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Home Kultur Buchbesprechungen

Heute wird Katja Lange-Müller schon 70 Jahre alt. Wir gratulieren ihr herzlich.

Marianne Bäumler Von Marianne Bäumler
13. Februar 2021
Buchtitel und Katja Lange-Müller

Hier eine Original-Rezension aus dem Jahr 1995 im Kölner Alternativ-Magazin Stadtrevue!

VERFRüHTE TIERLIEBE

Katja Lange-Müller, die wundervoll sarkastisch die Welt wahrnehmende Schriftstellerin aus der früheren DDR, hat nach den leider wenig bekannt gewordenen  Erzählungen: „Wehleid – wie im Leben“ (1986) und „Kasper Mauser oder die Feigheit vorm Freund“ (1988) nun endlich  wieder einen neuen Band mit zwei gelungenen Geschichten vorgelegt, für die sie im Mai mit dem „Alfred Döblin Preis 1995“ ausgezeichnet wurde. Leicht hat es sich die Tochter des einzigen weiblichen Vorzeigemitglieds des ZK, Ingeborg Lange, nie gemacht. Katja Lange-Müllers Schreiben und auch ihr öffentliches Auftreten sind von einer seltenen Widerborstigkeit, die allerdings trotz ihrer Sprödheit eine Mélange aus analytischem Aberwitz und nahezu körperlicher Feinfühligkeit für falsche Töne in sich birgt. Die erste Erzählung „Käfer“ in diesem neuen Band schildert in einem merkwürdig akribischen und zugleich komisch distanzierten Grundtenor die verstaubte, anödende Atmosphäre einer polytechnischen Oberschule in der DDR in den sechziger Jahren.  „Die ersten Tage des achten Schuljahres verbrachte ich sonderbar gestimmt. Ich weinte oft und grundsätzlich ohne Anlaß, heimlich rauchend auf dem Mädchenklo. danach fühlte ich mich meistens besser, aber genaugenommen leer.“

Die ca. 14jährige Ich – Figur vergnügt sich mit biologischen Beobachtungen von allerhand Getier, Ratten auf dem Schulhof, das heimliche Sezieren von Käfern unterm Pult, um dem langweiligen Unterricht zu entkommen. Die für ein Mädchen ziemlich ungewöhnliche Art zu basteln, beflügelt ihren trotzigen Entdeckergeist. So entstehen kleine Käfige aus ausgehöhlten Korken, Nähnadeln werden zweckentfremdet, um dahinter Raupen einzufangen und zu füttern, etc..

Eines Tages taucht für eine Schulstunde lang Bisalzki auf, ein verschrobener Mann, der den Stadtkindern seine Sammlung getrockneter Insekten, eingelegte Reptilien und andere eklige Dinge aus der Fauna vorführt. „Der Mann probierte ein Lächeln. Was er hinkriegte, ähnelte dem alten Schlüpfergummiband an meinem Katapult, wenn ich es gelegentlich noch einmal ohne Krampe, bloß aus Langeweile, zu spannen versuchte: so schmuddlig-weiß und ausgeleiert zogen sich seine Lippen dahin, von einem stumpfen Mundwinkel zum anderen.“ Aufgrund seiner dennoch diffus erotischen Ausstrahlung läßt sich das Mädchen auf das Angebot eines Ausflugs nur mit ihm allein ein. Ein zweifelhaftes Vergnügen, denn Bisalzki benimmt sich streng und abweisend: „Du bist undiszipliniert, unselbständig, unaufmerksam, ichbezogen, zuchtlos, zimperlich und wehleidig, kurz gesagt, für die wissenschaftliche Arbeit in Wald und Flur ungeeignet.“  Das Mädchen mit den unklaren Erwartungen ist ziemlich trostlos. Sie fühlte sich „bloß einsam, verlassen, hungrig und naß. Ich knöpfte mein triefendes Kleid auf, lies es samt dem Schlüpfer zu Boden gleiten, stellte mich vor den Flurspiegel, betrachtete meinen wie aus einem Stück Käse gekneteten, sehr weißen Körper,…holte aus der Küche kalten Tee und eine fast widerlich dick belegte Wurstschrippe,…wickelte mir meine Bettdecke um den Leib, hockte mich aufs Sofa, wo ich, apathisch aus dem Fenster starrend, sitzen blieb, bis die Nacht kam, wenigstens die.“ Die Blamage besteht für das pubertierende Mädchen vor allem darin, wider besseres Wissen aufgrund seiner Einsamkeit auf die Bestätigung dieses widerlichen Kerls angewiesen zu sein.

Mit den toten Käfern bastelt die zu Hause wohl oft vor allem innerlich alleingelassene Schülerin ganz neue Kreationen von Tieren, Mutationen, indem sie die Unterkörper der einen Sorte mit den Flügeln der anderen zusammenleimt, die Beinchen und Fühler wiederum geschickt mittels einer „Barthaarentfernungs-Pinzette“ mit den unpassenden Leibern anderer Insekten verklebt. Auf dem Hintergrund flimmernder Vergröberung unseres Fernsehzeitalters nimmt sich die Sprache der Katja Lange-Müller beinah altmodisch akribisch aus. Wie detailgenau sie auch ganz banale Situationen mit lakonischem Gestus registriert, hat heutzutage Seltenheitswert, ja, es gemahnt den nervösen Zeitgenossen von heute eher an die minimalistische Prosa eines Jean Paul. und damit an eine Zeit, als das Wort „Muße“ noch kein Fremdwort war. Dieses ganz ausführliche Benennen alltäglicher Verrichtungen verlangt den Lesern allerhand Konzentration ab. Begibt man sich jedoch erst einmal in diese scheinbar unspektakuläre Sätze-Landschaft, wird der ernüchternde Blick zurück der selbstironischen Autorin aus der ehemaligen DDR gleichermaßen zu einem Lesevergnügen für uns Westler von heute, zumal auch unsere Schulzeit ja wohl jede Menge dumpfen Leerlauf mit sich brachte. Insofern verführen gerade diese subversiv naturwissenschaftlichen Manöver unter der Schulbank eines Mädchens  häufig zum noch heutzutage wiedererkennenden Lachen.  In der Erzählung „Servus“ ist die Ich-Figur bereits einundzwanzig Jahre alt, arbeitet in einem Druckkombinat und scheint nicht wesentlich glücklicher geworden zu sein, als die einsame Schülerin im ersten Teil. Die tragikomische Erinnerung reicht in die Zeit um Weihnachten 1972. Die junge Arbeiterin, die ja unfreiwillig die Oberschule verlassen hatte, schlendert unschlüssig durch eines der ersten DDR-Warenhäuser („pastellgrün gestrichene Betonfassade“, innen aus Lautsprechern „bekannte Melodien mit neueren Texten, die für fröhlich gehalten werden sollten.“ „Tief in Gedanken, aber eigentlich unbeabsichtigt, steckte ich gleich zwei Päckchen dieser Baumkerzen unter meinen Mantel. Ich erschrak sogar ein wenig, als ich die Pappkartons, die ich mit dem rechten Arm gegen meinen Körper preßte, durch den Pullover hindurch an meinen Rippen fühlte. Ich hatte nicht vorgehabt, etwas zu stehlen, ich wußte genau, daß ich in der letzten Woche schon zweimal erwischt worden war und mir derartige Dinge vorläufig nicht erlauben durfte.“ Es fällt auf, mit welcher Lakonie Katja Lange-Müller sich eigentlich ziemlich freudlosen und bedrohlichen Situationen nähert. Vielleicht ist dies eine Art versteckter Tapferkeit,  mit der sie manch ungute Reminiszenz an Kindheit und Jugend gekonnt ins Groteske kehrt. Wie sich der Staatskapitalismus als Versuchung des Diebstahls auch ins ganz banal private Unglück mischt, solche Schilderung hat sarkastischen Seltenheitswert. Glücklicherweise ist die Autorin des Jahrgangs 1951 allerdings weit davon entfernt, ihre schroff-kantige Sammlung von Alltagssplittern und Aussichtslosigkeiten nun schließlich versöhnlerisch durch eine moderate Botschaft in eine sinnstiftende Ordnung bringen zu wollen. Im Gegenteil: Man spürt beim Lesen geradezu, daß ihre Art, sich den marktgerechten Eingängigkeiten zu verweigern, ihre schöpferische literarische Kraft ausmacht.

Katja Lange-Müller: Verfrühte Tierliebe, 1. Auflage 1995 auch als eBook erhältlich, Kiepenheuer & Witsch eBook,

Bildquelle: Buchtiteil, Ki&Wi-Verlag, Dontworry, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia

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