Michael Oelrich heißt der Mann, der im AfD-Büro im niedersächsischen Nienburg bis vor Kurzem gearbeitet hat – angeblich als Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Micha Fehre. Seinen Chef trifft Oelrich allerdings nur wenige Male. Er bekommt auch keine Mailadresse, die ihn als Mitarbeiter oder das Wahlkreisbüro ausweist.
Oelrich arbeitet nach seinen Angaben für die Partei, kauft Material für Parteiveranstaltungen ein und erledigt deren Post. Wenn es ihm nicht gut geht, meldet er sich bei Jonas Kallendorf, dem KV-Vorsitzenden, ab – nicht in Berlin. Mit dem Berliner Büro hat er keine Dienstbesprechungen, es gab auch kein Einstellungsgespräch mit Fehre.
Möglicherweise ist dies ein Beleg dafür, dass es sich bei Oelrich um einen der 35 Prozent Mitarbeiter handelt, die in Niedersachsen den Abgeordneten abgehandelt worden sein sollen. Als Gegenleistung soll es Support durch den Landesvorstand bei der Listenaufstellung gegeben haben.
Demzufolge ist es konsequent, wenn Oelrich seine Arbeitsanweisungen nicht vom Abgeordneten Fehre, sondern vom Parteivorsitzenden des Kreisverbandes erhält. Kallendorf bestreitet allerdings die Schilderungen Oelrichs. Fehre will sich gar nicht äußern. Das alles steht so in der Süddeutschen Zeitung, die mit Oelrich gesprochen hat. Ihr liegt auch Schriftverkehr vor, der belegt, dass Kallendorf und Oelrich Vertragsdetails diskutiert haben.
Oelrich, selbst Ortsverbandsvorsitzender der AfD, ist inzwischen kaltgestellt. Nach seinen Angaben sollte er sich von einem anderen Parteimitglied distanzieren. Als dies nicht geschah, wurde er entlassen – korrekterweise von Fehre. Das dazugehörige Gespräch führte allerdings Kallendorf.
Was die Süddeutsche Zeitung hier recherchiert hat, passt zu den Vorwürfen, die gleich mehrere Abgeordnete dem niedersächsischen Landesverband machen. Die Europaabgeordnete Anja Arndt hat dies in einem Brandbrief an den Bundesvorstand kritisiert. Und aus dem WhatsApp-Chat der Bundestagsabgeordneten Martina Uhr soll folgender Text vom Landesvorsitzenden Ansgar Schledde stammen:
„Habe gute Leute in der Hinterhand.(…) Müssen ja die Budgetaufteilung (Fehler im Original) 65/35 bedenken.“
Wie aufgeregt die AfD über all dies ist, lässt sich gut am Umgang mit der Abgeordneten Uhr ablesen. Zunächst wurde sie zum Mandatsverzicht aufgefordert, dann aus der Landesgruppe entfernt. Dann plötzlich die Kehrtwende: Uhr soll nun doch Abgeordnete bleiben können.
Im Zentrum der Kritik steht Ansgar Schledde. Er ist der Landesvorsitzende, in dessen Ägide der Landesverband als gesichert rechtsextrem eingestuft wurde. Er soll der Chef der sogenannten Allianz sein, einer innerparteilichen Seilschaft, die dafür sorgt, dass ihre Mitglieder an die begehrten Posten und Mandate kommen.
Der gelernte Maurer hat es fertiggebracht, gleich zwei Ehefrauen bei Kollegen unterzubringen. Die Ex arbeitet in der niedersächsischen Landtagsfraktion, deren Mitglied er ist. Die aktuelle ist beim Bundestagsabgeordneten Danny Meiners angestellt.
Zu den innerparteilichen Vorwürfen und Belegen äußert sich Schledde eindeutig: Er streitet alles ab. Zur Bundesvorstandssitzung mit Anja Arndt erschien er allerdings nicht. Dafür sollen niedersächsische Bundestagsabgeordnete eidesstattliche Versicherungen abgegeben haben, dass ihre Mitarbeiter nur für sie arbeiten. Offensichtlich ist die Rechtsberatung in der AfD-Fraktion nicht sonderlich gut.
Denn möglicherweise sieht die Bundestagsverwaltung ja einen Anfangsverdacht wegen eines Verstoßes gegen das Abgeordnetengesetz. Und das wiederum könnte zu Anzeigen führen. Bei Durchsuchungen werden sehr gerne Korrespondenzen, Chats etc. ausgelesen. Und wenn dann die Justiz zu einer anderen Auffassung kommt, als die eidesstattliche Versicherung angibt, wird die Sache richtig unangenehm.
So wie es aussieht, könnte der Staat hier zur Beute gemacht worden sein. Die Partei, die angeblich so anders ist als die anderen, hat einiges aufzuklären. Es ist stark zu vermuten, dass die innerparteilichen Kommissionen nicht ausreichen werden, um diesen Sumpf trockenzulegen.













