„Der Antisemitismus ist wieder überall und stärker denn jemals in der Zeit nach Holocaust und Weltkrieg- und er zeigt sich offener denn je“. Worte des Filmproduzenten Martin Moszkowicz, der letzte männliche Vertreter der Familie Moszkowicz, mit ihm wird dieser Name, „der einst in den Straßen der westfälischen Kleinstadt Ahlen klang, der durch die Hölle von Auschwitz gebrandmarkt wurde und der in der Nachkriegszeit für die Hoffnung auf Versöhnung stand, für immer verstummen.“ So hat es Martin Moszkowicz in seiner Rede gesagt, gehalten am 26. Januar diesen Jahres beim Gedenktag des Bayerischen Landtags zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus. Martins Vater hatte als einziger von sieben Geschwistern den Holocaust überlebt. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat in ihrem Feuilleton die Rede veröffentlicht, aus der ich oben zitiert habe und später weiter zitiere.
Vor 81 Jahren wurde das KZ Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit. Am 27. Januar 1945. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht mit mehr als einer Million vor allem ermordeter Juden stellvertretend als Symbol für das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten. Insgesamt sechs Millionen Juden brachten sie um, sie erschossen, sie vergasten, sie erschlugen sie, sie ließen sie verhungern und erfrieren. Sechs Millionen von insgesamt 11,2 Millionen Juden in Europa wurden Opfer einer Mörderbande, die sich deutsche Reichsregierung nannte mit Hitler als Führer, Goebbels als Propagandachef und all den anderen Verbrechern wie Himmler, Heydrich, Göring, Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur im besetzten Polen, Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, um nur einige zu nennen. Um alle Juden in Europa zu erfassen, trafen sich die Nazis unter der Leitung von Heydrich, Freisler und Eichmann am Wannsee in Berlin zu einer Konferenz im Januar 1942, die sogenannte Endlösung der Juden war da längst beschlossen. Bei einem schönen französischem Cognac besprachen sie Einzelheiten und genossen die Atmosphäre. Später, nach dem Krieg, will niemand dabei gewesen sein.
„Nie wieder“ riefen die wenigen Überlebenden des Nazi-Terrors nach 1945, nie wieder dürfe es ein solches Menschheitsverbrechen geben, warnten sie vor der Bedrohung von Demokratie und Zivilisation. „Nie wieder“, schworen die befreiten Überlebenden des KZ Buchenwald, Worte, verstanden als eine Art Kampfansage gegen jede Unmenschlichkeit. Doch die Hoffnung trog, der Antisemitismus war nie tot, der Hass auf Juden nie so ganz verschwunden. Die liberale Ordnung wird heute von Populisten und Rechtsextremisten untergraben, Kriege und Konflikte nehmen zu, radikale Politiker der AfD sitzen in fast allen deutschen Landtagen, sie stellen im Bundestag die stärkste Oppositionspartei, ja, sie haben die SPD weit hinter sich gelassen, eine Partei, die in ihrer Geschichte die Nazis bekämpfte und 1933 das Ermächtigungsgesetz, das dem braunen Diktator alle Vollmachten gab, als einzige Partei abgelehnt hatte, die Kommunisten waren schon verboten, verhaftet oder im Untergrund.
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, mahnte Bert Brecht 1941 in seinem Exil In Finnland in dem Theaterstück „Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Es war damals eine Warnung, dass die Gefahr des Faschismus auch nach dem Krieg fortbestehen könne, weil seine gesellschaftlichen Wurzeln nicht ausgerottet waren. Der Satz von Brecht kam mir schon in den Sinn, als ich vor Jahren den NSU-Prozess verfolgte, als ich von Anschlägen auf Asylheime und Flüchtlingsunterkünfte hörte. Immer dann dachte ich an Brecht, wenn ich aus den Reihen der AfD, wie zum Beispiel von Björn Höcke las, dass das Holocaust-Mahnmal in Berlin unweit des Brandenburger Tores, das an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch Nazi-Deutschland erinnert, eine Schande sei. Eher ist Höcke eine Schande für Deutschland, für diese Demokratie, die er und seine AfD ja zerstören wollen. Oder wenn ich Alexander Gauland hörte, wenn er von einem Vogelschiss redete und die Verbrechen der Nazi-Zeit damit kleinredete. Da möchte ich es mit dem Maler Max Liebermann halten, der aus dem Fenster seiner Wohnung am Brandenburger Tor in den 30er Jahren den Fackelzug der Nazis angesichts der Machtergreifung Hitlers sah und gesagt haben soll: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“
Es beginnt wieder
Niemand kann besser vor der Gefahr warnen als die Überlebenden des Holocaust, deren Zahl weiter sinkt. Sie haben sich im Buch von Thomas Weber und dem Filmemacher Joachim A. Lang „Nach der Nacht. Holocaust-Überlebende über die Zukunft der Demokratie“ geäußert. Noch nie seit 1945 haben sie eine solche Sorge um die Zukunft unseres demokratischen und zivilisierten Landes wie heute. Überall sehen sie Zeichen, die sie an die Jahre vor dem Zivilisationszusammenbruch und vor dem Holocaust erinnern. „Wehret den Anfängen ist eine Lehre aus dem Holocaust“, sagt Thomas Weber. „Was tun wir also, wenn uns die Überlebenden mahnen: Es beginnt wieder.“ Wenn wir die vor kurzem verstorbene Margot Friedländer hören, 1921 in Berlin geboren, die das KZ Theresienstadt überlebte: „Ich bin sehr enttäuscht, dass alles wieder so aufgeflammt ist.“
Der Hass ist wieder da, es wird Krieg geführt, Menschen werden umgebracht. „Für was? Für Macht?“ Oder Charlotte Knobloch, die als Kind an der Hand des Vaters die Reichs-Pogromnacht in München am 9. November 1938 erlebte und dann irgendwo auf dem Land in Bayern versteckt wurde. „Der Judenhass nimmt ständig zu, die Demokratie ist so bedroht wie seit der Gründung der Bundesrepublik nicht. Da ist jeder Einzelne gefragt, um unsere Demokratie zu bewahren. An der Wahlurne und im Alltag. “ Und zur AfD äußert die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von München und Oberbayern: „Sie ist keine Protestpartei mehr. Die Wähler geben ihr ihre Stimmen, nicht trotz, sondern wegen ihrer antidemokratischen, autoritären, völkisch-rassistischen, antisemitischen Parolen.“
Mangelnde Zivilcourage habe in die Gaskammern von Auschwitz geführt, hat der Sohn von Hans Frank, Niklas, in seinem Buch „Auf in die Diktatur“ vor ein paar Jahren geschrieben. Niklas Frank vermisste diese Zivilcourage bei vielen seiner Landsleute, weder zu Hause noch in den Schulen werde sie Kindern und Jugendlichen beigebracht. Zynisch stellte der frühere Stern-Journalist über die Deutschen fest: „Wir trennen zwar sorgfältig Müll, aber immer weniger zwischen Demokratie und Diktatur.“ Ist es das, was die AfD groß gemacht hat? Unsere Gleichgültigkeit gegenüber unserer furchtbaren Vergangenheit, damit wir uns nicht an Hitler und die Verbrechen an den Juden erinnern? Weil viele Deutsche damals mitgemacht hatten, die anschließend über Nacht zu Demokraten wurden?
Angst und Opportunismus
„Eure Gleichgültigkeit ist unser Tod“ lautet der Titel in der SZ über die Rede von Martin Moszkowicz. „Antisemitismus lebt nicht nur vom Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen und dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen.“ So hat es Martin Moszkowicz gesagt bei seiner Rede beim Gedenkakt im Bayerischen Landtag. „Meine Familie hat nicht nur unter den Tätern gelitten. Sie hat auch unter der Passivität der vielen gelitten, die nichts taten, die aus Angst oder Opportunismus wegschauten. Die nichts wissen wollten. Die meinten, das gehe sie nichts an“. Gerade so, wie das geschah zum Beispiel am 9. November 1938, als die Nazis jüdische Geschäfte demolierten, die Inhaber verprügelten, andere verhafteten, ins KZ Dachau verschleppten, einige Hundert Menschen einfach umbrachten. Und viele Deutsche schauten zu, teilnahmslos, einige applaudierten, beteiligten sich an den anschließenden Plünderungen, andere schauten weg. Und wenn der Nachbar, ein Jude, am nächsten Morgen nicht mehr da war, weil die Gestapo ihn abgeholt hatte, dann fragte man nicht nach. Es war halt so. Ja, man hatte auch Angst, aber es gab auch zu viele, die die Juden verhöhnten und sich gern die geplünderte Wohnung unter den Nagel rissen.
Warum wir Auschwitz auch nach 81 Jahren gedenken müssen? Ich habe in allen Jahren als Journalist mehrfach das KZ Auschwitz besichtigt, ich war mit dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im KZ Theresienstadt, mit anderen Politikern in Treblinka, in Mauthausen, in Bergen-Belsen, in Dachau. Nichts kann den Besuch eines KZ ersetzen, keine noch so gute Geschichtsstunde ist eindringlicher als eine Reise nach Auschwitz. Jeder Schüler sollte mal in Auschwitz gewesen sein, dann wird er nie auf den Gedanken kommen, darüber ein Spottlied zu singen oder in den Chor der Juden-Hasser einzustimmen. Der Holocaust sei die größte Lüge in der Geschichte, hat mal eine Frau Ursula Wetzel gesagt, für sie hat der Mord an Juden nie stattgefunden. Frau Wetzel hieß längst Haverbeck, ihr verstorbener Mann Georg war ein Alt-Nazi, der sich schon als Schüler in Bonn dem Jugendbund der NSDAP angeschlossen hatte, einem Vorläufer der Hitlerjugend, er war Himmler-Stipendiat, Diplomat im Auswärtigen Dienst. Die beiden gründeten in den 60er Jahren in Vlotho das „Collegium Humanum“, ein Tagungsort für alte Nazis und Esoteriker jeder Couleur, wie das Professor Norbert Frei in der SZ unter dem Titel „Hitlerliebe“ beschrieben hatte. Das Collegium war ein Hort der Holocaust-Leugner.
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Das galt und gilt nicht nur für Städte in Sachsen wie Heidenau, sondern auch für die Beethoven-Stadt Bonn. Die damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Margret Traub, antwortete in einem Interview mit dem Bonner Generalanzeiger einst auf die Frage, warum man in Bonn keinen Juden mit einer Kippa auf dem Haupt sehe: „Weil die Leute Angst haben.“ Man schämt sich als Bonner Bürger, wenn man an der Synagoge vorbeigeht, dass dieses jüdische Haus von der Polizei bewacht wird, weil es bewacht werden muss. Man schaue in die Statistiken und lese, dass jeden Tag in Deutschland antisemitische Straftaten geschehen, auch in Bonn wie in Berlin und München. Juden leben hier mit dem Gefühl einer latenten Bedrohung. Oder zitieren wir den 2014 verstorbenen Schriftsteller Ralpf Giordano, der die Hitler-Zeit in einem Keller in Hamburg-Alsterdorf überlebte, als die Deportation seiner Mutter drohte. Giordano, der mehrfach von der Gestapo verhört und verprügelt wurde, äußerte sich zum Fortleben des Nationalsozialismus in Deutschland. Er hielt den Deutschen oft den Spiegel vor angesichts der zehn Morde durch den NSU und das Bekanntwerden eines braunen Netzwerkes in Deutschland. Da sei Deutschland “ aus allen Wolken seiner Ahnungslosigkeit gefallen.“
Gesicht zeigen
Noch ein Wort zu den Leugnern oder Verharmlosern des Holocaust, nachzulesen im Werk von Heinrich August Winkler „Geschichte des Westens“: „Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau begann, nach einem Vorlauf im September 1941, bei dem 600 russische Kriegsgefangene und 200 kranke oder arbeitsunfähige Häftlinge durch Zyklon B umgebracht worden waren. Zu den ersten Opfern gehörten für arbeitsunfähig erklärte Juden aus oberschlesischen Arbeitslagern. 1943 wurden in Birkenau ein Frauenlager, ein Familienlager für Zigeuner und ein Familienlager für Juden aus dem KZ Theresienstadt eingerichtet. Die zur Vernichtung bestimmten Juden mussten sich vor der Tötung in den Gaskammern völlig auskleiden. Nachdem der Tod durch qualvolles Ersticken eingetreten war, wurden die Leichen durch das Herausbrechen von Goldzähnen, das Abschneiden von Frauenhaar, die Abnahme von Prothesen und das Einsammeln von Wertgegenständen wie Eheringe und Brillen ökonomisch verwertet…Es folgte, nachdem die Körper der Toten zunächst vergraben worden waren, seit 1943 die Verbrennung der Leichen in großen Öfen, die die Firma Topf und Söhne in Erfurt hergestellt und geliefert hatte. Die Knochen wurden in besonderen Mühlen zermahlen, die Asche danach, wie Saul Friedländer schreibt, als Dünger auf den nahegelegenen Feldern verwendet, in Wäldern der Umgebung ausgekippt oder in der Nähe in den Fluß geschüttet.“
Wir dürfen nicht vergessen, wir müssen uns erinnern, wir müssen Gesicht zeigen, wenn Menschen bedroht und beleidigt werden. Es ist Geschichte, was geschah. Aber es kann sich jederzeit wiederholen, „dass eine Gesellschaft ihre Werte verliert, wenn Menschen entmenschlicht werden- erst sprachlich, dann sozial, dann physisch.“ Sagt Martin Moszkowicz. Nehmen wir seine Mahnung Ernst: „Eure Gleichgültigkeit ist unser Tod.“











