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Nun sprühen sie wieder … Israels Herbizid-Einsatz in Südlibanon

Jochen Luhmann Von Jochen Luhmann
13. Februar 2026
US Army versprüht Agent Orange Gift über Vietnam

1.     Israels Armee versprüht Glyphosat in hohen Dosen nördlich der Blue Line

Israel versprühte offenbar kürzlich, vor Beginn der Vegetationsperiode, das Herbizid Glyphosat im grenznahen Gebiet des Südlibanon. Das Totalherbizid vernichtet alle Pflanzen und zerstört die Lebensgrundlage der Bauern, die dort hauptsächlich Oliven, Tabak und Zitrusfrüchte anbauen. Beobachter vermuten, dass das der Sinn der Aktion zum jetzigen Zeitpunkt ist.

Die Israelischen Streitkräfte mauern, sie sagen nichts zu ihrer Aktion. Die in der Region stationierten UN-Friedenstruppen im Libanon teilten mit, dass sie von Israel über die geplante Sprühaktion nahe der Grenze informiert worden und aufgefordert worden seien, Schutz zu suchen. Es sei nicht das erste Mal, dass israelische Streitkräfte unbekannte chemische Substanzen aus Flugzeugen über libanesischem Gebiet abgeworfen hätten. Die gewählte Dosis war bis um den Faktor 50 höher als bei Einsatz als Herbizid zugelassen. Es steht somit die Frage im Raume, ob es sich um einen Chemiewaffeneinsatz gehandelt hat. Dass es das Gegenteil einer Aktion zum „Pflanzenschutz“ war, steht fest.

Libanon hat den UN Sicherheitsrat angerufen. Eine Befassung steht aus.

2.     Wiederholungscharakter Vietnam: keine chemische Kriegsführung?

Die US-Streitkräfte setzten im Vietnam-Krieg ein Herbizid ein, genannt „Agent Orange“, erstmals im Januar 1965 im Rahmen der Operation Ranch Hand. Es wurde aus der Luft großflächig versprüht. Ziel war, der Guerillabewegung FNL („Vietcong“) die Tarnung durch den dichten Dschungel zu erschweren und deren Nahrungsversorgung zu stören. Das Herbizid war allerdings, herstellungsbedingt, nicht intentional, mit einem Dioxin (TCDD) verunreinigt. Deshalb erkrankten mehrere hunderttausend Bewohner der betroffenen Gebiete und bis zu zweihunderttausend US-Soldaten.

TCDD wirkt unter anderem fetotoxisch, schädigt also das ungeborene Kind im Mutterleib. Es ist zudem sehr persistent, das heißt, es verbleibt lange Zeit in der Umwelt. 2002 litten nach Schätzungen des Roten Kreuzes noch etwa eine Million Vietnamesen an gesundheitlichen Schäden durch Spätfolgen des Dioxins in Agent Orange, darunter etwa 100.000 Kinder mit angeborenen Fehlbildungen.

Geschädigte US-Soldaten wurden nach gerichtlichen Auseinandersetzungen von den damaligen Herstellerfirmen finanziell entschädigt. Opfer aus Vietnam suchten über eine entsprechende Sammelklage in den USA analog Entschädigung zu erstreiten. Die wurde 2005 abgewiesen. Das Haupt-Argument: Der Einsatz von Agent Orange sei „keine chemische Kriegsführung“ und deshalb kein Verstoß gegen internationales Recht gewesen.

3.     Das Sprühen im Sommer 1957 in den USA, welches Rachel Carson auf die Palme brachte

Die Geburtsstunde der modernen Umweltpolitik schlug bekanntlich in den USA. Anlass für eine dortige Umweltgesetzgebung im überparteilichen Konsens, die nach 1969 in Deutschland in ihrer institutionellen Architektur imitiert wurde, war Rachel Carsons Alarmbuch „Der stumme Frühling“.

Frau Carson war zu dieser Zeit, in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, etablierte Erfolgsschriftstellerin zu Naturthemen. Ihr letztes Buch, ungeplant und mit epochaler politischer Wirkung, zu verfassen, dazu hatte sie ein ratsuchender Brief einer Freundin im Januar 1958 gebracht. Auch da ging es um’s Sprühen.

Olga Huckins war früher für die Boston Post tätig gewesen. Im Ruhestand betreute sie zusammen mit ihrem Mann ein eigenes, privates Vogelschutzgebiet hinter ihrem Wohnsitz in Duxbury. über dem Im Sommer 1957 hatte der Bundesstaat Massachusetts Sprühflüge angeordnet, um die in Sümpfen brütenden Stechmücken zu bekämpfen. Das galt als allgemeine Wohltat, deswegen wurden private Grundstückgrenzen in diesem Fall nicht als Hindernis angesehen. Also kam auch das private Vogelschutzgebiet der Huckins in den Genuss dieser „Wohltat“.

Vor den ausgedehnten Todesspuren, die diese Flüge im Vogelschutzgebiet hinterließen, schloss Huckins nicht die Augen. Ihr Bericht über diese ,,Nebeneffekte“ an die zuständige Verwaltung führte aber lediglich zu der Versicherung, Experimente hätten gezeigt, daß die benutzte Mischung aus Heizöl und DDT völlig harmlos sei. Die Kluft zwischen eigener Wahrnehmung und behördlichem Dementi – nach dem Motto: daß nicht sein kann, was nicht sein darf – war anscheinend bei Olga Huckins der zündende Funke.

Der Widerstand Huckins‘ war geschickt und professionell. In ihrer Person trafen eben die Urteilsfähigkeit einer erfahrenen Journalistin mit der Freiheit zu ehrenamtlichem Engagement nach Ende ihrer Berufszeit glücklich zusammen. Da weitere Sprühaktionen angekündigt waren, nahm sie eine Zeitungsäußerung des zuständigen Beamten (,,…Tests, welche staatliche Stellen durchgeführt haben, haben gezeigt, dass die gewählte Mischung vollkommen harmlos ist.„) zum Anlass für einen ätzenden Leserbrief. In dem hieß es u.a.: ,,Diese Tester müssen Brillen mit schwarzen Gläsern getragen haben. Und die Forellen, die das Gift nicht gefühlt haben, müssen Superfische gewesen sein.“ Diesen Leserbrief sandte sie Rachel Carson in Kopie mit der Bitte, ihr Namen von Personen in Washington zu nennen, die helfen könnten.

Daraufhin griff Carson zur Feder.

Auch das aktuelle Vorgehen der Israelischen Armee hat es verdient, vielfältig beachtet zu werden. Und: Es gehört chemiewaffenrechtlich aufgeklärt.

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