Zwangsbeglückung

Wenn der amerikanische Elektronik-Konzern Apple seine neuen Produkte vorstellt, ist das immer auch so etwas wie ein kulturelles oder zumindest ein Medienereignis. Denn kaum ein Unternehmen polarisiert derart wie das, mit dem der 2011 verstorbene Firmengründer Steve Jobs einst eine Art Kultstatus erreichte. Auch nach dessen Tod inszeniert der Konzern aus Kalifornien sich und seine Produkte am liebsten selbst – mit einer großen Bühnenshow, an der in diesem Jahr auch die irische Rockband U2 beteiligt war. Weltweit 500 Millionen Nutzer der Musik-Plattform Itunes bekamen das neue Album der Gruppe mit dem Titel „Songs of Innocence“ frei Haus aufs Handy geladen. Kostenlos, ob sie es wollten oder nicht.

Seither schießen im Internet Spekulationen ins Kraut, ob es sich bei dem Spektakel nun „nur“ um einen großen Marketing-Coup des Unternehmens gehandelt habe, oder ob Apple gar, wie „Zeit Online“ es formuliert, hier die Zukunft des Musikvertriebs angedeutet hat und bald selbst zur Plattenfirma wird. Immerhin ist Apple bis Oktober, bis „Songs of Innocence“ offiziell erscheint, nun exklusiver Vertriebspartner der Band rund um Frontmann Bono und ihrer Plattenfirma Universal.

Wieder andere meinen, U2 habe hier lediglich die Plattform für ein Comeback genutzt, liegen die besten Zeiten der irischen Band doch schon einige Jahre zurück. Auch von der Verbrüderung von Kunst und Kapital ist die Rede. Egal.

Sicher ist, dass Apple hier ein einzigartiger Marketing-Coup gelungen ist, der Schuss jedoch auch leicht nach hinten losgehen könnte. So kann man Apple zwar mögen (oder hassen, dazwischen gibt’s wohl nichts), aber nicht jeder Musikliebhaber ist auch gleichzeitig Fan von U2. Also brach, kaum war die Apple-Show im kalifornischen Cupertino vorüber, in den sozialen Netzwerken ein Sturm los. Einige schreiben von Zwangsbeglückung. Es wird gelästert und getwittert, schließlich wolle man immer noch selbst entscheiden, wer einem was schenkt, heißt es. Andere fordern Apple auf, solche Aktionen zu lassen, oder klagen über zu wenig Speicherplatz. Mittlerweile geben erste Computermagazine bereits Tipps, wie man das Album zumindest ignorieren kann. Ganz löschen lässt es sich aus der Musikbibliothek nämlich angeblich nicht. Auch wieder so ein Coup.

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Anja Luckas
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Die Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftlerin publiziert als Journalistin. Sie schrieb unter anderem als Kultur- und Politikredakteurin der Westfälischen Rundschau, wo sie als Nachrichtenchefin arbeitete.


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