die sie bei der Durchführung ihrer Geschäfte anwenden: diese sind durch und durch modern.

Als der Lernfähigste unter allen erweist sich Macheath: Er entwickelt sich vom Verbrecherkönig zum Großkaufmann, wobei es ihm gelingt, die dunklen Seiten seiner Biografie vergessen zu machen. Oder anders gesagt: Seine vielfältigen Erfahrungen in den unterschiedlichsten Milieus helfen ihm dabei, sich in jedem neuen Aktionsfeld zurechtzufinden. Er beherrscht den Slang der Einbrecher ebenso wie er lernt, sich der Verhaltensweisen von Bankiers und Geschäftsleuten zu bedienen. An Skrupellosigkeit ist er ihnen ohnehin ebenbürtig – meist sogar überlegen. Wenn er mit ihnen verhandelt, hat er fast immer einen Trumpf mehr im Ärmel.

Macheath ist vorsichtig und misstrauisch; seine gesellschaftliche Stellung erlaubt es ihm nicht, auch nur einen Fehler zu machen. Er beherrscht ein ganzes Repertoire an Verhaltensweisen; auch darin ist er seinen Gegenspielern überlegen. Er kann charmant und unverbindlich plaudern, wenn es gilt, den Bankiersbrüdern Opper den biederen Familienmenschen vorzuführen. Und er kann kalt und brutal sein, wenn seine Geschäftspartner (meist zu spät) bemerken, dass sie ihm wieder einmal in die Falle gegangen sind. Er verkehrt wöchentlich im Bordell, wo er sich auskennt; aber er lernt auch, wie man den Fisch isst, wenn man bei hochherrschaftlichen Leuten zu Tisch gebeten wird. Vor allem aber verfügt er über eine Tugend, die ihn zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Er ist eine geborene Führernatur, wie sie nur der moderne Kapitalismus hervorbringen kann: er ist rücksichtslos in der Verfolgung seine egoistischen geschäftlichen Interessen; vermag diese aber hinter der ideologischen Fassade des Biedermanns und guten Menschen derart zu verbrämen, dass ihm keiner beizeiten auf die Schliche kommt oder ihm gar das Wasser reichen kann.

Brecht gelingt es mit den Mitteln der Satire, diese Diskrepanz von praktischem Handeln und Ideologie zum Vorschein zu bringen:

Meiner Meinung nach, es ist die Meinung eines ernsthaft arbeitenden Geschäftsmannes, haben wir nicht die richtigen Leute an der Spitze des Staates. Sie gehören alle irgendwelchen Parteien an, und Parteien sind selbstsüchtig. Ihr Standpunkt ist einseitig. Wir brauchen Männer, die über den Parteien stehen, so wie wir Geschäftsleute. Wir verkaufen unsere Ware an Arm und Reich. Wir verkaufen Jedem ohne Ansehen der Person einen Zentner Kartoffeln, installieren ihm eine Lichtleitung, streichen ihm sein Haus an. Die Leitung des Staates ist eine moralische Aufgabe. Es muß erreicht werden, daß die Unternehmer gute Unternehmer, die Angestellten gute Angestellte, kurz: die Reichen gute Reiche und die Armen gute Arme sind. Ich bin überzeugt, daß die Zeit einer solchen Staatsführung kommen wird. Sie wird mich zu ihren Anhängern zählen.

Es sind Reden wie diese, die Macheath als das ausweisen, was der Kleinbürger eine Persönlichkeit nennt. Er, der zum Spielball undurchschauter Mächte geworden ist, sehnt sich nach klaren Verhältnissen. Die Opfer und Verlierer der Krise wollen vom Streit und Zwist der Politiker nichts mehr hören, die alles versprechen und nichts bewirken. So, wie Macheath redet, denken viele.

Walter Benjamin hat in einer scharfsinnigen Analyse des Dreigroschenromans auf diesen Sachverhalt hingewiesen:

Der Kleinbürger sucht einen Einzigen, an den er sich halten kann. Niemand will ihm Rede stehen, Einer soll es. Und der kann es. Denn das ist die Dialektik der Sache: will er die Verantwortung tragen, so danken ihm die Kleinbürger mit dem Versprechen, keinerlei Rechenschaft von ihm zu verlangen. Forderungen zu stellen, lehnen sie ab, „weil das Herrn Macheath zeigen würde, daß wir das Vertrauen zu ihm verloren haben“. Seine Führernatur ist die Kehrseite ihrer Genügsamkeit. Die befriedigt Macheath unermüdlich. Er versäumt keine Gelegenheit hervorzutreten. Und er ist ein anderer vor den Bankdirektoren, ein anderer vor den Inhabern der B-Läden, ein anderer vor Gericht und ein anderer vor den Mitgliedern seiner Bande.

Macheath verkörpert den Typus des modernen, weltgewandten Geschäftsmanns, der sich überall zu Hause fühlt und sich je nach Situation zu wandeln versteht. Demgegenüber stellt Peachum, der Bettlerkönig, noch den Geschäftsmann alten Typs dar. Seine Habgier versteckt er hinter Familiensinn, seine Impotenz hinter Askese, seine Erpressertätigkeit hinter Armenpflege. Am liebsten verschwindet er in seinem Kontor.

 Auch Peachum ist überaus vorsichtig und misstrauisch. Stets behält er den Hut auf, weil es kein Dach gibt, unter dem er sich sicher fühlt. Peachum versteht sein Geschäft, das Geschäft mit dem Elend. Er hat es studiert, in all seiner Vielschichtigkeit.

Er entwickelt sich zur ersten Autorität auf dem Gebiet des Elends, auch weil er ständig über die gesellschaftlichen und psychologischen Voraussetzungen des Bettelgeschäfts nachsinnt:

Es ist mir auch klar, warum die Leute die Gebrechen der Bettler nicht schärfer nachprüfen, bevor sie geben. Sie sind ja überzeugt, daß da Wunden sind, wo sie hingeschlagen haben! Sollen keine Ruinierten weggehen, wo sie hingeschlagen haben? Wenn sie für ihre Familien sorgten, sollten da nicht Familien unter die Brückenbögen geraten sein? Alle sind von vornherein überzeugt, daß angesichts ihrer eigenen Lebensweise überall tödlich Verwundete und unsäglich Hilfsbedürftige herumkriechen müssen. Wozu sich die Mühe machen zu prüfen. Für die paar Pence, die man zu geben bereit ist!

Nach 25 Jahren unermüdlicher Tätigkeit im Bettlergeschäft hat Peachum es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Aber die Geschäfte stagnieren. Die immer ausgefeilteren Methoden des Bettelns sind ausgeschöpft. Viel lässt sich da nicht mehr holen. Nach einer schonungslosen Analyse seiner Situation gelangt er zu der Einsicht, dass er seinen gesellschaftlichen Status nur bewahren kann, wenn er neue Geschäftsfelder für sich auftut. Um das Risiko weiß er. Völlig illusionslos stellt er fest:

Ich weiß, dass auf Mord schwerste Strafen stehen. Aber auf Nichtmorden stehen auch Strafen und furchbarere. Ein Herunterkommen in die Slums, wie es mir mit meiner ganzen Familie drohte, ist nicht weniger als ein Inszuchthauskommen. Das sind Zuchthäuser auf Lebenszeit.

Kurzum: Peachum steigt in ein höchst undurchsichtig Kriegsgeschäft mit Transportschiffen ein. Die Schiffe sollen zum Truppentransport während des Burenkrieges eingesetzt werden. Da sie morsch sind, gehen sie, kaum dass sie den Hafen verlassen haben, mit Mann und Maus unter. Es bedarf des Einsatzes aller politischen, medialen, kirchlichen und rechtlichen Inszenierungen, um die Ursachen des Unglücks zu vertuschen.

Brecht zeigt eindringlich und auf höchst einsichtige Weise, wie der ideologische Apparat der kapitalistischen Gesellschaft funktioniert: in diesem Fall die bürgerliche Rechtsordnung und das Verbrechen, die gemeinhin als Gegensatz verstanden werden. Bei ihm stellen sie Übergangsformen in verschiedenen Entwicklungsphasen des Kapitalismus dar. Brecht zeigt, welchen Anteil Verbrechen am Geschäft haben können; sie stellen den Sonderfall der Ausbeutung dar; von der Rechtsordnung sanktioniert. Als Peachum über die Vorkommnisse mit den Transportschiffen reflektiert, wird ihm klar,

wie die komplizierten Geschäfte oft in ganz einfache, seit urdenklichen Zeiten gebräuchliche Handlungsweisen übergehen! Mit Verträgen und Regierungsstempeln fing es an und am Ende war Raubmord nötig! Wie sehr bin gerade ich gegen Mord! Und wenn man bedenkt: daß wir nur Geschäfte miteinander gemacht haben!

Während es den Anschein hat, dass Peachum, der sich auf unbekanntes Terrain begibt und als Geschäftsmann alten Typs die undurchsichtigen Geschäfte, an denen er sich beteiligt, nicht durchschaut, erweist sich sein späterer Schwiegersohn Macheath als ein ganz anderes Kaliber. Macheath begreift schneller und besser als seine Geschäftspartner, was die Stunde geschlagen hat – sprich: welche Mechanismen die kapitalistische Wirtschaft bewegen und welche Methoden notwendig sind, um diesen Rechnung zu tragen. Peachum scheint mehr Opfer von Entwicklungen zu sein, während Macheath derjenige ist, der die Fäden zieht. Er nutzt die Spielregeln kapitalistischer Konkurrenz, indem er seine Einbrecherbande Waren stehlen lässt, die er dann zu überhöhten Preisen der Konkurrenz, der sie gestohlen wurden, anbietet. Er verknappt das Angebot, wenn der Markt überfüttert ist. Und weitet es aus, sobald die Konkurrenz zu seinen Bedingungen zu kaufen bereit ist.

Auch hinsichtlich der Geschäftsmethoden erweist sich Macheath als überaus lernfähig: vom Diebstahl bis zum Abschluss von Verträgen reicht das Spektrum, das er beherrscht. Ja, er weiß den Fortschritt, der im Übergang von einer Methode zur anderen liegt, durchaus zu schätzen. Deutlich wird dies in einer Rede, die er vor seiner Bande hält. An das Bandenmitglied Grooch gewandt, sagt er:

Grooch, Sie sind ein alter Einbrecher. Ihr Beruf ist Einbrechen. Ich denke nicht daran, zu sagen, daß er seinem inneren Wesen nach veraltet wäre. Das wäre zu weit gegangen. Nur der Form nach, Grooch, ist er zurückgeblieben. Sie sind kleiner Handwerker, damit ist alles gesagt. Das ist ein untergehender Stand, das werden Sie mir nicht bestreiten. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? Sehen Sie, noch vor ein paar Jahren haben wir eine ganze Straße gestohlen, sie bestand aus Holzwürfeln, wir haben sie ausgestochen, aufgeladen und weggeführt. Wir meinten wunder, was wir geleistet hatten. In Wirklichkeit hatten wir uns unnötige Arbeit gemacht und uns in Gefahr begeben. Kurz darauf hörte ich, daß man sich nur als Stadtrat etwas um die Auftragsverteilung kümmern muß. Dann bekommt man eine solche Straße in Auftrag und hat mit dem Verdienst dabei, für eine zeitlang ausgesorgt, ohne etwas riskiert zu haben. Ein anderes Mal verkaufte ich ein Haus, das mir nicht gehörte; es stand gerade leer. Ich brachte ein Schild an: Zu verkaufen, Erkundigungen bei XX. Das war ich. Kinkerlitzchen! Wirkliche Unmoral, nämlich unnötige Bevorzugung ungesetzlicher Wege und Mittel! Man braucht doch nur mit irgendwelchem Geld eine Serie baufälliger Einfamilienhäuser aufzurichten, sie auf Abzahlung zu verkaufen und zu warten, bis den Käufern das Geld ausgeht! Dann hat man die Häuser doch auch, und das kann man mehrere Male machen. Und ohne daß es die Polizei etwas angeht! Nehmen Sie jetzt unser Geschäft: wir brechen bei Nacht und Nebel ein und holen uns aus den Läden die Waren, die wir verkaufen wollen. Wozu? Wenn die Läden verkrachen, weil sie zu teuer arbeiten, können wir doch die Ware auch so haben durch einfachen, gesetzlichen Kauf zu einem Preis, der noch unter den Spesen eines Einbruchs liegt! Und wir haben, wenn Sie darauf Wert legen sollten, dann ebenso gestohlen, wie bei einem Einbruch; denn was in den verkrachten Läden an Waren lagerte, war ja auch schon den Leuten weggenommen, die sie gemacht hatten und denen man gesagt hatte: Arbeitskraft oder Leben! Man muß legal arbeiten. Es ist ebenso guter Sport! Man benutzt heute friedlichere Methoden. Die grobe Gewalt hat ausgespielt. Man schickt, wie gesagt, keine Mörder mehr aus, wenn man den Gerichtsvollzieher schicken kann. Wir müssen aufbauen, nicht niederreißen, das heißt, wir müssen beim Aufbauen den Schnitt machen.

Es sind Reden dieser Art, die Macheath als einen gewieften Ideologen und Geschäftsmann ausweisen, der auf der Höhe der Zeit ist. Im Dreigroschenroman sind die Stellen, an denen Macheath seine Ansprachen, Plädoyers oder Bekenntnisse hält, kursiv gedruckt: man könnte sie als das gesammelte programmatische Wissen des Macheath bezeichnen – ein Wissen, das aus den Erfahrungen des unerbittlichen Konkurrenzkampfes unter kapitalistischen Bedingungen resultiert. Dieses Wissen beruht auf zwei wesentlichen Voraussetzungen: der Fähigkeit zum dialektischen und plumpen Denken.

Walter Benjamin hat darauf hingewiesen, dass Dialektik und plumpes Denken unauflöslich aufeinander bezogen sind:

Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber von Subtilitäten verstehen. Da ist es ungemein nützlich, daß Brecht auf das plumpe Denken den Finger legt, welches die Dialektik als ihren Gegensatz produziert, in sich einschließt und nötig hat. Plumpe Gedanken gehören gerade in den Haushalt des dialektischen Denkens, weil sie gar nichts anderes darstellen als die Anweisung der Theorie auf die Praxis.

Der Dialektik bedarf es, um die immanenten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft zu analysieren. Macheath bekommt die Dialektik im alltäglichen, brutalen Konkurrenzkampf ums Überleben geradezu eingepaukt (Marx). Oft sind es scheinbar aussichtslose Situationen, denen Macheath sich gegenüber sieht und die ihn zu schärfstem Nachdenken zwingen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse unterliegen einem ständigen Formwandel. Sie werden zunehmend undurchsichtig und zwingen die handelnden Personen zu Verhaltensweisen, denen nur die stärksten unter ihnen gewachsen sind. Seine Reden erweisen Macheath als gelehrigen Schüler. Er weiß um die Sehnsüchte der armen Leute ebenso wie er ein Gespür für den Bedarf an ideologischen Phrasen entwickelt, mit denen die Herrschenden ihre Geschäftspraktiken verbrämen.

Brecht gibt uns viele Beispiele für diese einzigartige Gabe Macheath‘: seiner Fähigkeit zum plumpen Denken. Dazu heißt es bei Brecht: Die Hauptsache ist, plump denken lernen. Plumpes Denken, das ist das Denken der Großen. Es besteht darin, einen höchst komplizierten Sachverhalt auf den Punkt zu bringen. Einen Sachverhalt, den noch keiner so recht durchschaut, geschweige denn formuliert hat, so zu artikulieren, dass die Adressaten sich gleichwohl darin wiedererkennen. Das heißt: das neue Denken muss an das alte anschlussfähig sein. Was Macheath sagt, hat noch nie jemand ausgesprochen, und doch reden sie alle so. (Benjamin)

Es ist zugleich ein Denken, das ein Interesse in seiner abstraktesten, reinsten Form artikuliert – ohne Umschweife und störende Attribute. Es ist die Anweisung der Theorie auf die Praxis in Form einer Losung, die jeder versteht. Wenn Macheath seine Geschäftspartner, die allesamt ehemalige Gegner, ja Todfeinde sind, wieder einmal vor vollendete Tatsachen stellt, geschieht dies in einer Form, die sie die Dinge mit Macheath‘ Augen sehen lässt. So, wie Macheath seine Entscheidungen präsentiert, sind sie von zwingender Logik. Alternativen gibt es nicht. Es ist zwecklos, sich welche vorzustellen. Man weiß oder spürt zumindest, dass die Würfel gefallen sind. Und das da jemand spricht, der mit allen Wassern gewaschen ist und keinen Widerspruch duldet. Will man mit ins Boot, macht man am besten gute Miene zum bösen Spiel.

Macheath, der sich gerade unerlaubt von einer Gerichtsverhandlung, in der er wegen Mordes angeklagt ist, entfernt hat, fühlt sich nicht gerade wohl in seiner Rolle. Er hat den Herren Entscheidungen mitzuteilen, die für die meisten höchst unerfreulich sind. Unter den teilnehmenden Geschäftsleuten befindet sich sein eigener Schwiegervater, den er bei dieser Gelegenheit kennenlernt. Macheath weiß, dass er alle Trümpfe in der Hand hält, was ihm eine Art Überlegenheitsgefühl verschafft. Gleichwohl reflektiert er noch einmal seine Herkunft, seinen Werdegang, seine Erfahrungen und die Position, die er mittlerweile erreicht hat. Er tut dies auf die ihm gemäße Art – ohne Umschweife und höchst radikal in der Konsequenz seines Denkens:

Sie warten nur darauf, Verträge machen zu können, dachte Macheath angewidert. Dabei ekelt mich, den einstigen Straßenräuber, dieses Gefeilsche wirklich an! Da sitze ich dann und schlage mich um Prozente herum. Warum nehme ich nicht einfach mein Messer und renne es ihnen in den Leib, wenn sie mir nicht das ablassen wollen, was ich haben will? Was für eine unwürdige Art, so an den Zigarren zu ziehen und Verträge aufzusetzen! Sätzchen soll ich einschmuggeln und Andeutungen soll ich fallen lassen! Warum dann nicht gleich lieber: das Geld her oder ich schieße? Wozu einen Vertrag machen, wenn man mit Holzsplitterunterdiefingernägeltreiben das Gleiche erreicht? Immer dieses unwürdige Sichverschanzen hinter Richtern und Gerichtsvollziehern! Das erniedrigt einen doch vor sich selber. Freilich ist mit der einfachen, schlichten und natürlichen Straßenräuberei heute nichts mehr zu machen. Sie verhält sich zu der Kaufmannspraxis wie die Segelschiffahrt zur Dampfschiffahrt. Ja, aber die alten Zeiten waren menschlicher. Der alte, ehrliche Großgrundbesitz! Wie ist der heruntergekommen! Früher schlug der Großgrundbesitzer dem Pächter in die Fresse und warf ihn in den Schuldturm, heute muß er sich vor ein Gericht hinstellen und den Sohn eines Pächters, der dort als Richter sitzt, mit dem Gesetzbuch in der Hand zwingen, ihm einen Zettel Papier vollzuschmieren, mit dem er seinen Pächter auf die Straße jagen kann. Früher hat ein Unternehmer seine Arbeiter und Angestellten einfach hinausgeworfen, wenn ihnen der Lohn oder ihm der Profit nicht ausreichte. Er wirft sie auch heute noch hinaus, natürlich, er macht auch heute noch Profit, vielleicht macht er sogar mehr Profit heute als früher, aber unter welchen entwürdigenden Umständen! Er muß den Gewerkschaftsführern erst Zigarren in die ungewaschenen Mäuler stecken und ihnen eintrichtern, was sie den Herren Arbeitern sagen sollen, damit sie gnädigst in seinen Profit einwilligen. Das ist doch eine hündische Haltung! Einen anständigen Menschen würde unter solchen Umständen sein Profit überhaupt nicht mehr freuen, und wenn er noch so groß wäre! Er ist mit einer zu großen Preisgabe menschlicher Würde erkauft! Das betrifft sogar die Regierung. Natürlich werden auch heute die Massen angehalten zu einem arbeitsamen und opferfreudigen Leben, aber unter welch jämmerlichen Begleitumständen! Man schämt sich nicht, sie erst zu bitten, selber mit Stimmzetteln in der Hand die Polizei zu wählen, die sie niederhalten soll. Der allgemeine Mangel an Haltung macht sich auch hier bemerkbar.

Brecht schildert den Formwandel des ideologischen Apparats der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft. Macheath, der vor dem größten Triumpf seiner bisherigen Laufbahn steht, resümiert fast wehmütig seinen Werdegang vom Straßenräuber zum Geschäftsmann und kommt zu dem Schluss, dass die modernen Umgangsformen des Geschäftslebens denen der alten keineswegs moralisch überlegen sind. Gleichwohl hat er die Veränderungen in den gesellschaftlichen Beziehungen zu Kenntnis genommen und macht sie sich in altbekannter Manier zu eigen.

Er, der alle Praktiken beherrscht, die notwendig sind, um als Geschäftsmann erfolgreich zu sein – vom Mord, über den Betrug, die Täuschung, die Korruption bis hin zur Verfertigung von Verträgen – sehnt sich doch nach den alten, vorgeblich menschlicheren Verhältnissen zurück – wohl wissend, dass diese unwiderruflich vorbei sind und bestenfalls zur moralisierenden Bemäntelung der neuen Praktiken taugen.

Nachdem er seinen Geschäftspartnern die von ihm bereits vollzogenen Entscheidungen mitteilt, die für einige von ihnen den Ruin bedeuten, hält er wieder eine seiner berühmten Reden, die ihn als Mann von Format ausweisen:

Im großen ganzen bin ich mit dem Abschluß, zu dem wir heute nach mannigfachen Missverständnissen gekommen sind, zufrieden. Ich mache kein Hehl daraus: ich stamme von unten. Ich habe nicht immer an solchen Tischen gesessen und nicht immer mit so ehrenwerten Männern. Ich habe meine Tätigkeit klein begonnen, in einem anderen Milieu. Sie blieb aber im großen und ganzen immer die gleiche. Man schreibt im allgemeinen den Aufstieg eines Mannes seinem Ehrgeiz oder einem großen, verwickelten Plan zu. Offen gestanden, hatte ich keinen so großen Plan. Ich wollte nur immer dem Armenhaus entgehen. Mein Wahlspruch war: der kranke Mann stirbt und der starke Mann ficht. Schließlich kommen nur Leute wie ich nach oben. Sollte jemand schon oben sein und diesen Wahlspruch nicht beherzigen, dann wird er andererseits bald unten angelangt sein. Ich bin der Meinung meines Freundes Aaron, daß die Wirtschaft immer Männer meines Schlages erfordert hat. Andere Leute können aus dem Pfund, das die Vorsehung in ihre Hand gelegt hat, nicht das Geringste herausholen. Ich schließe mit dem Spruch: Immer aufwärts! per aspera ad astra! Und:  N i e m a l s  z u r ü c k b l i c k e n !

Auch hier erweist sich Macheath als Meister des plumpen Denkens: soeben hat er seine Konkurrenten niedergerungen und teilt ihnen seine Entschlüsse mit. Diese preisen ihn darauf hin über alle Maßen: loben seinen Geschäftssinn; scheuen sich nicht, seine Mitmenschlichkeit hervorzuheben; sehen ihn gar als Familienmenschen (ihn, der regelmäßig seine Donnerstage im Bordell verbringt) – und auf welche Weise entgegnet Macheath ihnen? Er verweist auf die  V o r s e h u n g  , die ihm das Pfund in die Hand gelegt hat, aus dem er – im Unterschied zu vielen anderen – etwas gemacht hat.

Brecht widmet diesem Sachverhalt das ganze abschließende Kapitel des Romans. Bekanntlich spielte der Begriff im Vokabular des Faschismus eine herausragende Rolle. Er wurde immer dann herangezogen, wenn es galt, wundersame Ereignisse wie den Aufstieg Hitlers oder das Misslingen eines Attentats auf ihn zu verklären – ins Unerklärliche, Mystische.

Brecht lässt den Soldaten Fewkoombey einen Traum träumen, der ihn als Obersten Richter eines Weltgerichts in die Lage versetzt, sein Urteil über eines der großen Verbrechen der Menschheit zu sprechen.

Nach langem Nachdenken, das allein schon Monate dauerte, beschloss der Oberste Richter, den Anfang mit einem Mann zu machen, der, nach Aussage eines Bischofs in einer Trauerfeier für untergegangene Soldaten, ein Gleichnis erfunden hatte, das zweitausend Jahre lang von allerlei Kanzeln herab angewendet worden war und nach Ansicht des Obersten Richters ein besonderes Verbrechen darstellte.

Um die Folgen des Gleichnisses sichtbar zu machen, lässt der Richter eine lange Reihe von Zeugen aufmarschieren und fragt sie, ob sich ihr Pfund, das sie von der Vorsehung geliehen bekamen, im Laufe der Zeit vermehrt hat. Wie sich zeigt, hat sich bei keinem der so Befragten ihr Pfund vermehrt. Der Richter fragt weiter: Hat der Angeklagte (gemeint ist der Bischof), gesehen, dass sich euer Pfund nicht vermehrt hat? Nach einigem Nachdenken antwortet auf die Frage ein kleiner Junge: Er muß es gesehen haben; denn wir haben gefroren, wenn es kalt war, und gehungert vor und nach dem Essen. Sieh selber, ob man es uns ansieht oder nicht.

Nach Abschluss der Beweisaufnahme wird der Bischof wegen Beihilfe zum Tode verurteilt, weil er den Leuten immer wieder dieses Gleichnis vorgehalten hat. Aber wie gesagt: es handelt sich nur um einen Traum, und einen Träumer wie den Soldaten Fewkoombey kann man nicht davon abhalten, wenigstens im Traum zu siegen.

Brecht hat für seinen Roman eine satirische Form der Darstellung gewählt. Dadurch gelingt es ihm, die Diskrepanz von kapitalistischer Ideologie und Wirklichkeit umso wirksamer hervorzuheben. Er zeigt, wie eine Wirtschaftsform, die alle Bereiche der Gesellschaft ihrem Diktum der Profitmaximierung unterwirft, durch ständigen Formwandel überlebt. Während sie die natürlichen und gesellschaftlichen Grundlagen menschlicher Existenz zerstört, produziert sie gleichzeitig immer neue Mythen und Ideologien, die die Ursachen dieses Zerstörungswerkes verbrämen.

Der Dreigroschenroman von Brecht ist überaus aktuell. Das soll abschließend noch einmal an der Rolle gezeigt werden, die nach wie vor dem Wettbewerb für das Funktionieren der Wirtschaft zugewiesen wird. Diese Passage liest sich wie ein modernes, neoliberales Credo:

Die Konkurrenz, mein Herr! Darauf beruht unsere Zivilisation, wenn Sie es noch nicht wissen sollten! Die Auswahl der Tüchtigsten! Die Auslese der Überragenden! Wie sollen sie überragen, wenn es niemanden gäbe, den sie überragen können? Die ganze Entwicklung der Lebewesen dieses Planeten können wir uns nur so vorstellen, daß es Konkurrenz gibt. Woher sonst überhaupt eine Entwicklung? Sie haben Hunger! Das ist alles? Unverschämtheit! Solche gibt es doch Tausende! Da wird doch ganz anderes geboten. Sie sind unglücklich. Nun, Sie leiden unter dem Unglück der Unglücklicheren. Das macht Sie konkurrenzunfähig. Das ist nichts als Bequemlichkeit, Schlechtrassigkeit und Renitenz! In Wirklichkeit sind Sie ein Schädling! Ohne daß es für Sie gut ist, schaden Sie, einfach durch Ihre Existenz, allen Anderen, Leistungsfähigeren, Elenderen! Was, sagt man, soviele Unglückliche? Wie soll man da helfen? Wo soll man anfangen? Das ist klar: je mehr Unglück es gibt, desto weniger braucht man sich damit abzugeben. Es ist ja fast schon allgemein! Der Naturzustand! Die Welt ist eben unglücklich, so wie der Baum grün ist! Weg mit Ihnen!

Brecht schrieb diese Zeilen 1933. Ist es möglich, dass wir diesen Zuständen näher sind als wir glauben? Wir wollen es nicht hoffen. Gleichwohl: Brecht zu lesen, kann einem auch die Augen für gegenwärtige Entwicklungen öffnen. Darin besteht sein geradezu überzeitliches Verdienst, das gleichzeitig ein Signum großer Literatur ist.

 

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 030 Abonnenten.



Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Zuletzt erschien sein Roman Das Haus des Dichters (2016) und das Journal Inside Out. Die Welt lässt sich nicht umarmen (2016)


'Wiedergelesen: Bert Brechts Dreigroschenroman' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht