Egon Erwin Kisch

Schreib das auf Kisch! – Kriegstagebuch als Vorlage für jeden angehenden Journalisten

„Schreib das auf, Kisch!“ Diesen Satz aus dem Kriegstagebuch des „rasenden Reporters“ wurde uns einst von einem älteren Journalisten in einem Volontärkurs über das Thema Reporter vorgetragen, quasi als Beleg für Journalismus, wie er zu sein hat.  Schreib das auf, Kisch. Aufschreiben, was ist, das klingt so ähnlich wie Rudolf Augsteins „Sagen, was ist“, dem Lehrsatz, wenn man so will, für Spiegel-Redakteure. Ich erinnerte mich daran vor ein paar Tagen, als der Skandal um das deutsche Nachrichtenmagazin publik, als bekannt wurde, dass ein preisgekrönter Reporter namens Class Relotius den Spiegel ein ums andere Mal betrogen hatte. Er hatte Geschichten, die Namen und Fakten, schlicht und einfach erfunden.

Gerade jetzt, da die Blatt-Macher des getäuschten Magazins die Riesen-Affäre aufarbeiten, da sie alles sammeln, um zu erfahren, wie groß das Ausmaß des Betrugs ist, wie alles begann und zustande kam, wie es passieren konnte, dass es passiert ist, denke ich an Kisch. Und zitiere aus seinem Werk, wie ich es bei Amazon im Internet gefunden habe. „Jeden Tag stenographiere ich meine Lebensweise und meine Gedanken, die Lebensweise und Gedanken von Hunterttausenden …Die Kameraden spotten: „Schreib das auf, Kisch“. Der Satz wird zur ständigen Redensart. Und Kisch schreibt alles auf, „wenn der letzten Hosenknopf abreißt, wenn das einzige Stück Seife in den Brunnen fällt, wenn Blut in den Essnapf spritzt.“ Es ist Krieg, der Erste Weltkrieg, Kisch schreibt aus dem Schützengraben.

Beobachten und Berichten, das ist es, was wir zu machen haben, zu notieren, was gesagt wird, von wem, wer das ist, wo das war, meinetwegen auch wann und warum wer was gesagt hat. Aufschreiben, was ist, was wir sehen, hören, erfahren, auch was wir dabei spüren, müssen das dann aber auch erkennbar machen.  Kisch als Vorbild, der Mann aus Prag, der nach dem Krieg nach Berlin geht, Reportagereisen  in die Sowjetunion und in die USA unternimmt, nach dem Reichstagsbrand festgenommen und abgeschoben wird in seine Geburtsstadt, der nach Paris ins Exil geht wie viele andere seiner Generation, weil sie hoffen, dort vor den Nazis sicher zu sein. Nach Kriegsbeginn geht er nach Amerika, 1948 stirbt er in Prag.

Im Leitartikel der „Süddeutschen Zeitung“ beginnt die Autorin Annette Ramelsberger auch mit einer Geschichte von und über Egon Erwin Kisch. Titel: „Die Versuchung. “ Sie schildert die Verführbarkeit des Journalisten, der über einen Mühlenbrand zu berichten gehabt habe. Und der feststellen muss, als er den Ort des Geschehens betrat, dass die Kollegen von der Konkurrenz schon da gewesen waren, dass sie die besseren Kontakte zu Polizei und Feuerwehr gehabt, also über die besseren Informationen verfügt haben. Kisch konnte also nicht besser sein als die Konkurrenz, also habe er überlegt, was er tun konnte. Und er begann, so heißt es in der SZ weiter, seine Fantasie zu bemühen, er habe Obdachlose im Schein der Flammen auftauchen lassen, er habe beschrieben, wie sich ein Hüne und ein Gendarm drohend gegenüberstanden.

Wir sind der Wahrheit verpflichtet

Die Chefredaktion des Konkurrenzblattes habe tags darauf ihre Journalisten gefragt: „Warum haben wir das nicht?“ Und als die Befragten entgegneten, das sei doch so gar nicht gewesen, habe der Chef seinen Reporter geschimpft: „Komisch, dass sich die anderen immer die interessantesten Lügen ausdenken, und Sie immer nur die langweiligste Wahrheit wissen!“ So die SZ.

Das ist nicht zum Lachen. Denn es geht um die Wahrheit, auch dann, wenn ein Journalist meint, so unter Druck zu stehen, dass er die Wahrheit ein bisschen verbiegen müsste, um den leidigenKonkurrenten vom anderen Blatt hinter sich zu lassen. „Wir sind der Wahrheit verpflichtet.“ Diesen Spruch haben wir in meiner Zeit als Bonner Korrespondent der WAZ und der Augsburger Allgemeinen oft gesagt, der eine oder andere hat das belächelt. Aber im Ernst: Sicher geht es stets um die beste und exklusive Geschichte, die mehr Informationen enthalten soll als die Reportage der Konkurrenz. Aber die Informationen müssen stimmen.

Was der Reporter Class Relotius sich geleistet hat, ist ein handfester Betrug. Er hat dem Journalismus einen Bärendienst erwiesen. Gerade in Zeiten, da wir uns gegen die Vorwürfe der Rechtspopulisten von der AfD und Pegida- „Lügenpresse“- zu wehren haben, passiert eine solche Katastrophe. Jawohl, das ist eine Katastrophe, weil sie das Fundament des Journalismus zerstört: die Glaubwürdigkeit. Relotius hat den Spiegel übers Ohr gehauen, die Zeit, den Tagesspiegel, die SZ, Leitmedien im deutschen Journalismus. Und wer davon nicht direkt betroffen ist, wer also keine Geschichte und Interviews von Relotius gedruckt hat, soll sich darüber still freuen, dass er verschont wurde. Aber bitte keine Schadenfreude darüber, dass es die Edelfedern erwischt habe.

Um Glaubwürdigkeit und Vertrauen

Glaubwürdigkeit, Wahrheit, darum geht es. Informationen, Nachrichten müssen stimmen. Jede Geschichte enthält einen nachrichtlichen Kern, um den sich alles drehen sollte. Das muss nachweisbar sein, belegbar. Wir dürfen nicht versuchen, der Geschichte mit Hilfe von Fantasien einen besonderen Kick zu geben. Ja, es kann passieren, dass sich eine Recherche erschöpft, dass man nicht weiterkommt. Dann ist das so, muss man sich damit zufrieden geben, es der Redaktion mitteilen. Und die kann dann entscheiden, ob es sich lohnt, diese Geschichte dem Leser vorzusetzen. Es geht auch im Verhältnis zur Redaktion um die Glaubwürdigkeit von Journalisten. Man muss dem Reporter ein Grundvertrauen gegenüber haben, dass er solide recherchiert, nichts erfindet, nicht zitiert, was nicht gesagt worden ist.

Man kann über Sitzungen berichten, wie das die Korrespondenten seit Jahren tun müssen, bei denen sie nicht anwesend sind. Das gilt für Fraktionssitzungen, für die des Kabinetts. Dann ist man angewiesen auf Einschätzungen und Zitate von Teilnehmern, die einen während oder nach den Sitzungen anrufen und sagen, was war. Das muss man dann kenntlich machen. Man hat eben gehört, erfahren, überprüfen kann man das vielleicht später, indem man andere Teilnehmer befragt und möglicherweise erfährt, dass der eigene Informant eine andere Sicht der Dinge einem mitgeteilt hat. Auch das kann man zum Ausdruck bringen. Man kann über die Eisenbahn im Keller des Hauses des bayerischen CSU-Chefs Horst Seehofer berichten, ohne je dort gewesen zu sein, man muss aber klarmachen, dass man selber nicht im Keller war, sondern die Informationen über Seehofers Hobby von einem anderen erhalten hat.

Die Überbringer der Nachrichten

Journalisten sind die Überbringer der Nachrichten, nicht mehr und nicht weniger. Wir schreiben über Menschen, Bürgermeister, Ministerpräsidenten, Minister, Kanzler, Parteichefs, Oppositionsführer. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass im Zentrum der Geschichten dann eben der Politiker steht, der Polizist, der Lehrer, über den wir schreiben, und nicht wir selber. Eine Distanz zum Geschehen ist nötig, zu den Personen, über deren Arbeit wir schreiben, ebenso. Der Satz von Hajo Friedrichs gilt: Ein Journalist macht sich nicht gemein- auch nicht mit einer vermeintlich guten Sache.

Journalisten, schreibt Annette Ramelsberger, die für die SZ u.a. über den NSU-Prozess berichtet und darüber eine Dokumentation vorgelegt hat,  müssen Handwerker sein, keine Künstler. Im Falle von Claas Relotius ist die Frage zu stellen, ob es nicht zu viele Journalisten-Preise gibt? Weniger wäre mehr. Das gilt auch für manche Reportage. Nichts gegen eine feine Schreibe, schöne Bilder, Vergleiche, Worte, aber sie dürfen sich nicht irgendwo verlieren, sodaß am Ende der eigentliche Sinn der Geschichte verloren geht. Ich kann mich an einen Fall erinnern, als ein Journalist über eine Ausstellung über Marlene Dietrich schreiben sollte. Er brauchte rund 100 Zeilen, ehe der Name der berühmten Diva auftauchte.

Aufschreiben, was ist. Schreib das auf, Kisch. Sagen, was ist. Der Wahrheit dienen und nicht dem eigenen Ruhm, den man mit dem möglichen Preis mehren könnte. Noch einmal Annette Ramelsberger, ihr Rat an die Kolleginnen und Kollegen: „Dem Ansehen des Journalismus und der Aufgabe, die er in der Gesellschaft hat, hilft die solide Geschichte mehr als Texte, die zu schön sind, um wahr zu sein.“

Bildquelle: Wikipedia, Briefmarke DBP 1985, Egon Erwin Kisch, gemeinfrei

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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