Die allgemeine Verunsicherung in der Gesellschaft hat u.a. damit zu tun, dass die Menschen mit Informationen und Interpretationen überflutet werden. Das überfordert sie. Was die Vielzahl der oft widersprüchlichen Meinungen und Ansichten angeht: mit ihrer Anzahl scheint sich der Grad der Desorientierung und Unsicherheit noch zu erhöhen Der Begriff, der am häufigsten verwendet wird, um diesen Zustand zu charakterisieren, ist ‚Komplexität’.
Wenn etwas als komplex bezeichnet wird, suggeriert man damit, ein bestimmter Sachverhalt sei undurchschaubar, konturlos, schier unbegreiflich. Um diesem Dilemma zu entgehen, wurde das soziologische Konzept der Reduktion von Komplexität entwickelt. Es sieht vor, die Gesellschaft in lauter Subsysteme aufzuteilen; von der Wirtschaft, über das Recht bis zur intimsten Form von Gemeinschaft – der Liebe. Es wurde davon ausgegangen, dass jedes dieser Subsysteme seine eigene Logik besitzt und die zunehmende Rationalität der Subsysteme gleichzeitig die Rationalität des Ganzen befördert. Der Gedanke hat etwas Faszinierendes. Aber was, wenn sich diese Teilsysteme nicht mehr zu einem Ganzen zusammenfügen lassen? Darauf bleibt das Konzept die Antwort schuldig.
Mir scheint, dass der Begriff „Komplexität“ zunehmend dazu missbraucht wird, die tatsächlichen Interessen- und Machtstrukturen in der Gesellschaft zu verschleiern. Indem man behauptet, die Dinge seien halt sehr komplex, vermeidet man, Stellung zu beziehen und flüchtet sich in nebulöse Andeutungen. Das hat Methode und zeugt davon, dass es vor allem Politikern an einer entscheidenden Eigenschaft mangelt: Haltung zu zeigen!













