„Anstand war gestern“, so die Überschrift eines Kommentars der Süddeutschen Zeitung. Er kritisiert die gebrochenen Versprechen der Bundesregierung, insbesondere des Innenministers Alexander Dobrindt (CSU), die Deutschland einmal all jenen Afghanen gegeben hat, die mithelfen wollten, dort demokratische Strukturen aufzubauen.
Wer vor Ort in Afghanistan erlebt hat, wie wichtig die Hilfe der Ortskräfte für die Arbeit der Bundeswehr, für das Entwicklungsministerium, für die NGOs damals war, der kann die Meinung nur teilen, dass das Verhalten verwerflich und schäbig ist. Wer weiß, dass der Einsatz der Afghanen für vermeintlich westliche Befreier schon damals gefährlich war, kann nicht verstehen, dass sie jetzt für diese Gefahr noch einmal bestraft und lebensbedrohenden Schikanen der Taliban ausgesetzt werden. Wer weiß, wie eng das Verhältnis der deutschen Soldaten und der vielen zivilen Helfer zu ihren afghanischen Unterstützern in der Regel war, der ahnt, wie sehr sich diese für das gebrochene Versprechen ihrer Bundesregierung in Grund und Boden schämen müssen.
Mehr als tausend Afghanen sitzen in Pakistan fest und drohen unter Gefahr für Leib und Leben wieder nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Andere sitzen schon wieder in Kabul und sind den Taliban ausgeliefert. Sie fühlen sich mit Recht verlassen von denen, die ihnen westliche Werte predigen wollten.
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Für den Kölner Schriftsteller und Journalist Navid Kermani ist der Umgang mit Afghanistan generell ein Schlüsselerlebnis für die Schwäche des Westens. In einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger vertrat er die These, dass der Niedergang, in seinen Worten gar „das Ende des Westens“ eingeleitet worden sei, als die US-Truppen und die ihrer Verbündeten, also auch die deutsche Bundeswehr, im Sommer 2021 „Hals über Kopf“ aus Afghanistan geflohen seien, das Land den Taliban überlassen und verzweifelte Menschen zurückgelassen hätten. „Das war ein Moment“, so Kermani, „in dem klar wurde: Der Westen gibt den Anspruch auf, eine Ordnungsmacht zu sein. Unzählige Menschen, aber auch viele Regierungschefs in der ganzen Welt haben durch die Flucht des Westens und seine gebrochenen Versprechen den Respekt vor dem Westen verloren, insbesondere im Globalen Süden.“
Nicht nur wegen der Schwäche, sondern auch wegen der offensichtlich doppelten Standards des Westens sei es zu diesem Respektverlust gekommen. Diese doppelten Standards hätten sich gezeigt im Gazakrieg, in dem der Westen zu lange Akzeptanz für die israelische Gewalt gezeigt habe.
Kermani geht noch weiter. Er glaubt, das Verhalten in Afghanistan habe viel zu tun „mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine“ ein halbes Jahr später. „Putin hat die Ukraine überfallen, weil er vom Westen keine Gegenwehr mehr erwartete.“ Einem Westen, der sich als „Ordnungsmacht und zivilisatorisches Projekt“ aufgegeben habe. Interessante Thesen eines Schriftstellers, der nicht ins Rampenlicht drängt, sondern bestechend klar beobachtet.
Zeichnung: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












