Heiner Geißler

Zum Tode von Heiner Geißler – Ein streitbarer Visionär

Die Nachricht vom Tode Heiner Geißlers hat nicht überrascht, denn er war bereits seit langem krank. Zum letzten Mal bin ich ihm am 1. Juli diesen Jahres in Speyer begegnet. Gemeinsam mit Norbert Blüm war ich zum Requiem für Helmut Kohl gefahren. Wir hatten mit Heiner Geißler verabredet, dass wir ihn auf dem Parkplatz vor dem Dom treffen. Seine langjährige Büroleiterin hatte ihn dorthin chauffiert. Als er aus dem Wagen stieg, wirkte er müde und hinfällig. Auf dem Fußweg zur Kirche nahm Norbert Blüm ihn an den Arm. Seine Schritte waren mühsam. Nach dem Requiem konnte er an dem militärischen Teil des Abschieds von Helmut Kohl auf dem Speyerer Domplatz nicht teilnehmen. Es fehlte ihm einfach die Kraft; sein Körper machte es nicht mehr mit.

Nun ist er im Alter von 87 Jahren in Gleisweiler, einem Ort nahe Landau, gestorben. Den meisten wird Heiner Geißler als außerordentlich dynamischer, kreativer, kampffreudiger und blitzgescheiter Mensch in Erinnerung bleiben. Ohne Zweifel war er nach Kurt Biedenkopf der beste Generalsekretär der CDU. Bereits als Ministerpräsident hatte Helmut Kohl den Mann aus Baden-Württemberg in das Kabinett der rheinland-pfälzischen Regierung berufen. Danach war Geißler Wegbereiter und –begleiter des Pfälzers in die Bundespolitik. Helmut Kohl wurde der Parteivorsitzende der CDU und dann im Herbst 1982 Bundeskanzler, Heiner Geißler ab 1977 Generalsekretär im Konrad-Adenauer-Haus in Bonn.

Bereits seit Ende der 70er Jahre war ich oft mit dem CDU-Generalsekretär zu stets interessanten und intensiven Gesprächen zusammengekommen. Stets kam er mit neuen Ideen, die er für die Modernisierung der CDU auch realisierte. Er brachte zum Beispiel die „Neue Soziale Frage“ in die öffentliche Diskussion und machte damit – in enger Kooperation mit Norbert Blüm – die Union auch für viele aus dem Arbeitnehmerlager wählbar. Lange Zeit war er ein genialer General, der die Parteizentrale und die verschiedenen Gliederungen der CDU gut organisierte und auf Wettbewerbsfähigkeit trimmte.

Zugleich war er der optimale Sekretär für Helmut Kohl über viele Jahre hinweg. So hielt er dem Kanzler den Rücken frei von der parteipolitischen Kleinarbeit, verteidigte ihn mit verbaler Kraft und Heftigkeit gegen die Angriffe der politischen Gegner.

Dabei gab es durchaus handfeste Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden politischen Alphatieren. Es ging wahrlich sehr lautstark dabei zu; wer hin und wieder das erlebte, war durchaus betroffen und erschrocken. Doch Kohl und Geißler fanden immer wieder zusammen, fanden gute Kompromisse und begruben manchen Streit bei einem Glas Wein aus der Pfalz. Doch wurde Ende der 80er Jahre dieses enge, freundschaftliche Verhältnis brüchiger. Da Kohl als Kanzler als Regierungschef und oberster Manager der CDU/ CSU/ FDP-Koalition mehr als ausgelastet war, entwickelte sich Heiner Geißler mehr und mehr zu einem „geschäftsführenden Parteivorsitzenden“. Immer häufiger kritisierte er auch öffentlich manche politische Entscheidung der Bundesregierung – insbesondere nachdem er 1985 selbst aus dem Kabinett als Minister ausgeschieden war. Er attestierte Kohl gar einen „blackout“, als dieser im Mainzer Landtag in einem Untersuchungsausschuss eher verwirrende denn erhellende Aussagen zur Spendenaffäre gemacht hatte und Otto Schily gar mit einer Anzeige beim Staatsanwalt ein Ermittlungsverfahren gegen den Kanzler initiiert hatte. Helmut Kohl war zutiefst getroffen; die Beziehungen zu Heiner Geißler verschlechterten sich zusehends. Zum endgültigen Bruch kam es, als der CDU-Generalsekretär gar versuchte, einen Putsch gegen den amtierenden Regierungschef zu organisieren und Lothar Späth zum Kanzler zu machen. Kohl beendete diesen Geißler-Spuk auf dem CDU-Bundesparteitag in Bremen im September 1989. Geißler wurde mit großer Mehrheit der Unionsdelegierten als Generalsekretär entthront und damit politisch weitgehend in Abseits gestellt.

Dennoch zog Heiner Geißler sich nach dieser für ihn so bitteren Niederlage nicht in seinen Weinberg „Gleisweiler Hölle“ zurück. In vielen Talkshows tauchte er als stets streitbarer Teilnehmer auf. Als Autor zahlreicher Bücher beschäftigte er sich mit den wichtigen politischen und gesellschaftlichen Themen sowie sozialen Problemen. Er machte als ehemaliger Jesuitenschüler auf manche Fehlentwicklungen aufmerksam, legte seinen Finger in die Wunde und behandelte manches mit den rhetorischen Fragen, was würden Jesus Christus oder Martin Luther zu den aktuellen Entwicklungen in Deutschland und der Welt sagen.

Als es um eine friedliche Lösung des erbitterten Streits um den Hauptbahnhof „Stuttgart 21“ ging, wurde Heiner Geißler als Schlichter berufen und von Gegnern wie Befürwortern akzeptiert. Zuvor hatte er das Schlichten bei manchen Konflikten zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern erfolgreich gemeistert.

Heiner Geißler war ein außerordentlich profilierter Politiker, der den fruchtbaren – bisweilen auch verletzenden – Streit suchte, um so eine lebendige und stabile Demokratie zu sichern und fortzuentwickeln. Er setzte sich zeit seines Lebens für die Menschen, vor allem für die breiten Schichten der Bevölkerung, ein. Geradezu missionarisch zog er bis zu seinem Tod gegen den Turbo-Kapitalismus zu Felde. Er wollte die Soziale Marktwirtschaft und hatte früher versucht, sie um das Ökologische zu ergänzen. Helmut Kohl und Heiner Geißler haben zu ihren Lebzeiten den Weg zur Versöhnung nicht gefunden. Beide waren jedoch ganz große prägende Männer für die CDU. Geißler war der Visionär und ist es geblieben, obwohl nicht alle ihm folgten. Mit Wehmut erinnern sich nicht wenige CDU-Mitglieder an diesen Generalsekretär von starkem Format, der an manchen Kapiteln unserer Republik mit seiner deutlichen Handschrift mitgeschrieben hat.

Bildquelle: Wikipedia, Heike Huslage-Koch, CC BY-SA 4.0

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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