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Die Macht der Künstlichen Intelligenz und die Ohnmacht des Verstandes. Gastbeitrag von Werner Mittelstaedt

Gastbeitrag Von Gastbeitrag
11. März 2026
Die Macht der Künstlichen Intelligenz und die Ohnmacht des Verstandes. Gastbeitrag von Werner Mittelstaedt

Die Wurzeln der Künstlichen Intelligenz (KI) reichen in die 1940er-Jahre zurück. KI wurde seitdem fortlaufend weiterentwickelt und profitiert insbesondere von den enormen Fortschritten in der Computertechnik, den Programmiersprachen und der Entwicklung von »Deep Learning«[1] durch Computer. »Deep Learning« ist eine Methode, bei der Computer aus großen Datenmengen selbstständig Muster erkennen. Es hat der KI eine neue Qualität verliehen. Computer lernen nicht mehr nur nach festgelegten Regeln. Sie sind in der Lage, Strukturen, Wahrscheinlichkeiten und Zusammenhänge zu erkennen. Spätestens seit der Veröffentlichung von ChatGPT durch OpenAI im November 2022 ist KI in aller Munde. Heute nutzen große Teile der Weltbevölkerung KI mit stark ansteigender Tendenz. KI-Anwendungen haben seitdem einen beachtlichen Boom. Weltweit werden dafür die Computerkapazitäten enorm ausgebaut und täglich kommen immer weitere KI-Anwendungen zum Einsatz. Werden insbesondere durch die generative KI unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflusst oder sogar verändert?

Der berühmte Aufsatz des Philosophen Immanuel Kant, in dem er prägnant seine Definition der Aufklärung formulierte, erschien in der Dezember-Ausgabe der »Berlinerischen Monatsschrift« von 1784. Er begann mit den Sätzen: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus sei­ner selbst­verschuldeten Un­mündigkeit. Un­mündigkeit ist das Unvermö­gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines ande­ren zu be­dienen. Selbstver­schuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ur­sache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung ei­nes anderen zu be­dienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! […]«[2] Der letzte Satz dieses Zitats wurde zum Wahl­spruch der Auf­klärung. Aus dieser Sichtweise ist Unmündigkeit kein menschliches Defizit, sondern eine selbst gewählte, freiwillige Abhängigkeit.

In Anlehnung an Joseph Weizenbaums Buch »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft«[3] könnte man heute – angesichts der sinkenden Bereitschaft, sich »ohne Leitung eines anderen seines eigenen Verstandes zu bedienen« – von der »Macht der Künstlichen Intelligenz und der Ohnmacht des Verstandes« sprechen.

Immanuel Kants Begriff der Unmündigkeit beschreibt keine äußere Unterdrückung, sondern eine innere Haltung vieler Menschen. Denn wir neigen dazu, Denkvorgänge dorthin zu delegieren, wo es keine Mühe verursacht. Autoritäten, Traditionen, Institutionen – sie alle konnten historisch die Rolle jener Instanzen übernehmen, die den eigenen Gebrauch des Verstandes ersetzen. Die entscheidende kantische Einsicht lautet jedoch: Unmündigkeit entsteht weniger durch Zwang als durch Bequemlichkeit. Gerade hierin liegt die strukturelle Besonderheit generativer KI-Systeme, die Texte, Bilder, Musik, Videos, Programmiercodes und vieles mehr erstellen und dadurch den Menschen das Denken und damit die Arbeit abnehmen. Wir wissen, dass generative KI komplexe Muster aus Trainingsdaten erstellt. Zu den Trainingsdaten zählt auch alles Mögliche, was sich im Internet auslesen lässt – eine gigantische Flut von Texten, Bildern, Musikstücken und Videos. In diesen Daten befinden sich auch Fake News, Halbwissen, Falschmeldungen und fehlerhafte Informationen.

Heute ist KI, trotz aller Fortschritte, immer noch in den Anfängen. Die durch generative KI erstellten Aufsätze von Schülerinnen und Schülern, die Bachelor- und Masterabschlüsse, die Doktorarbeiten und wissenschaftlichen Texte bis hin zu Büchern aller Genres können Fehler enthalten, weil die KI halluziniert und sie nicht alles beantworten kann, da ihr dazu die Wissensquellen fehlen. Halluzinieren bei KI ist ein bekanntes Phänomen: Ein KI-System kann plausibel erscheinende, aber falsche oder sogar erfundene Informationen erzeugen; es erkennt nicht, dass etwas falsch ist. Aber nicht jeder KI-Text ist deshalb zwangsläufig fehlerhaft.

Um einen Text zu erstellen, sind gründliche Recherchen, ein möglichst guter Schreibstil, das Abwägen der Fakten und eine gute Strukturierung erforderlich. Dabei handelt es sich um einen kreativen Prozess, der arbeitsintensiv und zeitaufwendig ist. Heute aber genügt oft eine Anfrage bei generativer KI. Der Aufwand für das Denken wird durch den Aufwand für die Eingabe ersetzt. Der ausschließlich durch KI angefertigte Text stellt nur eingeschränkt eine persönliche Leistung dar. Es handelt sich um Schwindel, der zudem als Plagiat angesehen werden kann, wenn beispielsweise ein alter Roman in eine generative KI eingegeben wird mit der Anweisung, den Schauplatz, die Namen der darin vorkommenden Figuren und einige Handlungselemente so zu verändern, dass daraus ein »neuer Roman« entsteht. Wir können vermuten, dass heute bereits einige Romane auf diese Weise verfasst wurden. Es ist ebenfalls Schwindel, wenn Schülerinnen und Schüler sich von KI z. B. eine Interpretation von »Goethes ›Faust‹ « erstellen lassen und den Text eventuell noch anpassen, um möglichst nicht aufzufallen. Ähnliches kann mit wissenschaftlichen Texten geschehen. Menschen, die so agieren, bekommen keine richtigen Erfolgserlebnisse für ihre Texte, weil sie wissen, dass sie nicht auf selbstständigen Leistungen basieren.

Je leistungsfähiger technische Systeme wie generative KI werden, desto mehr verschiebt sich die Verantwortung auf den Menschen. Natürlich wird niemand von der KI dazu gezwungen, sein Denken zu delegieren. Sie schafft jedoch Voraussetzungen, die es dauerhaft naheliegend erscheinen lassen, auf eigene Bemühungen zu verzichten. Auch wenn die Selbstverschuldung der Unmündigkeit bestehen bleibt, haben sich ihre strukturellen Voraussetzungen grundlegend verändert.

Im KI-Zeitalter heißt der Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, nicht, auf Technik zu verzichten; es bedeutet vielmehr, gedankenlose Delegation und Bequemlichkeit abzulehnen. KI kann auch für Texte oder für das Erstellen von Bildern gut eingesetzt werden, ohne eigenes Denken zu delegieren, zum Beispiel für Rechtschreibprüfungen, für Sprachübersetzungen und Konsistenzkontrollen von Texten bis hin zur Anfertigung von Bildern durch vorgegebene Überlegungen. Generative KI ist zudem für Wissensabfragen aller Art für viele Menschen hilfreich, denn sie ersetzt komfortabel Suchmaschinenergebnisse. Auch zum Lernen kann generative KI geeignet sein, zum Beispiel beim Üben einer Fremdsprache. Aber, um mich bewusst zu wiederholen, generative KI darf nicht eigenes Denken und den kreativen Prozess bei Texterstellungen ersetzen.

Deshalb bekommt heute »Sapere aude« eine neue Bedeutung, denn die Autonomie eigenen Denkens wird nicht von der KI bedroht, sondern durch individuelle Bequemlichkeit. Die Fähigkeit der KI, Denken überflüssig erscheinen zu lassen, ist mächtiger als ihre Rechen- oder Generierungsfähigkeiten. Demnach wäre die Ohnmacht des Verstandes kein technologisches Schicksal, sondern das Ergebnis einer inneren Einstellung, die Reflexion durch Effizienz ersetzt.

Im digitalen Zeitalter wirkt die kantische Unmündigkeit nicht wie ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, sondern wie eine ständige Versuchung in einer Welt, in der jederzeit Antworten bereitstehen.

[1] Siehe dazu: Wikipedia (2025). Deep Learning. Abgerufen am 27.02.2026.

[2] Bahr, Ehrhard (2006): Was ist Aufklärung? Stuttgart: Philipp Reclam jun., S. 8–9.

[3] Weizenbaum, Josef (1978). Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Über den Autor:

Werner Mittelstaedt

Werner Mittelstaedt, 1954 in Gelsenkirchen geboren, prägt die kritische Zukunftsforschung seit den späten 1970er-Jahren mit zahlreichen Veröffentlichungen und Beiträgen, unter anderem zu qualitativem Wachstum, globalen Megatrends, Nachhaltigkeit, dem Anthropozän sowie zu Klimawandel, Fortschritt und zukunftsfähigen Wertorientierungen. Er ist Initiator und Herausgeber der seit 1981 erscheinenden Zeitschrift BLICKPUNKT ZUKUNFT (www.blickpunkt-zukunft.com). www.werner-mittelstaedt.com

 

Buchhinweis:

BuchhinweisWerner Mittelstaedt

Wie das Unmögliche möglich wird –  Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ
200 Seiten, kartoniert
Buch: ISBN 978-3-7329-1185-1, EUR 29,80
E-Book: ISBN 978-3-7329-8730-6, EUR 40,00

Zum Inhalt

Hochaktuell und mit überraschenden Analysen bringt Werner Mittelstaedt die Lage der Menschheit auf den Punkt. Und er geht noch einen Schritt weiter: Er zeigt, wie ein neues Fortschrittsnarrativ den Weg zu einer Gesellschaft weisen kann, die Wohlstand schafft, Nachhaltigkeit ernst nimmt und das Klima schützt. Seine Thesen dienen als Orientierung und eröffnen Perspektiven. Sie umfassen Konzepte und

Vorschläge für eine ökonomische Wachstumswende, den Umgang mit KI, die Stärkung liberaler Demokratien, eine humane Migrationspolitik, wirksamen Klima- und Biodiversitätsschutz, militärische Sicherheit ohne Rüstungseskalation, Bildung für die Herausforderungen der Zukunft und ansprechende Belohnungssysteme. So entsteht Raum für ein neues Denken in Richtung zukunftsfähiger Entwicklungen. Ohne Beschönigungen vermittelt Mittelstaedt Zuversicht: Der Autor zeigt, dass wir fast alles, was heute unmöglich erscheint, möglich machen können und dass jede und jeder sich daran beteiligen kann.

Bestellen Sie direkt beim Verlag oder in Ihrer Buchhandlung:
 buchbestellung@frank-timme.de
 www.frank-timme.de
+49 (0)30 88 66 79 11

 

 

 

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