Als Student habe ich für die WAZ in den Ferien in Datteln gearbeitet, einer Kleinstadt am Nordrand des Ruhrgebiets, eine Zechen- und Kanalstadt war sie damals. Einmal habe ich über das Schlesier-Treffen berichten müssen. Ich habe nicht viel gewusst von den Flüchtlingen, nicht ihr Heimweh gespürt, ihre tiefen Heimat-Gefühle ernstgenommen. Sie waren zu Hunderten gekommen zu ihrem Treffen aus allen Ecken des Landes. Und am Ende sangen sie ihr Lied: Riesengebirge, deutsches Gebirge, wo die Elbe so leise rinnt. Sie hatten Tränen in den Augen, viele hielten einander fest an den Händen. Sie träumten von der Heimat, in die sie gern zurückgekehrt wären. Später, Jahre später habe ich sie verstanden. Was hätten wir denn gemacht, wenn wir unsere Heimat, das Ruhrgebiet hätten verlassen müssen, wenn man uns vertrieben hätte- mit unvorstellbarer Gewalt.
Ich habe gerade das Buch von Andreas Tank gelesen, ein Enkel eines Vertriebenen. ‚Was meine Großeltern verschwiegen“ ist der Titel des Buches. Auf dem Cover liest man zudem: „Flucht und Vertreibung- Neubeginn einer Spurensuche“. Es ist ein Buch, in das man sich erst einlesen muss, weil der Autor sehr kleinteilig, aber eben sehr genau das Leben seiner Vorfahren beschreibt an Hand ihrer Briefe, Tagebücher, Dokumente, Zeugnisse, Zettel, Mitteilungen, an Hand seiner Gespräche mit seinem Vater Dr. Friedrich-Wilhelm Tank, der kurz vor der Veröffentlichung des Buches im Jahre 2026 starb. Das Buch nimmt einen mit in die Welt, die ich nicht kenne, ich war nie in Kolberg, diese Stadt, die wunderschön gewesen sein muss, aber dann eben auch in Trümmern lag wie vieles andere auch. Kolberg und einige Dörfer drumherum stehen im Mittelpunkt seiner Schilderungen, die den Leser berühren, weil der Autor alles so genau, fast penibel aufgeschrieben hat, jede feine Geschichte, aber auch viele Grausamkeiten, die die Menschen erleben mussten.
Andreas Tank geht umsichtig vor, er weiß, die geschichtlichen Daten einzuordnen, er weiß, dass die Vertreibung, dass die Flucht, dass all die Verbrechen an seinen lieben Verwandten ihre Vorgeschichte hatten in der Nazi-Zeit, als Hitler, Himmler, Heydrich, Goebbels, Göring und Co. einen Krieg in Europa entfesselten, in dem die braunen Herrenmenschen systematisch Polen, Russen, Ukrainer und viele andere vertrieben, umsiedelten, gnadenlos erschossen, verhungern ließen, sie vernichteten, weil sie Polen und Russen waren.
Später, als der Krieg für Nazi-Deutschland verloren war, folgte die Rache, die Vergeltung, gnadenlos. Ich beschreibe das, wie es Andreas Tank beschrieben hat, ich rechtfertige das nicht, weder das eine noch das andere. Es waren humanitäre Katastrophen, begangen von Regimen an Zivilisten, mit nichts zu rechtfertigen. Jahrzehnte später habe ich erleben dürfen, dass der tschechische Präsident Vaclav Havel sich für die Verbrechen an den Sudetendeutschen entschuldigte. Er sagte 1990: „Das war keine Strafe, sondern Rache. Mehr noch, wir haben die Deutschen nicht wegen erwiesener Schuld vertrieben, sondern als Angehörige eines bestimmten Volkes. Wir haben damit vielen unschuldigen Menschen Unrecht getan, hauptsächlich Frauen und Kindern.“
Zurück zum Buch von Andreas Tank, der 1979 im niedersächsischen Lemgo geboren ist. Der heutige Unternehmensberater mit Sitz in China hat sich als Enkel zweier Vertriebener aus der einstigen deutschen Provinz Pommern auf Spurensuche der eigenen Familiengeschichte begeben. Am Küchentisch seiner Großeltern stieß der promovierte Sinologe und Wirtschaftswissenschaftler auf ein außergewöhnlich großes Familienarchiv, auf Stimmen und Erfahrungen vergangener Generationen, die ihn fesselten und nicht mehr losließen. Über 80 Jahre nach Flucht und Vertreibung, die früheren deutschen Ostgebiete sind längst feste Bestandteile Polens, Russlands, Tschechiens, das Buch liefert Erinnerungen, die es wert sind, festgehalten zu werden.
„Kann man solche Stunden denn überhaupt noch als Leben bezeichnen?“ zitiert Tank die 22jährige Liselotte, als sie 1945 in Todesangst aus ihrer Heimat Pommern flieht. „Wie wehrlos sind wir und wie ihnen preisgegeben? Jeder von uns wird gemustert und soll mitkommen. Wir können kaum atmen“. Ja, sie haben Angst, die Russen sind da, die Kosaken, die mit Eierhandgranaten ausgestattet die schreienden Frauen bedrohen und sich nehmen, was sie wollen. Vergewaltigungen sind damals an der Tagesordnung, die Mädchen und Frauen den bewaffneten Männern ausgeliefert. Es geht einem unter die Haut, was Andreas Tank schildert. Dadurch, dass er alles so im Detail beschreibt, die Leiden der Menschen, was sie auszuhalten haben, sie haben kaum etwas zu essen, sie frieren bei Minus 20 Grad und mehr, sie wissen nicht, ob sie eine Zukunft haben. „Es ist die Zeit des Zusammenbruchs des Dritten Reichs, des Verlustes und des Ausgeliefertseins gegenüber einer Gewalt, gegen die es keinen Schutz gibt.
Das Schicksal von Millionen Menschen, zumeist Frauen, Kindern und alten Männern steht in unauflösbarem Zusammenhang mit dem deutschen NS-Staat, der die Welt zuvor in den größten und schlimmsten Krieg der Menschheitsgeschichte gestürzt hatte, in dem 60 bis 70 Millionen Menschen ihr Leben verloren, darunter sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Zwischen 1944 und 1950 fliehen oder werden vertrieben rund 12 Millionen Menschen aus den Ostgebieten, darunter drei Millionen Schlesier und Sudetendeutsche, zwei Millionen Ostpreußen, 1,5 Millionen Pommern. Die Siegermächte hatten vereinbart, dass diese Überführung-pardon- in „ordnungsgemäßer und humaner Weise“ geschehen solle. Mindestens 400000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder wurden Opfer dieser Überführung, weil es eben eine Vertreibung wurde, weil es Rache und Vergeltung war.
„Das Trauma des Krieges, der Entwurzelung aus der Heimat, des wortwörtlichen Totalverlustes, sowie von Gewalt, Hunger, Kälte, Armut, Schändung der Würde“. Schreibt Tank. Ganze Generationen in Deutschland waren davon betroffen, Geschichten, die verschwiegen wurden. Dabei sind sie Teil der Geschichte der Bundesrepublik alt wie neu. Und sie waren und sind auch Erfolgsgeschichten, wie Andreas Tank sie beschreibt in seinem Buch, darunter den Weg und Aufstieg seines Vaters. Der Bund der Vertriebenen nennt ein Viertel bis ein Drittel der deutschen Bevölkerung, die einen solchen Migrationshintergrund haben, also 21 bis 28 Millionen Deutsche, die mit dem Schicksal von Flucht und Vertreibung verbunden sind.
Aber lesen Sie das Buch selber, lassen Sie es auf sich einwirken. Es ist ein Teil der deutschen Geschichte. Man sollte das Buch in der Oberstufe der Gymnasien zur Pflichtlektüre machen, damit wir besser verstehen, was einst passiert ist und aufpassen, dass es nicht wieder geschieht.













