Impfausweis

Corona macht müde und aggressiv – Wo bleibt der Impfpass?

Nein, nichts ist gut nach all den Monaten. Und nur, weil die Ministerpräsidenten und Regierenden Bürgermeister beim Treffen mit der Kanzlerin nicht stritten wie die Kesselflicker, ist es nicht plötzlich gut in Deutschland mit der Stimmung. Corona und der Lockdown machen die einen müde, andere aggressiv. Und es bessert die Lage nicht, weil der Gesundheitsminister eine Verordnung ankündigt, die Ende Mai fertig sein soll. Ob er wohl erklären kann, warum das so lange dauern soll? Wer doppelt geimpft ist oder genesen, müsste doch eigentlich die Freiheiten zurückbekommen, die ihm die Regierenden durch die Notbremse auf Zeit entzogen haben. Wenn feststeht, dass der geimpfte Zeitgenosse andere nicht ansteckt, könnte es doch hier grünes Licht geben. Und wie sieht es eigentlich aus mit dem Impfpass? Oder warten wir auch hier auf eine gemeinsame europäische Lösung? Warum kann es nicht einen deutschen Impfpass geben? Wer will in der EU kann sich doch anschließen. Bei aller Liebe zu Europa ist das doch kein Alleingang, der verurteilungswürdig ist.

Stichwort Zweiklassengesellschaft: Jetzt, da sich abzeichnet, dass in wenigen Wochen, Juni/Juli jeder, der will, auch geimpft werden kann, kann doch der Impfpass nicht länger verweigert werden. Das Infektionsschutzgesetz sieht solche Freiheiten ausdrücklich vor. Das Argument des Chefs der Jungen Union, Tilman Kuban sticht nicht: „Was natürlich nicht sein kann, ist, dass im Sommer die Rentner am Strand liegen, aber die junge Generation weiterhin zu Hause sitzt“. Doch, es kann sein , Tilman Kuban, Ihr Argument zeugt von Neid.

Andersherum wird ein Schuh draus. Wenn Geimpfte und Genesene, die natürlich einen Impfpass mit sich führen müssen, wieder in eine Kneipe gehen können und zum Abendessen in ein Restaurant, während die Nichtgeimpften im gebotenen Abstand die Lokalität passieren müssen, sollte das nicht den Neid der Nichtgeimpften provozieren, sondern darauf hinweisen, dass diese Lockerungen auch ihn bald erreichen können, dann nämlich, wenn er geimpft ist. Ich kann darin keine Zumutung für die junge Generation erkennen, die ja auch beizeiten in den Genuss des Impfstoffs kommen soll und wird. Diese Diskussion über Solidarität und Neid sollten wir offen führen, auch zu Hause im kleinen privaten Kreis, zwischen Eltern und Großeltern und Kindern und Enkeln. Es darf nicht sein, dass wir hier nach dem Motto verfahren: Was ich nicht darf, darf der Nachbar auch nicht. Wenn die Museen zu sind, bleiben sie zu, bis alle geimpft sind? Ist das der Ton zwischen den Generationen? Ich hoffe nicht.

Wir wollen die Grundrechte zurück

Wir alle wollen unsere Grundrechte zurück. Wir sind müde durch Corona, Homeoffice, Fernunterricht, Kurzarbeit, geschlossene Kneipen und Museen, durch Verbote, die uns auferlegen, wie wenige Gäste wir zu Hause empfangen können, die uns auferlegen, dass wir selbst nach einer Impfung zum Corona-Test müssen, ehe wir den Friseur aufsuchen können? Oder zum Einkaufen? Der ganze Papierkram, der zudem den Staat  Geld kostet, geht mir auf die Nerven und anderen geht es ähnlich. Es geht mir auf die Nerven, dass ich meine Freunde und Freundinnen nicht mehr treffen, sie besuchen oder einladen darf. Man wird müde, weil es langweilig ist, das Leben ohne Freunde und Bekannte,ohne das Gespräch mit ihnen über Gott und die Welt.  

Und was die Grundrechte angeht: Da ist der Staat an der Reihe, er muss beweisen, warum er seinen Bürgern die Grundrechte verweigert. Und das wird er nicht können, wenn wissenschaftlich erwiesen ist, dass Geimpfte und Genesene nicht ansteckend sind. Dann geht ja von ihnen keine Gefahr mehr aus. Entsprechende Gerichtsverfahren kommen auf den Staat zu und diese Verfahren wird er verlieren, weil die Verhältnismäßigkeit von Verboten in den genannten Fällen nicht mehr gegeben ist, Es ist zudem eine Kostenfrage: Wenn diese Geimpften nicht mehr ansteckend sind, muss man ihnen den Zugang zu Museen, Kinos, Theatern, Opernhäusern, Hotels und Restaurants nicht mehr verwehren. Dann können die genannten Einrichtungen wieder öffnen und ihren Geschäften nachgehen, sie können Geld verdienen und werden hoffentlich den Lockdown wirtschaftlich und finanziell überleben. Der Staat-das sind im übrigen wir alle, die Bürgerinnen und Bürger- hat Milliarden Euro Schulden machen müssen, um die Menschen über Wasser halten zu können. Hunderte Milliarden Euro, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen, durch höhere Steuern oder die Kürzung von Ausgaben. Wer will, darf  auch darauf hoffen, dass wir diese Gelder durch mehr Wachstum wieder reinholen. Ich glaube das nicht, weil ich auch kein Wachstums-Fetischist bin. Nachhaltigkeit ist angesagt, sparsam mit den Ressourcen umgehen, Müll vermeiden.

Geschlossene Kneipen, Museen, Kinos und Theater bedeuten Verluste für die Inhaber, die Mieter, bedeuten Kosten, die teils der Staat übernommen hat.Man frage den Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der entsprechende Milliarden-Hilfen mit „Wumms“ angekündigt hatte.  Und je früher diese Inhaber und Mieter wieder selber Geld verdienen, weil sie wieder arbeiten , servieren, kochen können, umso eher braucht dieser Staat ihnen keine Gelder mehr zu geben. Sie haben dann wieder Einnahmen, mit denen sie ihre Kosten, ihre Miete, ihre Pacht, ihre Angestellten, Kellner und Köche bezahlen können. Sie gewinnen so ihr Leben zurück. Wir im Übrigen auch.

Der Vergleich des Mannes von der Jungen Union hinkt gewaltig. Ihm fehlt es an der nötigen Solidarität gegenüber denen, die das Glück haben, früher geimpft zu werden und damit geschützt vor der Seuche sind. Allen alles zu verbieten, ist nicht der deutsche Sozialstaat.Oder wie es der Kommentator der SZ geschrieben hat: Jeder Rentner, der am Strand seinen Prosecco trinkt-meinetwegen auch ein Pils und dazu eine Currywurst verzehrt- entlastet die Kasse in der Generation des Tilman Kuban. Man kann das weiterdrehen: Der Rentner, der am Strand liegt, hat Urlaub gebucht, Halbpension in einem Hotel, das durch diesen Rentner wieder zu Einnahmen kommt, um die der Staat entlastet wird. Und noch einmal für Tilman Kuban: Der Staat, das sind wir alle, auch er und ich, der Rentner. Und falls Kuban rheinisch versteht: Man muss jönne könne. Sein Parteichef Armin Laschet, er ist Aachener, könnte ihn hier aufklären.

Bildquelle: Tim Reckmann, Lizenz: CC-BY 2.0, via ccnull

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Corona macht müde und aggressiv – Wo bleibt der Impfpass?' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    29. April 2021 @ 01:54 Klaus Vater

    Am 1 Januar 2021 lag die Zahl der Infizierten in good old Germany bei 1,8 Millionen, die Zahl der durch Corona- Infekte unmittelbar und nachweisbar als Folge Verstorbenen bei 34 000. Am 1. März sagte das RKI: 2,4 Millionen und 70 000 Verstorbene. Am 1.4. waren es 2,8 Millionen und 76 000 Tote; am 24. April 3,2 Millionen und 81 000 Verstorbene.

    Ergebnisse der sogenannten dritten Welle. Das Tempo war schrecklich.

    Nach wie vor geht es darum, die Kontakte möglichst gering zu halten – zumal die Zahlen zeigen, dass sich die Infektionen in den Altersstufen ab der Grundschulzeit häufen: 220 000 Infizierte bis 15 Jahre; 950 000 bis 34 Jahre; 1,3 Millionen bis 59 Jahre. Älter als 80 etwa 290 000.
    Leitschnur kann doch nur sein, die Zahl der Toten pro Tag von einigen Hundert runter zu kriegen.
    Ende August werden –wenn es gut klappt – 60 Millionen geimpft sein, die meisten 2 X. Hoffentlich. Ob das die sogenannte Herdenimmunität ergibt, hoffentlich, weiß niemand. Bei Masern gibt es die erst bei 90 Prozent Impfung.
    Bis Ende August: Möglichst wenige Kontakte.

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