Die einen hörten das Gras wachsen. Viele andere lasen im Kaffeesatz. Es gab kaum eine Landtagswahl, nach der über die Ursachen und Nebensächlichkeiten von Journalisten, Politologen und Politikern so heftig unterschiedlich gedeutet wurde, wie die am 8. März 2026 in Baden-Württemberg.
Die FDP wurde in ihrem Stammland, in dem sie einst sogar den Ministerpräsidenten stellte, gründlich abgewatscht. Vielleicht lag es auch daran, dass der Bundesparteivorsitzende Christian Dürr, Niedersachse, die Spätzle-Mentalität falsch einschätzte, als er behauptete: „Die Menschen im Land wollen Veränderungen, auch in Deutschland.“ Tatsächlich? Waren sie nicht mit der bisherigen Landesregierung zufrieden? Das Gegenteil können nur Politologen und Journalisten im Kaffeesatz gelesen haben. Die Wehrlis und Jaissles wollten keine Konterrevolution, sondern: Alles bleibt wie es ist.
Fakt ist doch, es wurden nur die Namen ausgetauscht. Für den kauzigen Ex-Sozialisten Winfried Kretschmann rutscht voraussichtlich der deutsch-kurdischstämmige Landschwabe aus Bad Urach im Kreis Reutlingen in den Ministerpräsidenten-Sessel. Die Badener, die sonst scharfäugig auf die Schwaben herabsehen, wählten ihn mit. Özdemir stammt aus einem Landkreis, in dem die selbsternannte Alternative für Deutschland in einigen Wahlkreisen über 30 % kam. Ein Landkreis, in dem die Millionärs-Dichte in Villen besonders hoch ist.
Der vorsichtige Ex-Bundesminister Özdemir heiratete noch kurz vor der Landtagswahl im Februar 2026 seine Partnerin, die kanadische Juristin Flavia Zaka. Damit hatte er einen möglichen Stolperstein stiekum beiseite geräumt.
Das gelang dem CDU-Kandidaten Manuel Hagel nicht. Er hatte vor acht Jahren bei einem Schul-Besuch von den schönen, „rehbraunen“ Augen einer Schülerin geschwärmt; sie hieß Eva. Für einen 29-jährigen jungen Landtagsabgeordneten eigentlich eine Petitesse. Aber die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer sendete das Video als „verbale Entgleisung“ auf Instagram an ihre Follower. Damit hatten wir kurz vor der Wahl einen sexistischen Pseudo-Skandal. Gravierender scheint der Konflikt mit einer Lehrerin, der er ziemlich harsch über den Mund fuhr, als sie vor den Schülern die CDU und die vergangene Regierung an konkreten inhaltlichen Punkten kritisierte. Sein unsouveränes Verhalten danach war wohl das, was der Wählerschaft sauer aufstieß. Die Bundes-CDU generierte daraus eine „Schmutzkampagne“, obwohl der Kandidat reumütig erklärte, er habe „Mist gebaut“. Später kam man dann im Berliner Konrad-Adenauer-Haus angesichts des Gleichstands der Landtagsmandate auf die abstruse Idee, die zwei Legislaturperioden hälftig zu teilen und mit zwei Ministerpräsidenten zu regieren. Eine tolle Vorlage für die AfD, die schon immer wusste, dass es mit der Demokratie so nicht funktionierte.
Mit diebischer Freude sahen die üblichen Verdächtigen in den konservativen und rechtsorientierten Medien, wie sich für die SPD ein Gau abzeichnete und die Partei Willy Brandts einmal mehr in der Bedeutungslosigkeit versank. Daran hat auch der SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch, MdL, seinen Anteil. Eine Woche vor der Landtagswahl hielt er es für angebracht, ausgerechnet bei einem Besuch einer Tafel in Baden-Baden seinen Fahrer zu bitten, im nahegelegenen Frankreich noch Pastete einzukaufen. Mit abschreckender Wirkung. Es sind oft die scheinbaren Kleinigkeiten, die dem Wähler Aufschluss über den Charakter eines Kandidaten geben.
Die Journalisten von „BILD“ hörten das Gras wachsen. Ihre Prognose: „Eine offene Personaldebatte über die Spitzenpolitiker gibt es noch nicht. Doch es gibt Gedankenspiele. Sollte der Ministerpräsident Alexander Schweitzer die Wahl in Rheinland-Pfalz gewinnen, wäre sein Sieg ein Signal, dass die SPD noch Wahlen gewinnen kann.“ Nun vergisst „BILD“, dass es um eine schlagkräftige Landes-SPD geht, mit einem Ministerpräsidenten, der mit dem Land verwachsen ist. Zur Wahl stehen auch nicht Bärbel Bas und Lars Klingbeil, die mit dem schlechten Image der schwarz-roten Koalition assoziiert werden.
Bärbel Bas hatte erkennbare Mühe, den Gau in Baden-Württemberg zu deuten. Sie versuchte hilflos stammelnd ihre Politik als Ministerin zu erläutern. Lars Klingbeil tauchte ab, um ein mal im ZDF einen bitteren Kommentar abzugeben. Beide schickten dann am Montag, dem Tag nach der Wahl, den Generalsekretär Tim Klüssendorf vor, der seine Milchzähne kaum auseinander bekam und dem Fernsehzuschauer nicht erklären konnte, warum die einst stolze Arbeiterpartei so wenige Arbeitnehmer mobilisieren konnte. „BILD“ ließ auf der ersten Seite einen angeblichen Arbeiter in einem Leserbrief ausführen: „Sehr geehrte Frau Bas, gerade weil die SPD mit ihren Parteithemen bei mir voll durchgedrungen ist, kann ich sie nicht mehr wählen.“
Das Partei-Trio hätte statt Worthülsen an diesem Abend lieber den Lieblingswitz von Willy Brandt verbreiten sollen. Der lautete: Der Papst kommt zum nächsten Parteitag der SPD. Warum? Weil dort das Elend am größten ist.











