Es ist Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg, Kommunalwahlkampf in Bayern, doch Bernd Höcke nimmt sich Zeit für NRW. Ein Spaziergang zu den Externsteinen, ein Besuch beim AfD-Neujahrsempfang im Dortmunder Rathaus, eine Rede im städtischen Kulturzentrum in Düsseldorf-Garath – der Chef der gesichert rechtsextremen AfD Thüringen genoss die Aufmerksamkeit, regelrecht – auch die Gegenproteste. Er freut sich über die Polizeieskorte, die notwendig ist, ihn zu den Veranstaltungsorten zu manövrieren.Er saugt aus diesen Erlebnissen,vor seinen Klakeurens schwadroniert über „seelenverwundeten“ Demonstranten, denen in den Bildungseinrichtungen das Hirn verdreht hat und damit die Lebensindentität genommen haben soll und angeblich schlechten Atem haben. Um solch ein Geschwurbel zu hören, wird es den Veranstaltern nicht gegangen sein. Es ging um das Symbol, den Affront im gemäßigten Landesverband NRW den heimlichen Chef der Partei auftreten zu lassen.
Dem AfD-Landesverband, der den Rechtsaußen aus dem Osten die Stirn geboten hat. Doch das soll bald Geschichte sein, wenn es nach dem rechtsextremen Matthias Helferich geht, dem Dortmunder Bundestagsabgeordneten. Das „freundliche Gesicht der NS“ lacht sich wahrscheinlich ins Fäustchen. Eigentlich sollte er längst aus der Partei verwiesen sein. Eine Legislaturperiode hat er als Fraktionsloser erleben müssen, doch er ist immer noch da – und mächtiger als je zuvor. Ausgestattet mit einem neuen Bundestagsmandat ist er wieder Teil der Bundestagsfraktion. Durch den Rechtsruck der Gesamtpartei steht Helferich wieder unbescholten in der Mitte, während Vincentz, der blasse Chef der NRW-AfD, am bürgerlichen Rand verortet wird. Und er agiert unglücklich.
Der Vorgang um Klaus Esser, einen Vincentz-Intimus, belastet den Vorsitzenden. Statt eines scharfen Cuts durfte Esser weiter in Partei und Fraktion agieren – trotz Strafverfahrens wegen Urkundenfälschung. Auch beim Gründungskongress der Jugendorganisation der AfD erlitt Vincentz eine Niederlage. Der von ihm unterstützte Kandidat Manuel Linnemann verlor gegen Patrick Heintz, einen Vertreter des Helferich-Lagers.
Für den kommenden Nominierungsparteitag in Marl ist schon klar, dass Vincentz Gegenkandidaten um den Vorsitzenden-Posten haben wird. Zwei Bundestagsabgeordnete, Christian Zaum und Fabian Jacobi, wollen die Partei künftig als Doppelspitze führen. Die beiden sollen die Unterstützung des Helferich-Lagers haben. Auch die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden im NRW Landtag, Sven Trischler und Enxhi Seli-Zacharias sollen sie unterstützen. Manche Parteifreunde munkeln, ob Vincentz angesichts der Lage überhaupt noch einmal antritt, Der Allgemeinmediziner galt als einer der wenigen führenden Köpfe, die den Versuch, Bernd Höcke aus der Partei zu werfen, unterstützt haben sollen. Und eines ist auch bekannt: Höcke vergisst nicht.
Über die Gegenkandidaten ist bislang wenig bekannt. Zaum hatte bereits ein Parteiausschlussverfahren zu überstehen. Der Lehrer für Deutsch und Geschichte soll Parteieintritte verhindert haben, um seine Kandidatur für den Bundestag nicht gefährdet zu sehen. Fabian Jacobi ist bisher nur dadurch aufgefallen, dass er im zerstrittenen Bremer Landesverband eine der beiden Listen juristisch vertrat. Am Ende durfte die AfD in Bremen gar nicht antreten, was parteiintern auch ihm angelastet wurde.
Doch das alles spielt am Ende wohl keine Rolle, denn die beiden haben den Segen des Helferich-Lagers. Zaum soll den völkischen Flügel bedienen und Jacobi den immer noch vorhandenen gemäßigten Teil der Mitgliedschaft befrieden. Allerdings rechnen nicht wenige damit, dass eine aktive Abwahl von Vincentz zu vermehrten Austritten und Niederlegungen kommunaler Mandate führen wird. Das würde die Partei schwächen, denn personell ist sie in NRW eher dünn aufgestellt.
Matthias Helferich reibt sich derweil die Hände. Der fast Geschasste stichelt öffentlich gegen das Vincentz-Lager. Auf X schrieb er: „Interessant und beruhigend ist, dass das Vetternwirtschaftssystem in NRW nur bei Vincentz-Leuten etabliert zu sein scheint: Klaus Esser, Stefan Keuter und Christian Blex.“ Man braucht nicht zu raten, wie das auf die Delegierten in Marl wirken wird.












