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Thüringen wieder als Mustergau? 100 Jahre danach: Parteitag der AfD in Erfurt

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
13. Februar 2026
Fakelzug am Brandenburger Tor, 30.1.1933

Thüringen ist nicht nur Weimar und bekannt durch die nach der Stadt benannte Republik und die dazu gehörende Verfassung, Weimar nicht nur die Stadt mit dem Denkmal von Goethe und Schiller, Thüringen war der Mustergau der Nazis. Hier in Thüringen begann der Aufstieg der NSDAP, hier gelangte sie zuerst an die Regierung, hier in Weimar durfte Adolf Hitler reden, hier fand der erste Reichsparteitag der NSDAP am 3. und 4. Juli 1926 statt. Und exakt 100 Jahre später will die rechtsextreme AfD ihren Bundesparteitag am 4. Juli in Erfurt abhalten, nur 23 Kilometer entfernt von Weimar. Zufall?

Ausgerechnet Thüringen! Hier erhielt die AfD 2025 bei der letzten Bundestagswahl 38,6 Prozent der Stimmen, zuvor schon hatte die Partei bei der Europawahl im Juni 2024 immerhin 30,7 Prozent der Stimmen erhalten und war stärkste Partei geworden. Bei der Landtagswahl in Thüringen im September 2024 steigerte die AfD mit 32,8 Prozent der Stimmen ihr Ergebnis noch. Und das in einem Land, wo die AfD vom radikalen Parteichef Björn Höcke geführt wird. Ausgerechnet hier in der Landeshauptstadt Erfurt wird derselbe Höcke Gastgeber des Parteitags der AfD sein. Dass Datum und Ort ganz bewusst gewählt wurden, darf man annehmen, die historische Parallele ist dem Geschichtslehrer Höcke bekannt, auch wenn er sich in solchen Fragen offiziell gern naiv gibt, wie Gerichtsverfahren gezeigt haben.

An Zufälle glaube ich in solchen Fällen nicht. Auch der Verein „Weimarer Republik e.V.“  sieht den historischen Vergleich und darin eine beängstigende Parallele, auch wenn Höcke und seine AfD nicht nur in Thüringen politisch isoliert sind, keine der demokratischen Parteien im Land  mit den Rechtsaußen koalieren will.  Aber sie lassen nicht locker, sie setzen der Demokratie mit ihrer Hass- und Hetze-Politik zu, wollen Millionen Deutsche mit Migrationshintergrund zur Auswanderung zwingen und umschreiben das mit Remigration. Der AfD ist unsere Demokratie ein Gräuel, sie ist gegen die Freiheit der Presse, sie liebäugelt mit Russlands Putin und ist gern zu Gast beim US-Präsidenten Trump, der dabei ist, das demokratische System in Amerika zu schleifen. Die deutsche Erinnerungskultur soll rigoros verändert werden, Höcke hat das Mahnmal zum Gedenken an den Massenmord der Nazis an den Juden in Berlin als Schande bezeichnet, für den AfD-Ehrenvorsitzenden Gauland ist die Nazi-Zeit nur ein Vogelschiss in der angeblich so ruhmreichen deutschen Geschichte.

Der einstige Journalist und Buch-Autor, Volker Mauersberger, vor ein paar Jahren verstorben, hat die Ereignisse damals in Weimar in seinem Buch „Hitler in Weimar“ beschrieben. Mauersberger interpretierte den damaligen Parteitag der NSDAP als Wendepunkt in der Geschichte der Nazi-Partei. (Man muss dazu wissen, dass die NSDAP in Thüringen nicht verboten war.) Er zitiert in dem Buch aus der Rede Hitlers im Hotel „Elephant“, in der Hitler vor seinen Getreuen u.a. ausrief: „Von diesem Tag an datiert der Wiederaufstieg der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei“

Bekennender Antisemit

Mehr als 7000 Mitglieder der NSDAP reisen nach Weimar, schildert der Journalist  Debes in seinem Beitrag „Thüringen als Muster-Gau?“ Nazi-Propagandachef Josef Goebbels macht daraus 15000. Die Partei tagte im Theater, das seit der Verabschiedung der Reichsverfassung Deutsches Nationaltheater heißt.  Artur Dinter, von Hitler noch aus der Haft ernannter NSDAP-Gauleiter, ein bekennender Antisemit, der 1920 das viel verkaufte Buch „Die Sünde wider das Blut“ geschrieben hat, rühmte beim Generalappell von SA und SS: „An der Stelle, wo Ebert saß, sitzt und steht heute Adolf Hitler… Das ist der Beginn einer neuen Zeit.“

Mauersberger schildert, wie Hitler mit dem Parteitag von Weimar die Zügel in die Hand nimmt: „Mit diesem Parteitag setzte Hitler eine gestraffte, ganz auf den Anspruch des Führers ausgerichtete Parteiorganisation durch. Alle früheren Streitigkeiten und Konflikte wurden unterdrückt. Statt einer in Stänkereien verstrickten Partei wurde ein straffer Machtapparat gezimmert, bedingungslos auf Hitler eingeschworen..Im fahnengeschmückten Ambiente des Nationaltheaters durfte Hitler einen Kämpfer aus alten Zeiten präsentieren. Zum ersten Mal referierte Wilhelm Frick, der als verurteilter Akteur des Münchner Putschversuches umjubelt wird, über nationalsozialistische Ziele. Frick, einer von Hitlers treuesten Gefährten, nahm in seiner Rede alle Forderungen vorweg, die er kaum drei Jahre später als Innen- und Volksbildungsminister Thüringens in die Praxis umsetzt.  Schon damals forderte er kategorisch, alle Revolutionsbeamten zu beseitigen, das deutsche Berufsbeamtentum vom Marxismus zu reinigen und Angehörige der jüdischen Rasse aus allen Ämtern zu vertreiben.“

In Weimar zeigt die NSDAP, was sie an gewalttägigem Extremismus zu leisten in der Lage ist. Passanten, die kein Hakenkreuz tragen, werden von SA-Leuten verprügelt, während sie Lieder mit Zeilen grölen wie: „Wir scheißen auf die Freiheit der Judenrepublik.“ Oder: „Zum Putsch, zum Putsch sind wir geboren.“ In Weimar wird die Hitler-Jugend geboren. Hitler nimmt nach der Veranstaltung in der Pose des unbestrittenen Führers im offenen Fonds seines Wagens auf dem Marktplatz  der Stadt Weimar mit hochgestreckter rechter Hand …das Defilee seiner Anhänger ab. Aus München sind die Verlegersgattin Bruckmann, aus Bayreuth Winifred Wagner, aus Berlin Stahlhelm-Führer Theodor Düsterberg sowie Kaisersohn Prinz August Wilhelm angereist, der bald zur SA übertreten wird, schreibt Mauersberger. Josef Goebbels berauscht sich, wie in seinem Tagebuch zu lesen ist: „Das Dritte Reich zieht auf. Der Zug kommt. Die ganze Führerschaft. Hitler marschiert vorne. Durch ganz Weimar. Auf den Marktplatz. Fünfzehntausend SA marschieren an uns vorbei. Die Brust geschwellt vom Glauben. Deutschland erwacht.“

Braune Hochburg

Im Juli 1932 gewinnt die NSDAP die Thüringer Landtagswahl mit 42,5 Prozent der Stimmen. Sie liegt damit um fünf Prozentpunkte über ihrem Ergebnis bei der gleichzeitig stattfindenden Reichstagswahl.  Die Folge: die NSDAP führt eine Landesregierung. Vorsitzender des Staatsministeriums ist Gauleiter Fritz Sauckel, der sofort anweist, den Verwaltungsapparat von allen Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden zu säubern, gleichzeitig ruft er zum  Boykott jüdischer Geschäfte auf. Thüringen ist eine braune Hochburg geworden. Demokraten anderer Parteien, die in den 20er Jahren gehofft hatten, die NSDAP in einer Regierung umarmen und mäßigen zu können, wurden getäuscht. Nicht wenige landeten im KZ Buchenwald, kurz vor den Toren der Dichterstadt Weimar. Allein in Buchenwald werden 56000 Menschen umgebracht. Aber die NS-Zeit ist ja nur ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte, oder Herr Gauland?

Hitler sah Thüringen als Mustergau. So kommentiert der Journalist und Autor Martin Debes und erinnert in seinem Beitrag an Rechtsextremismus-Traditionen im Thüringer Raum. Und Debes ergänzt das Ganze mit der Frage: „Eifern dem heute Rechtsextremisten nach?“ NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst hat die AfD als einer der wenigen CDU-Prominenten als „Nazi-Partei“ bezeichnet. Aber seine Partei, die CDU und ihre bayerische Schwesterpartei CSU,  scheuen den Beschluss, ein Verbot der AfD beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe prüfen zu lassen. Laut Grundgesetz sind dazu die Bundesregierung, der Bundestag oder der Bundesrat berechtigt. Das Grundgesetz sieht ausdrücklich ein Verbot gegen Verfassungsfeinde vor, die nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen. Die SPD hat in einem Parteitagsbeschluss den Gang nach Karlsruhe gefordert, auch die Grünen sind dafür wie die Linke. Ein Gutachten des Bundesverfassungsschutzes, in dem die AfD als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, liegt zur Zeit nach einer Klage der AfD zur Prüfung beim Verwaltungsgericht in Köln.

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