Rita Süssmuth ist tot. Die ehemalige Bundestagspräsidentin, Familienministerin und profilierteste Sozialpolitikerin der CDU ist am 1. Februar kurz vor ihrem 89. Geburtstag gestorben. Mit ihr verliert Deutschland eine kluge, unbequeme und zutiefst humanistisch geprägte Stimme – eine Frau, die den politischen Diskurs über Jahrzehnte mit Mut, Empathie und intellektuellem Tiefgang geprägt hat. Eine Christdemokratin, die ihrer Zeit voraus war. Wenn man die heutige CDU und ihre konservativ-reaktionären Volten anschaut, ein Urteil, das auch heute noch gilt.
Wissenschaftlerin, Ministerin, Mahnerin
Geboren 1937 in Wuppertal, promovierte Rita Süssmuth in Erziehungswissenschaft und war zunächst Professorin für Internationale Vergleichende Erziehungswissenschaft, bevor sie 1985 – von Kanzler Helmut Kohl sehr überraschend – zur Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit berufen wurde. Eine Entscheidung, die ein kluger Schachzug von Heiner Geißler in seiner Zeit als Generalsekretär der CDU war. Geißler manövrierte die nach der damals lauthals propagierten geistig-moralischen Wende oft genug orientierungslos schwächelnde Regierung Kohl, in den Medien damals oft genug auch als „Laienschauspielerschar“ geziehen, aus der Sackgasse. Er galt als profiliert, polarisierend und modernisierungsorientiert. Die Berufung Rita Süssmuth in das Kabinett setze in einer CDU, die sozialpolitisch überwiegend konservativ ausgerichtet war, mutige Akzente: Süssmuth förderte Frauenrechte, setzte sich für bessere Bedingungen in der Familienpolitik ein und sprach als eine der ersten offen über AIDS – gegen den Widerstand vieler Parteifreunde, die das Thema am liebsten tabuisiert hätten.
Ihr politisches Wirken war dabei immer von einem tiefen Respekt vor der Würde des Menschen geprägt – ungeachtet von Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung.
Unbequem in der eigenen Partei
Rita Süssmuth galt als moralisches Gewissen der CDU – und genau das machte sie in ihrer Partei nicht immer beliebt. Ihre progressive Haltung zur Frauenförderung, ihre frühe Forderung nach einem modernen Einwanderungsgesetz und ihre migrationspolitischen Grundüberzeugungen stießen innerhalb der Union auf erheblichen Widerstand. Süssmuth wollte Integration gestalten – nicht verhindern. Schon Anfang der 1990er Jahre sprach sie von Deutschland als „Zuwanderungsland“ – Jahre bevor diese Einsicht politische Mehrheiten fand.
Immer wieder geriet sie mit konservativen Kräften aneinander, wurde als „zu offen“, „zu liberal“ oder gar „sozialdemokratisch“ gescholten. Doch sie blieb ihrer Linie treu – faktenbasiert, werteorientiert und auf Verständigung ausgerichtet.
Eine Präsidentin mit Haltung
Von 1988 bis 1998 war Rita Süssmuth Präsidentin des Deutschen Bundestages – die erste Frau in diesem Amt nach Annemarie Renger. In einer Zeit der deutschen Einheit, des Umbruchs und der neuen Verantwortung Deutschlands in der Welt prägte sie die Parlamentskultur mit klarer Sprache, respektvollem Ton und demokratischer Tiefenschärfe. Ihre Amtsführung war geprägt von Würde, Disziplin – und einer spürbaren Leidenschaft für das Parlament als Herzstück der Demokratie. Ein Engagement, dass ihre aktuelle Nach-Nachfolgerin so schmerzlich vermissen lässt. Auch heute, gerade angesichts der Bedrohung unserer Demokratie durch eine rechtsradikal abgedriftete AfD, täte das der CDU gut.
Für Aussöhnung und Verständigung
Besonders wichtig war Süssmuth der Kampf gegen den Antisemitismus, der christlich-jüdische Dialog und die Verständigung, unter anderem durch ihre Mitgliedschaft im Kuratorium des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Sie betonte die Bedeutung des jüdischen Lebens in Deutschland und würdigte bürgerschaftliches Engagement in diesem Bereich. Als Bundestagspräsidentin, aber auch darüber hinaus engagierte sie sich intensiv für die Erinnerung an die Shoah und eine Erinnerungskultur, die Identität stiftet, dem Vergessen entgegenwirkt und gesellschaftliche Werte reflektiert. Sie war langjährige Unterstützerin von Dialogprojekten, Gedenkstättenarbeit und wissenschaftlichem Austausch. Für sie war klar: Verantwortung endet nicht mit dem Erinnern – sie beginnt dort.
Ein Vermächtnis der Menschlichkeit
Nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag blieb Süssmuth gesellschaftlich aktiv, unter anderem als Vorsitzende des Zuwanderungsrates der Bundesregierung (2000–2001), in der Integrationsforschung und in unzähligen Ehrenämtern. Ihre Stimme blieb bis ins hohe Alter klar, streitbar und von moralischer Integrität geprägt.
Rita Süssmuth hat den sozialen Kompass der Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt. Sie kämpfte für eine Politik, die nicht trennt, sondern verbindet. Eine Politik, die die Realität anerkennt – und sie menschlich gestaltet.
Mit ihrem Tod verliert Deutschland eine der profiliertesten Demokratinnen seiner Nachkriegsgeschichte.
Bildquelle: Rita.suessmuth.ma01, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Zum Autor: Er kannte Rita Süssmuth seit Anfang der 80er Jahre und arbeitete ihr in den Jahren 1998-2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Reden und Veranstaltungen zu den Themen Migration, christlich-jüdische Zusammenarbeit und demokratische Gesellschaft zu.












