Kaum begann die Arbeitswoche, trudelte schon die für viele doch überraschende Nachricht vom Rücktritt der SPD-Ko-Chefin und Bundesarbeitsministerin, Bärbel Bas, ins Haus bzw. in die E-Mailpostfächer.
Bas –Duisburgerin, Ex-Bundestagspräsidentin, 58 Jahre alt, Parteilinke, überzeugte Sozialdemokratin, Arbeiterkind und Bildungsaufsteigerin – verkündete, sie werde aus Trauer um ihre kürzlich verstorbene Stieftochter, die nur fünf Jahre jünger war als sie, zurücktreten.
„Nach dem Tod meiner Stieftochter habe ich festgestellt, dass ich Zeit brauche, um die Trauer zu verarbeiten. Diese möchte ich mir ausreichend nehmen“, erklärte Bas am Montagmorgen. Und fügte hinzu: „Da ich momentan nicht die Kraft aufbringen kann, kurzfristig meine Regierungs- und Parteiarbeit vollumfänglich auszuüben, habe ich mich entschieden, beide Ämter aufzugeben.“
Aber keineswegs nur aus Trauer hat sie die beiden hochkarätigen Posten aufgegeben
Mitentscheidend waren auch die nicht abebbende Kritik an ihrer Person aus Reihen der Union, immerhin (Noch-)Koalitionspartner der SPD im Bund.
Über die oft unsachliche und persönliche Kritik – Co-Parteichef Lars Klingbeil spricht gar von Unmenschlichkeit im Umgang mit der trauernden Bas – sei ein weiterer Grund gewesen, die Reißleine zu ziehen. „Darüber hinaus muss ich leider feststellen, dass die öffentlichen Angriffe auf mich, leider auch aus den Reihen des Koalitionspartners, in dieser für mich persönlich schwierigen Zeit weiter forciert wurden“, sagte Bas weiter.
Ein Schritt, der alle hier im Land zum Nach- und Umdenken anregen sollte, denn Bärbel Bas‘ „Fall“ ist gesellschaftlich kein Einzelfall.
Sind es doch gerade die Konservativen, die sich für einen menschlich fairen und von Sachargumenten getriebenen Umgang stark machen, nach eigener Lesart natürlich nur. Tatsache war, dass genau sie es waren, die Bas und weitere Teile der SPD regelrecht sturmreif schossen. Von fairen Umgang – keine Spur. Es wurde persönlich und bisweilen auch boshaft, nur, weil die Ministerin a. D. berechtigte Zweifel an den „Reformen“ äußerte und es der Union nicht schnell genug ging mit der Umsetzung der Rentenreform. Dabei ist es doch (Noch-)Bundeskanzler Friedrich Merz selbst, der sich oft zu Unrecht kritisiert fühlt, dünnhäutig reagiert und nicht damit umgehen kann, dass er der unpopulärste Kanzler der bisherigen deutschen Geschichte ist. Er hätte seine Gefolgschaft bremsen und einen fairen Umgang mit Bas anmahnen müssen. Das tat er nicht und auch keiner der anderen ihm unterstellten Bundesminister.
Dieses Gebaren kennt man bereits von der Union aus dem vergangenen Bundestagswahlkampf und speziell im Umgang mit Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz (SDP). „Sie sind peinlich“, sagte Merz einmal im Bundestag an die Adresse von Scholz. Gehört sich das?
Es ist allzu oft die Union selbst, – die eigentlich Werte wie Verlässlichkeit, Vertrauen und Verbindlichkeit im Umgang untereinander einfordert – die nun unter die Gürtellinie schießt und ihre guten Vorsätze verliert. Umgekehrt wäre der Aufschrei bei CDU/CSU noch viel größer, malt man sich unterdessen aus. Das ist verwerflich und heuchlerisch.
Selbstredend muss man sich als Person in der Öffentlichkeit, noch dazu als Politiker, vieles gefallen lassen und auch Kritik aushalten können, aber die Kritik darf nicht persönlich werden und vor allem nicht die äußeren Umstände einer Person außer Acht lassen. Die Union wusste, dass sich Bas ob des Todes ihre Stieftochter Ende September bis gestern eine kurze Auszeit nahm und nicht in Berlin war. Dennoch wurde sie „beschossen“, wie es ein Genosse aus der Duisburger SPD treffend nannte.
Was uns irritieren sollte, ist, dass dieses Verhalten aus Reihen der Union, das nun Bas zum Rücktritt nötigte, in der Gesellschaft leider permanent passiert. In Vereinen oder auf der Arbeit wird aus verschiedenen Motiven heraus nicht selten ohne Rücksicht auf die Umstände und den emotionalen Zustand einer Person kritisiert und gestänkert. Werden Menschen abgesägt und teils zu Unrecht verunglimpft. Der Ton ist nicht nur gefühlt rauer als noch vor einem Jahrzehnt. Die AfD bringt ihn mit in die Parlamente – und kultiviert ihn, dehnt damit das Sagbarkeitsfeld aus. Wie sich die jeweils kritisierte Person wohl fühlen muss, ob die Kritik nicht vielleicht vorschnell war, das alles scheint nebensächlich, ist vielen gleichgültig. Diese Gleichgültigkeit ist der Sargnagel der Gesellschaft.
In anderen Ländern ist der Umgang freilich nicht besser, aber man hat mehr Empathie und Respekt vor dem Menschen an sich und vor seinen Umständen. Urteilt weniger und lässt sich bei seinen Urteilen mehr Zeit. Dort ist man vielleicht ein Stückchen reflektierter. In Deutschland fehlt das. Das merkt man auch in der Gesellschaft, die kaum noch Zusammenhalt hat und sich erstens weiter individualisiert und zweitens radikalisiert. In der, jeder gegen jeden kämpft, um seinen eigenen kleinen bzw. kleinbürgerlichen Vorteil. Das ist auch ein Grund dafür, dass es derzeit mit Deutschland nicht gutsteht, warum es kein Wir-Gefühl mehr gibt und keine Aufbruchsstimmung herrscht.
Wenn, wie Bärbel Bas, eine Person im Ausnahmezustand ist und offenkundig trauert, verbietet sich für einen kurzen Augenblick zumindest jegliche Kritik – auch, wenn man Ministerin in Deutschland ist und zugleich politischer Gegner ist. Das gebietet der Respekt. Daher ist ihre Antwort darauf – der Rückzug – verständlich, um sich dieser Hetze nicht weiter auszusetzen.
Bildquelle: Wikipedia/flickr,Thomas Rodenbücher, CC BY 2.0












