Seit 1979, schreibt Barbara Demick in ihrem Buch „Chinas entführte Töchter“, war den meisten chinesischen Familien nur noch ein Kind gestattet. Dem Gesetz nach, so hatte es die allmächtige Kommunistische Partei festgelegt, musste man sogar einen Antrag auf Erlaubnis stellen, bevor man ein Kind zeugte. Man muss sich das nur mal vorstellen: Junge Leute, die verliebt sind, die eine Familie gründen wollen, hätten zuerst beim KP-Chef des Ortes um eine Genehmigung bitten müssen, ehe sie miteinander schlafen. Das zeigt, in welchem Maße eine Partei das Leben in dem Riesenland China kontrollieren und im Grunde alles überwachen wollte, was schwer möglich war, weil das Land eben zu groß und es auch zu viele Menschen gab in China.
Die Kommunisten versuchten mit aller Gewalt- und das muss man wörtlich nehmen- Einblick in jeden Haushalt zu bekommen, jede Schwangerschaft zu erfahren. Beinahe jede Frau, die einen Bauch hatte, musste mit Kontrollen rechnen. Auf der Straße, beim Einkaufen. Mitarbeiter von Behörden verschafften sich ohne Erlaubnis der Betroffenen- sie wurden gar nicht gefragt-Zugang in jede Wohnung, sie nahmen fest, verschleppten Frauen und Babies und riskierten dabei auch das Leben der Kinder und der Mütter. Rücksichtlos.
Mit der Ein-Kind-Politik und der damit zusammenhängenden Bevölkerungskontrolle glaubte die Kommunistische Partei, die lähmende Wirtschaft im Reich der Mitte in Schwung bringen zu können. Es darf gelacht werden ob eines solchen Wirtschafts-Konzeptes. Es wurde eine „Behörde für Geburtenplanung“(so die Übersetzung nach Demick) eingerichtet, um die Einhaltung der Vorschrift zu kontrollieren. Die Behörde kümmerte sich aber nicht um die Beratung der Menschen, sondern einzig um deren Bestrafung, falls sie schwangere Frauen erwischten. Pardon, aber ich muss das so schreiben, weil das Vorgehen so brutal und unmenschlich war. Bei Verstößen gegen die Vorschrift drohten Geldstrafen in Höhe des Lohns von über einem Jahr. Übertragen Sie das mal auf Deutschland. Eine Frau wird erneut schwanger- sie hat schon ein Kind- und muss dafür rund 30000 oder 40000 Euro bezahlen. Darüber hinaus müssen die Betroffenen befürchten, dass die Mitarbeiter der Behörde ihr Haus zerstören und das Eigentum beschlagnahmen.
Wörtlich schreibt Barbara Demick: „Trafen die Verantwortlichen auf eine sichtlich schwangere Frau ohne die entsprechende Erlaubnis, konnte es passieren, dass sie gefesselt, weggeschleppt und zur Abtreibung gezwungen wurde.“ Und anschließend habe die Frau dann noch eine „Rechnung für diesen Gefallen“ bekommen.
Das Auge das Gesetzes, so hat es die Autorin recherchiert, sei nie fern gewesen, immer da, immer nah, in der Stadt, im Dorf, in den Bergen, überall gab es „Spitzel und treue Diener der Partei, die bereit waren, einen anzuschwärzen“.
Barbara Demick beschreibt die Zustände im Land, namentlich auch den Aufstieg von Mao, dessen Heimatprovinz Hunan mit einer Bevölkerung, die zahlenmäßig der von Frankreich entspreche. In Frankreich leben- Stand 2025- über 66 Millionen Menschen. Mao sei vom Elend der Bauern angetrieben worden, er habe eine Landreform versprochen, er wollte die „Unterschicht vom Joch der herrschenden Klasse“ befreien. Doch, als er 1949 die Volksrepublik China gründete, wurde es anschließend nur noch schlimmer. Die Bauern mussten sich in „unwirtschaftlich arbeitenden Kollektiven zusammenschließen und waren gezwungen, ihre Ernte unter dem Marktpreis für den Export ins Ausland zu verkaufen“. China wollte den großen Sprung nach vorn, es sollte nach Mao eine industrielle Großmacht werden, die es mit den USA und der Sowjetunion hätte aufnehmen sollen.
Der „Große Sprung nach vorn“ war jedoch ein Schlag ins Wasser, mit der Folge, dass schätzungsweise 45 Millionen Chinesen starben, es folgte die sogenannte Kulturrevolution, in der Gebildete und jene, die zur Elite gerechnet wurden, umgebracht wurden. Nachbarn waren gezwungen, schildert Demick, sich gegenseitig zu beschuldigen, eine furchtbare Zeit die erst mit dem Tode Maos 1976 endete.
Barbara Demick, eine renommierte Reporterin und vielfach ausgezeichnete Autorin, hat jahrelang als Fernostkorrespondentin für die Los Angeles Times gearbeitet, darunter auch in der chinesischen Metropole Peking. In der Zeit hat sie die chinesische Gesellschaft kennengelernt und deren Leid unter den Familienplanungsbehörden. In ihrem Buch beschreibt sie- aus erster Hand- das Schicksal der Zwillinge Fangfang und Shuangjie und der gewaltsam getrennten Familie. Der Versuch, die Zwillinge vor dem Zugriff des Staates zu retten, scheitert, Fangfang wird der Familie mit Gewalt entrissen und zur Adoption freigegeben, während Shuangjie in der Familie bleibt.
Es ist ein Buch, in dem die Autorin das Land und die Leute beschreibt, das Schicksal von Familien, denen die Babies entrissen werden, ein unbeschreibliches Leid, das die Kommunistische Partei den Chinesen antut. Barbara Demick schildert darüber hinaus die Geschichte des Landes und die Zustände, unter denen die Menschen zu leben gezwungen sind. Sie hat Interviews mit Betroffenen geführt, Gespräche mit Frauen, sie ergänzt ihre Berichte mit Statistiken. Es ist eine eindringliches Buch, in dem Einzelschicksale in den Mittelpunkt rücken. Der Leser wird über die millionenfache Adoption informiert, den Menschenhandel. Dadurch, dass die Autorin schreibt und beschreibt, was sie erfährt, hört und sieht, im Grunde das aufschreibt, was ist, wird die Geschichte über Chinas entführte Töchter einem noch näher und eindringlicher gemacht. Es ist keine Sensationsmache, es ist guter Journalismus, aufwändig recherchiert, flüssig geschrieben, oft sachlich und dann wieder im Reporterstil. Ein lesenswertes Buch, das den Leser nachdenklich zurücklässt.











