Ein Freitag in Shanghai
Am 17. Juli trat Xi Jinping vor die World Artificial Intelligence Conference in Shanghai und gab ein Programm aus. Künstliche Intelligenz solle keine Solo-Aufführung eines einzelnen Landes sein, sondern eine „Symphonie globaler Kooperation”. Einen Tag zuvor hatten 29 Staaten in derselben Stadt eine zwischenstaatliche KI-Organisation gegründet. Ebenfalls am 16. Juli stellte das Pekinger Start-up Moonshot AI sein Modell Kimi K3 vor, das nach eigenen, unabhängig nicht geprüften Tests beim Programmieren amerikanische Spitzensysteme übertrifft. Den Vorsprung der US-Labore schätzen Fachleute inzwischen auf sechs bis neun Monate.
Am Freitag gaben in New York die Halbleiteraktien nach, obwohl TSMC glänzende Quartalszahlen vorgelegt und seine Prognose angehoben hatte. Der Markt begann zu fragen, ob die Ausgaben ewig weiter beschleunigen können.
Zwei Schleifen
Die Rivalität ist weniger ein Rennen auf einer Bahn als die Konkurrenz zweier Entwicklungsschleifen, die nach verschiedenen Logiken laufen. Die amerikanische läuft über den Kapitalmarkt. Amazon, Microsoft, Google und Meta planen für 2026 zusammen rund 725 Milliarden Dollar an Investitionen, fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Wer die größten Rechenzentren baut, so die Wette, trainiert die fähigsten Modelle und verwandelt den Vorsprung in Erlöse, aus denen die nächste Runde bezahlt wird. Aussteigen kann keiner der Konzerne, ohne den Anschluss zu verlieren.
Über Diffusion läuft dagegen die chinesische Schleife. Von den besten Chips abgeschnitten, haben Chinas Labore ihre Modelle auf Effizienz getrimmt und als offene Software verbreitet. Auf der Vermittlungsplattform OpenRouter stieg ihr Anteil am Token-Volumen binnen anderthalb Jahren von rund einem Prozent auf annähernd die Hälfte. Gemessen ist damit der Einsatz in Entwickleranwendungen, keine Weltmarktzahl, die Richtung aber ist eindeutig. Offenheit ist hier die rationale Waffe des Schwächeren. China verschenkt eine Marge, die es unter Sanktionsbedingungen ohnehin kaum realisieren könnte.
Washington antwortet darauf nicht mit einer Linie. Im Januar gab die Trump-Administration den H200, den stärksten je für China freigegebenen KI-Chip, gegen eine Abgabe von 25 Prozent an den Staat frei. Hinter dem Hin und Her stehen zwei Lager, die einander brauchen und blockieren. Das Sicherheitsestablishment will den Rechenvorsprung einschließen, das KI-Kapital mit Nvidia an der Spitze braucht den chinesischen Markt. Auch an der Modellfront verläuft der Riss durch die eigene Industrie. Als Teile der Regierung Beschränkungen für chinesische Open-Weight-Modelle erwogen, protestierten fast zweihundert Start-ups, die ihre Produkte längst auf den billigen chinesischen Modellen bauen. Wer einschließt, treibt an, was er einschließen wollte. Schon der Exportstopp von 2022 hatte jene Effizienzdurchbrüche erzwungen, die Anfang 2025 den DeepSeek-Schock auslösten.
Das Rennen und die Blase
Rational sind die amerikanischen Investitionen nur, solange der Vorsprung sich zu Geld machen lässt. Finanziert werden sie zunehmend über Zahlungsverpflichtungen außerhalb der ausgewiesenen Schulden. Nach einer Nikkei-Auswertung haben fünf große Konzerne in Leasingverträgen, Chip-Abnahmekontrakten und Zweckgesellschaften verdeckte Verpflichtungen von 1,65 Billionen Dollar aufgetürmt. Die Risiken liegen bei privaten Kreditfonds, Versicherern und Pensionskassen. Die messbaren Erträge der KI in den Anwenderunternehmen bleiben bislang weit hinter den Ausgaben zurück.
Auf der Erzählung eines dauerhaften Vorsprungs ruht damit vor allem die Knappheitsprämie der Modelle. Chips und Rechenzentren können von billiger chinesischer Konkurrenz sogar profitieren, weil sie zusätzliche Nachfrage erzeugt. Schrumpft der Abstand gegen null, kollabiert nicht die amerikanische KI, wohl aber die Prämie, auf der ein guter Teil ihrer Finanzierung ruht. Chinas wirksamste Waffe ist deshalb kein Embargo. Gut genug und billig zu sein, reicht.
Beide Schleifen hängen zudem an einem einzigen Ort. TSMC fertigt über neunzig Prozent der fortgeschrittensten Chips der Welt, in Reichweite der Volksbefreiungsarmee, und die Werke in Arizona liegen ein bis zwei Generationen zurück. Brisant wird das, weil die Rivalität längst militärisch gerahmt ist; das Pentagon hat 2026 zum Jahr der militärischen KI-Dominanz erklärt. Wer über den KI-Wettlauf schreibt, schreibt über eine Kriegsschwelle, ob er will oder nicht.
Europa zwischen Ausschalter und Beitritt
Und Europa? Am 3. Juni legte die Kommission ihr Paket zur technologischen Souveränität vor und bezifferte die eigene Abhängigkeit selbst. Über achtzig Prozent der zentralen digitalen Produkte, Dienste und Infrastrukturen der Union stammen von außerhalb. Niemand dürfe einen „Kill Switch” für europäische Krankenhäuser, Netze und Behörden besitzen, sagte Kommissarin Virkkunen. Einen Anlass gab es. Nach den US-Sanktionen gegen den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs hatte Microsoft dessen E-Mail-Konto gekündigt.
Drei Wochen später unterzeichneten EU und Deutschland die Erklärung von Pax Silica, der amerikanischen Koalition für die Lieferketten des KI-Zeitalters. Im August stellte Washington nach Reuters klar, die Mitgliedschaft sei mit konkurrierenden Initiativen unvereinbar, gemeint ist Chinas neue Organisation. Im Juni fürchtet Europa den amerikanischen Ausschalter und tritt im selben Monat der Ordnung bei, die ihn institutionalisiert.
Führt man Europa durch die fünf Ebenen des KI-Stacks, Energie, Chips, Infrastruktur, Modelle und Anwendungen, wird die Lage deutlich. Die Industriestrompreise sind die höchsten der drei Räume. Mit ASML und Zeiss führt Europa in der Lithografie, doch keine Chipfabrik der fortgeschrittensten Klasse steht auf seinem Boden. Rund zwei Drittel des Cloud-Markts liegen bei drei amerikanischen Konzernen, und Mistral bleibt der einzige Modellanbieter von Rang. Dessen Plan, bis 2030 ein Gigawatt Rechenkapazität aufzubauen und darauf auch fremde offene Modelle zu betreiben, beginnend mit einem chinesischen, verschiebt die Souveränitätsfrage vom Modell zur Maschine. Bis dahin sind Investitionen von mehreren zehn Milliarden Dollar nötig, die bislang kein europäisches Programm zusagt.
Stark ist Europa erst bei den industriellen Anwendungen. Daraus speist sich die deutsche Hoffnung, die Chatbots habe man verloren, die Fabrik aber werde man gewinnen. Sie setzt stillschweigend voraus, dass die Ebenen darunter neutral wären, und das sind sie nicht. Wer industrielle KI auf gemieteten Fundamenten baut, zahlt auf jeder Ebene Rente und baut nach Regeln und Preisen, die andere setzen und ändern können. Für diese Lage gibt es einen Namen, den man in Brüssel meidet. Wer auf vier von fünf Ebenen von fremder Infrastruktur abhängt, ist auf dem Weg, technologisch kolonisiert zu werden.
Das eigentliche Umdenken
Mobilisieren kann Europa durchaus, das beweist die Aufrüstung. Hunderte Milliarden werden bewegt, unter Aussetzung jener Fiskalregeln, die jeder industriepolitischen Anstrengung entgegengehalten werden. Zur technologischen Souveränität führt diese Tür aber nicht. Nach SIPRI kamen 2021 bis 2025 rund 58 Prozent der Rüstungsimporte europäischer Nato-Staaten aus den USA. Wer fertige Systeme kauft, erwirbt Einsatzfähigkeit, die Lernkurven bleiben beim Hersteller. Am Beispiel der Tomahawk-Beschaffung habe ich das Eigentum ohne Souveränität genannt. Wie ein Ausweg aussehen kann, zeigt die Bundeswehr selbst, die Palantirs Gefechtsführungssoftware aus Souveränitätsgründen ausgeschlossen hat und nach einer europäischen Lösung sucht. Die Einsicht ist da. Es fehlt die Mobilisierung, die daraus ein Programm macht.
Europa steht damit vor einem grundlegenden Umdenken seiner Wirtschafts- und Industriepolitik. Energie, Chips, Rechenkapazität und Modelle müssten als öffentliche Infrastruktur vom Rang der Verteidigung behandelt werden, mit vergleichbaren Summen, derselben Ausdauer und einer Ordnung, die solche Anstrengungen trägt, statt sie zu unterbinden. Solange das nicht geschieht, spielen andere Solo und Symphonie, und Europa sitzt im Publikum und klatscht im Takt, den es nicht bestimmt.
Eine ausführliche Fassung mit vollständigem Quellenverzeichnis ist auf meinem Substack erschienen.
Transparenzhinweis: Bei diesem Text habe ich eine KI eingesetzt, zur Auswertung von Material, als Sparringspartner in der Durcharbeitung der Argumente, bei Entwurfsfassungen und für eine abschließende Prüfung auf Verständlichkeit und Lesbarkeit. Fragestellung, Einwände, Bewertungsmaßstäbe und die Endfassung liegen bei mir. Autor dieses Textes bin ich.













