Gefährdung der Pressefreiheit, Gewalt gegen Journalisten. Lange Zeit kamen solche Meldungen aus autoritären Staaten, aus Weltgegenden, die es mit den Menschenrechten ohnehin nicht so genau nehmen. Mit einem Schuss Überheblichkeit hielt man hierzulande solche Gefährdungen für die Berichterstattung in unserer Zivilisation für nahezu ausgeschlossen.
Der Report „Nahaufnahme“ der „Reporter ohne Grenzen“ über die Pressefreiheit in Deutschland belehrt eines Schlimmeren. Danach wurden im vergangenen Jahr 55 Fälle dokumentiert, in denen Journalisten bei Ausübung ihrer Arbeit behindert, angegriffen, getreten oder verprügelt wurden. Im Jahr 2024 lag die Zahl gar bei 89 Fällen. „Besonders gefährlich“ so der Report, „war erneut die Berichterstattung auf Demonstrationen sowie bei Recherchen und Filmaufnahmen in rechtsextremen Milieus. Vereinzelt wurden auch Angriffe aus der linksextremen Szene gemeldet.“ Der Verein geht davon aus, dass die Dunkelziffer entschieden höher liegt, da es oft an verwertbaren Zeugenaussagen oder Ermittlungen der Polizei mangelt.
In „Nahaufnahme“ beklagt der Verein zudem das angespannte Verhältnis, dem Journalisten in ihrer Nahost-Berichterstattung ausgesetzt sind: „Im Kampf über die Deutungshoheit über den Gaza-Krieg zeigte sich eine zunehmende Polarisierung der Medienlandschaft. In der Debatte, was Antisemitismus und was legitime Kritik an der israelischen Regierung darstellt, wurden auch einzelne Journalist*innen persönlich diffamiert und sahen sich Online-Hetzkampagnen ausgesetzt.“ Besonders in den Fokus geriet dabei Sophie von der Tann, Nahost-Berichterstatterin der ARD, die von israelischen Offiziellen wegen ihrer Arbeit „als das Gesicht vom neu-deutschen Juden- und Israelhass“ attackiert wurde.
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Wo es hinführt, wenn Journalismus nicht mehr kritisch sein darf, sondern als Gefälligkeits-Berichterstattung verstanden wird, lässt sich momentan bei der 148 Jahre alten Washington Post beobachten. Der einstigen journalistische Instanz mit Weltruf droht der „Kahlschlag“, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Sie werde von dem Besitzer Jeff Bezos „zerlegt“, titelt die Zeitung. Der langjährige US-Korrespondent des Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), Karl Doemens, sieht als Hauptgrund für die Aufgabe journalistischer Standards durch Bezos, Amazon-Gründer und einer der reichsten Männer der Welt: „Immer offensichtlicher wanzt er sich an Donald Trump heran.“
Journalismus ist, was dem Präsidenten gefällt. Eine fatale Entwicklung für alle, die lange auf die Kraft der „vierten Gewalt“ im Gemeinwesen vertrauten. Die Leser der Post waren entsetzt, als Bezos 2024 einen in der Redaktion abgestimmten Leitartikel zugunsten der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris untersagte. 265 000 Leser kündigten ihre Digitalabos, so Doemens. Aber Geld spielt für Bezos ohnehin keine Rolle. Er hat genug davon. So dass er sich „die Ermordung der Washington Post“ leisten kann, wie Ashley Parker, langjährige Whitehouse-Korrespondentin des Blattes, urteilte.
Doemens schreibt, dass viele Mitarbeiter der Zeitung davon ausgehen, dass Bezos den Niedergang der kritisch liberalen Zeitung nicht nur hinnimmt, sondern bewusst betreibt. Eben um sich weiter an Trump heran zu wanzen. Das Schicksal der 300 Redakteure, denen er per Videokonferenz die Kündigung androhte, ist ihm gleichgültig. Die „Ermordung“ der journalistischen Instanz Washington Post ist nur ein Kollateralschaden, um an Trumps Hof in der Gunst zu bleiben.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












