Integration

Zukunftsstrategie für Integration

Schon im Jahr 2009 forderte die UNESCO in ihrem Weltbericht, dass die Regierungen mehr in die interkulturelle Vielfalt und in den interkulturellen Dialog investieren sollen. Deutschland hat sich diesen Aufgaben gestellt. Migration und Integration sind wichtige Themen und emotionale „Dauerbrenner“ , es könnte und müsste noch viel mehr getan werden.

Kriegsflüchtlinge und Arbeitsmigranten

Von Flüchtlingswellen wie auch von innereuropäischen Wanderbewegungen (Billiglohn-Arbeiter z.B. im Pflegebereich) ist Deutschland aber nicht allein betroffen. So zieht es Erwerbsmigranten mittlerweile nicht mehr ausschließlich in die klassischen Einwanderungsländer USA und Kanada, sondern auch nach Südafrika, nach China und in die Golfstaaten. Auch mit der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen stehen wir nicht allein! Auf der Grundlage des UNHCR-Berichts vom Februar 2016 kommen im Libanon und in Jordanien auf 1000 Einwohner 183 bzw. 87 Flüchtlinge. In der Türkei sind es bei 1000 Einwohnern 37 Flüchtlinge, in Deutschland 22 Flüchtlinge.

Migrationsforscher weisen immer wieder darauf hin, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Weder bei den Gastarbeiter-Nachfolgegenerationen, bei den Neuzuwanderern aus dem EU-Binnenmarkt noch bei Fachkräften in sogenannten Mangelberufen, die mit einer Bluecard nach Deutschland kommen, darf eine Homogenität erwartet werden.

Bei den Flüchtlingen aus drei Kontinenten haben wir es oftmals zusätzlich mit traumatischen Erlebnissen zu tun: Krieg, Vertreibung und nicht selten die Auslöschung von Familienstrukturen sind eine große Last, die diese Menschen veranlasst hat, ihre Heimat zu verlassen. Wer riskiert schon grundlos sein Leben? Vielleicht hätten wir uns in einer vergleichbar aussichtslosen und gefährlichen Lage selbst auf den Weg gemacht, oder? Darüber nachzudenken lohnt sich, weil Integration von der Aufnahmegesellschaft fraglos eine hohe Sensibilität erfordert, die nur über einen wechselseitigen Prozess zum Erfolg führt.

Chancen der Zuwanderung nutzen

Deutschland ist eine große und stolze Nation mit weitgehend prosperierenden Städten und Kreisen. Das Ergebnis einer Analyse des Schweizer Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos weist aus, dass nicht nur der wirtschaftsstarke Süden, die Rhein-Neckar-Region und das Rhein-Main-Gebiet florieren, sondern auch die regionalen Zentren wie Leipzig, Chemnitz, Erfurt und Weimar haben die Zukunftsperspektiven verbessert. Die Daten des Statistischen Bundesamts von Mitte 2016 hinsichtlich der Entwicklung der Geburtenrate, der Lebenserwartung und des Wanderungssaldos müssen wir in die Migrations- und Integrationsarbeit einbinden. Die Diversität ist also nicht nur wichtig für die internationale Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch für die Aufrechterhaltung der eigenen Strukturen und somit des Wohlstandes.

Deutschland wird weiterhin an den wichtigsten Zukunftsfragen Bildung, Qualifizierung und Integration hart arbeiten müssen. Dabei geht es nicht nur um die jungen Migranten, die in strukturschwachen Regionen oft abgehängt sind; es geht auch um die gezielte gesellschaftliche Bildung und Teilhabe sowie um die berufliche Qualifikation der Kriegsflüchtlinge. Deutschland kann mit den Aufgaben wachsen – wenn wir sie denn ernst nehmen und sie schaffen wollen. Die Sorge, dass sich künftig wieder verstärkt Parallelgesellschaften bilden, ist berechtigt, solange sich die Angst vor den Fremden wie ein Lauffeuer in Europa verbreitet und uns selbst spaltet.

Wir müssen klug und besonnen handeln; innovative und langfristige Konzepte in Kooperation mit Stiftungen und Verbänden sowie Institutionen können aus uns eine starke und stolze Gemeinschaft machen. Dies sollte unter Einbeziehung der Betroffenen geschehen, die jede kleine Sympathie spüren und mit uns hart an der gemeinsamen Zukunft arbeiten werden.

Loyalität zum Einwanderungsland wecken!

Integration ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der uns alle betrifft, im Kleinen wie im Großen: Auf dem Spielplatz, im Betrieb, in der Nachbarschaft, in der Wissenschaft, auf dem Fußballplatz und in der Politik. Daten über die strukturelle Integration sind reichlich vorhanden: Wie sich Migranten schulisch entwickeln, welche Berufe sie ergreifen, woran sie glauben, wo sie leben und vieles andere mehr – das alles ist längst bekannt. Vergessen wird dabei jedoch zumeist die emotionale Dimension. Die Einordnung der eigenen Identität kann kein Mathematikunterricht leisten. Die Entwicklung einer Loyalität zum Aufnahmeland wird selbst durch die vielen Hilfestellungen, die ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in Deutschland, in Griechenland, Italien und ja, auch in der Türkei, bereits erbracht haben und noch weiter erbringen, niemals gewährleistet.

Dies ist der wichtige Baustein einer globalen Welt, die wir Menschen für uns alle lebenswert gestalten sollten. Das muss unser Ziel sein. Dafür muss das interkulturelle Verständnis auf beiden Seiten – in den Zufluchts- und Einwanderungsländern ebenso wie bei den Migranten und Flüchtlingen- geweckt und gestärkt werden.

Diversität erfordert mehr Sensibilität

Für den sozialen Frieden in einer Einwanderungsgesellschaft wie Deutschland ist es wichtig, dass Migranten und Flüchtlinge Respekt gegenüber dem deutschen Staat haben. Darüber hinaus sind es zwischenmenschliche Spielregeln auf allen Ebenen, die beachtet werden müssen. Denn je internationaler unsere Gesellschaft wird, desto bedeutender ist es, mit kultureller Vielfalt, sprich mit verschiedenen Werten, Normen, Glaubensrichtungen und Lebensarten umgehen zu lernen.

Wir kommen aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedenen Ebenen in Kontakt miteinander, sei es im beruflichen oder privaten Bereich: Ohne eine interkulturelle Sensibilisierung auf beiden Seiten entstehen schnell Missverständnisse! Hinzu kommen Kränkungen und Verletzungen, denn aus derartigen Spannungen resultieren mitunter schwere Konflikte. Meistens liegt das daran, dass wir von der jeweils anderen Kultur zu wenig Ahnung haben. Die Menschen aus der jeweils anderen Kultur haben manchmal andere Emotionen, die uns befremden und unsere Handlungsfähigkeit hemmen. Für die Lösung dieser Probleme bedarf „interkultureller Kompetenz“. Denn nur mit mehr Einfühlungsvermögen für die andere Seite kann Diversität zum Erfolg werden.

Dazu gehört in erster Linie eine Einordnung in unsere Demokratie mit allen Rechten und vor allen auch mit allen Pflichten. Allen, die aus dem Ausland zu uns kommen, sollten die wichtigsten Artikel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland erklärt und nahe gebracht werden. Das mag oft genug eine Herkulesaufgabe sein, denn viele Migranten kommen aus Ländern mit völlig anderen staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen.

Bildquelle: pixabay, user geralt, CC0 Public Domain

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Gül Keskinler

Gül Keskinler lebt seit einigen Jahrzehnten in Deutschland. Die „Deutsch-Türkin“ ist Chefin der Agentur für Interkulturelle Kompetenz EKIP in Köln, die Konzepte für Bildung, Qualifizierung und Kompetenzerweiterung entwickelt und umsetzt. 2006 - 2016 ehrenamtliche DFB-Integrationsbeauftragte.


'Zukunftsstrategie für Integration' hat einen Kommentar

  1. 30. März 2017 @ 11:04 Rainer Schmidt

    Der Artikel geht in die richtige Richtung. Was uns in Deutschland fehlt, ist eine Einstellung der Mitte – jenseits der polarisierenden Meinungen, die leider die öffentliche Diskussion prägen

    Antworten


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