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„Nie wieder vaterlandslose Gesellen.“ Will die SPD noch einmal in die Irre gehen? Gastbeitrag von Klaus Kenke

Gastbeitrag Von Gastbeitrag
11. Oktober 2026
Logo der Friedensgruppe SPD

1914 begann der erste Weltkrieg. Ganz Europa war berauscht vom Krieg. Kaiser Wilhelm II. kannte keine Parteien mehr, nur noch Deutsche.

Am 4. August 1914 stimmte die sozialdemokratische Partei geschlossen für die Kriegskredite. Wenige Abweichler in der Fraktion wurden auf Linie gebracht. Nie wieder wollten sie „vaterlandslose Gesellen“ sein.

Und, so steht es heute auf der Webseite der SPD, sie fanden es damals richtig, dem rückständigen Russland die Stirn zu bieten.

In den Schützengräben allerdings, fand die Kriegsbegeisterung bald ein blutiges Ende.

Schon 1915, im ersten Kriegsjahr, wenden sich mehrere Abgeordnete in ihrem Manifest „Das Gebot der Stunde“ gegen die Politik der Regierung und die weitere Billigung der Kriegskredite: Karl Kautsky, Eduard Bernstein und Hugo Haase. Die Mehrheit versank im nationalen militärischem Getöse.

1917 zerbricht die SPD an der Haltung zum Krieg. Sie spaltet sich als USPD (Unabhängige SPD) von der MSPD (Mehrheits-SPD) ab.

Als 1918 die überlebenden Soldaten traumatisiert und oft verkrüppelt aus dem Krieg zurückkehrten, dankte der Kaiser ab. Die Sozialdemokraten übernahmen Verantwortung in einem wirtschaftlich und seelisch zerstörten Land.

Einige Mitglieder der USPD kehrt wieder zur MSPD zurück. Als Resümee steht heute auf der Webseite der SPD: „Die Zustimmung zu den Kriegskrediten bleibt eine traumatisierende Erfahrung der Sozialdemokratie. Eine Erfahrung, die sie hellwach sein lässt gegenüber jedem erneuten Aufkeimen nationalistischer und militaristischer Stimmungen.“

Am 7. Oktober 2026 marschierte die SPD als Mahnung vor dem aufkommenden Nationalismus zum Bebelplatz, wo 1933 das Erbe der Deutschen Literatur verbrannt wurde. Einige von hielten das Grundgesetzt in den Händen. Aber spätestens als Verteidigungsminister Pistorius die Nationalhymne anstimmte, hätte August Bebel vermutlich verlegen auf seine Schuhspitzen geschaut, so schreibt es die Berliner Zeitung.

Denn der Bebelplatz mahnt gleichzeitig daran, dass die SPD in ihren Anfängen eine Antikriegspartei war.

Auf dem Sozialistenkongress am 24./25. November 1912 hielt August Bebel seine letzte Rede, in der der Grundtenor des Kongresses festgehalten wurde:

„Die kleinen, arbeitenden Leute stehen den Eliten und Kapitaleignern, die die Politik bestimmen und die Kriege anzetteln, nicht als Kanonenfutter zur Verfügung.“

1907 bereits formulierte August Bebel auf dem internationalen Kongress gegen Militarismus und Imperialismus folgenden Resolutionsentwurf:

„Krieg zwischen Staaten, die auf der kapitalistischen Wirtschaftsordnung beruhen, sind in der Regel Folgen ihres Konkurrenzkampfes auf dem Weltmarkt; denn jeder Staat ist bestrebt, seine Absatzgebiete sich nicht nur zu sichern, sondern auch neue zu erobern, wobei Unterjochung fremder Völker und Länderraub eine Hauptrolle spielen.

Begünstigt werden die Kriege durch die bei den Kulturvölkern im Interesse der herrschenden Klassen systematisch genährten Vorurteile des einen Volkes gegen das andere.

Kriege liegen also im Wesen des Kapitalismus; sie werden erst aufhören, wenn die kapitalistische Wirtschaftsordnung beseitigt ist oder wenn die Größe der durch die militärtechnische Entwicklung erforderlichen Opfer an Menschen und Geld und die durch die Rüstungen hervorgerufenen Empörung der Völker zur Beseitigung dieses Systems treibt.

Der Kongress betrachtet es deshalb als Pflicht aller Arbeiter und insbesondere ihrer Vertreter in den Parlamenten…mit allen Kräften die Rüstungen zu Wasser und zu Lande zu bekämpfen und die Mittel dazu zu verweigern.“

 War es also eine gute Idee, das Grundgesetz zum Bebelplatz zu tragen, unser Grundgesetz, in dem das Friedensgebot ein zentrales Vermächtnis ist?

Man könnte eher auf den Gedanken kommen, dass das Friedensgebot des Grundgesetzes, die schmerzhafte Erkenntnis aus zwei Weltkriegen, dort zu Grabe getragen wurde.

Ist es nicht eine Ironie der Geschichte, dass eine Partei, die gerade der größten Kriegsverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik zugestimmt hat, das Grundgesetz zum Bebelplatz trägt?

In diesem Monat 2026 veröffentlichte wieder eine Minderheit der SPD ein Manifest gegen die Rüstungspolitik ihrer Partei, unter ihnen die Parlamentarier Ralf Stegner und Rolf Mützenich: „Gemeinsame Sicherheit heute! – Ein Manifest für den Frieden“.

Wäre es nicht eine bessere Idee, das Grundgesetz wieder in das Parlament mitzunehmen, vor allem in die Außen- und Innenpolitik dieser Regierung?

Es muss scheinbar immer wieder daran erinnert werden, was die Grundlagen unserer Verfassung sind?

„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das deutsche Volk Kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ ( Präambel )

„Die Würde des Menschen ist unantastbar… Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“ ( Artikel 1)

Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“ ( Artikel 4,3 )

„Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“ ( Artikel 15 )

„Der Bund kann sich zur Wahrung des Friedens einem System gegenseitiger kollektiver Sicherheit einordnen…“ ( Artikel 24 )

„Die allgemeinen Regeln des Völkerrechts sind Bestandteil des Bundesrechts. Sie gehen den Gesetzen vor und erzeugen Rechte und Pflichten unmittelbar für die Bewohner des Bundesgebietes.“ ( Artikel 25 )

„Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“ ( Artikel 26,1 )

„Zur Kriegsführung bestimmte Waffen dürfen nur mit Genehmigung der Bundesregierung hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden.“  (Artikel 26,2 )

„Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf…Außer zur Verteidigung dürfen die Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich zuläßt. ( Artikel 87a, 1 u.2 )

„Die Feststellung, daß das Bundesgebiet mit Waffengewalt angegriffen wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht ( Verteidigungsfall ), trifft der Bundestag mit Zustimmung des Bundesrates.“ ( Artikel 115a )

Es wäre der SPD zu wünschen, wieder „hellwach“ zu werden, sich ihrer friedenstiftenden Ursprünge zu erinnern und dem Friedensgebot des Grundgesetzes wieder Geltung zu verschaffen. Dann hätte der Marsch zum Bebelplatz einen Sinn gehabt.

 

Zum Autor: Klaus Kenke, Pfr.i.R
Referent des Superintendenten
Für Friedensfragen
Kirchenkreis Jülich

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