Der Chef der Landtagsfraktion lässt sich für 2027 von der Leitidee des einstigen Münchner Filmemachers Herbert Achternbusch motivieren: „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“
Die NRW-SPD hat einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2027. Ungeachtet angeblicher Alternativen haben die Sozialdemokraten im bevölkerungsreichsten Bundesland den Kölner Vorsitzenden ihrer Landtagsfraktion, Jochen Ott, zum Herausforderer für den Ministerpräsidenten Hendrik Wüst berufen. Alle Gerüchte und Berichte über angebliche Alternativen erwiesen sich als mehr oder weniger „frei erfunden“.
Tatsächlich nämlich organisierte der SPD-Landesvorsitzende Achim Post mit ruhigem Puls sehr geheim und in kleinstem Kreis seit Wochen diese Kandidatur sehr zielstrebig. Der Vergleich mag ein wenig gewagt sein, aber das abgestimmte, interne Verfahren erinnert schon noch an den verschwiegenen Weg der Entscheidung der Bundes-SPD über die Kanzlerkandidatur Gerhard Schröders gegen Helmut Kohl 1998. Der verschwiegene Moderator und Leiter der Wahlkampfzentrale damals hieß Franz Müntefering; in dessen Wahlkampf-„Kampa“ saß: Achim Post.
Nun also Jochen Ott in NRW gegen Hendrik Wüst. Die Lage der Sozialdemokraten scheint nach den desaströsen Kommunalwahlen im vergangenen Jahr und den wenig versprechenden Umfragezahlen so aussichtslos, dass man überhaupt nur als Spitzenkandidat antreten kann, wenn man es mit der Devise des einstigen bayerischen Filmemachers Herbert Achternbusch hält: „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“ Der Landeskorrespondent „Neuen Westfälischen“ in Bielefeld, Ingo Kalischek, sieht derzeit keine „Wechselstimmung“ im Land. Der Düsseldorfer Korrespondent der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ in Essen, Tobias Blasius, nennt Otts Job eine „Mission impossible“.
Der SPD-Herausforderer ist indes kein unbeschriebenes Blatt. Seine politische Karriere verzeichnet eine Reihe von Höhen und Tiefen. In Köln ist Ott eines der bekanntesten Gesichter der Stadt. Völlig überraschend holte er als politischer Jungspund mit gerade einmal 26 Jahren 2001 gemeinsam mit seinem Freund Martin Börschel die brach liegende SPD dort aus dem Tief und führte sie schließlich zu einem Wahlsieg gegen die Union, löste so Schwarz-Grün ab. Ein Höhenflug, der allerdings nur wenig später wieder in eine Niederlage mündete.
Otts Name aber ist dort seither bekannt und Programm.
Das wiederum kann man für den Rest des Landes nicht sagen. Nicht mal im Rest des Rheinlandes ist „Jochen Ott“ bereits eine Marke. Für Westfalen und Ostwestfalen kann man das auf keinen Fall diagnostizieren. Da gibt es große Baustellen für die SPD und ihren Kandidaten. Dies gilt vor allem im Wettbewerb gegen den Amtsinhaber Hendrik Wüst.
Der CDU-Ministerpräsident, der sich hinter seinem Schreibtisch lange auf einem Trainingsrad fit hielt, hat inzwischen für sich einen Regierungsstil entwickelt, der ihn seine schwarz-grüne Koalition weitgehend geräuschlos und ohne große inhaltliche Konflikte führen lässt. Mit einer Art Mischung aus einem präsidialen Amtsverständnis, wie es der langjährige Amtsvorgänger Johannes Rau pflegte, und einem Regierungsstil der „stillen Moderation“, die Alt-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) übte, gelingt ihm ein System schweigender Gefolgschaft.
Auch wenn Wüst gelegentlich dazu neigt, dies zu übertreiben, etwa mit seiner Profilierung gegen den eigenen Bundeskanzler Friedrich Merz oder gar in seiner Silversteransprache mit der Kopie der so genannten „Merkel-Raute“ in der Arm- und Handhaltung, gibt ihm das bislang Sicherheit im Amt. Dazu trägt mit Nathanaël Liminski – die WAZ nannte ihn kürzlich erst Wüsts „Arbeitsmuskel“ – auch ein Chef der Staatskanzlei bei, der dem Ministerpräsidenten mit umfassender und nahezu perfekter Regierungsorganisation den Rücken so gut freihält, dass er immer auch wieder für höhere Aufgaben angeblich gehandelt wird.
Dagegen ist schwer anzutreten als – neudeutsch – „No-Name“ und lokaler „New-Comer“. Allerdings verdrängen die guten Werte für Amtsinhaber Wüst, dass auch er schwierig ins Amt kam. Dazu gehörten politische Defizite in der NRW-Verkehrsplanung, für die er als Minister im Kabinett Armin Laschets verantwortlich war und die bis heute zu spüren sind und das Land noch lähmen, ebenso wie seine nicht unumstrittene Nominierung als Ministerpräsident. Sowohl der amtierende Innenminister Herbert Reul als auch die amtierende, inzwischen erkrankte, aber immer noch ehrgeizige Bauministerin Ina Scharrenbach konnten damals selbst nur deshalb nicht antreten, weil sie noch nicht über das dafür nötige Landtagsmandat verfügten. So lief es auf Wüst zu. Die Konkurrenten halten mit dessen bisherigem Erfolg derzeit still.
Denn nun ist der Münsterländer im Amt bekannt und genießt einen beträchtlichen Bonus. Dagegen wird es schwer für das Kölner Original Jochen Ott. Die Offensiv-Kraft und Sprachgewalt des Rheinländers werden gegen das Präsidial-Profil Hendrik Wüsts, das die SPD nicht sehr geschickt als „Schwiegersohn-Profil“ abwertet, kaum reichen; auch dann nicht, wenn Ott die Schwiegermütter wieder beruhigen kann und ihm zur Mobilisierung der eigenen Anhänger und Wählerschaft nun etwa 15 Monate Zeit bleiben. Schon eher öffnen den Sozialdemokraten die erheblichen Defizite des Landes in der Schulpolitik, vor allem aber in der Stau- und Verkehrspolitik Chancen. Auch die – nicht mal mehr grüne – Wirtschaftspolitik geriert sich als willenloser Erfüllungsgehilfe weitgehend ideenlosen Krisen-Managements in zahlreichen Führungsetagen von Industrieunternehmen.
So garantiert auch Wüsts Präsidialstrategie nicht automatisch den Erfolg. Dies musste der Ministerpräsident zuletzt an der Seite seines Oberhausener Parteifreundes und Oberbürgermeisters Daniel Schranz erfahren, für den er vor Ort in den Ruhrgebietswahlkampf zog und Currywürstchen verteilte. Schranz verlor völlig überraschend und hinterließ auch bei Wüst einen – wenngleich kleinen – Kratzer.
Der Oberhausener Herausforderer Thorsten Berg galt dort auch in den eigenen SPD-Reihen als ähnlich chancenlos wie Jochen Ott im Land – aber er gewann gegen den präsidial agierenden Amtsinhaber.
So ähnlich übrigens wie Ethan Hunt stets in seiner „Mission: Impossible“.
Zum Autor: Thomas Seim ist Autor; Berater; Coach und Chefredakteur a.D., Neue Westfälische, Bielefeld.












