Am 24.09.2026 nahmen 150 jüdische Berliner/innen in einem „Offenen Brief“ die (Berliner) Linke vor dem Vorwurf in Schutz, antisemitisch zu sein. Die dpa verbreitete die Nachricht und bereits am selben Tag stand sie um 10.26 Uhr auf der Netzseite der taz. Andere linksliberale und linke Zeitungen folgten, dann auch viele Medien der „Mitte“. Nachmittags „Die Zeit“, Deutschlandfunk, Spiegel Online, rbb 24 und viele andere Medien des „Mainstreams“, abends gegen 21 Uhr die Netzauftritte von ZDF heute und der Tagesschau. Nichts zu finden war auf FAZ net oder ihrer Printausgabe am Morgen danach, ebenso nichts auf der Netzseite der Süddeutschen (letzter Aufruf 25.09.11 Uhr). In der FAZ vom Samstag, dem 26.09., kein Bericht, nur ein kurzer Schlenker in einem Kommentar.
Als prominente Unterzeichnerinnen des Briefes nennen die Medien die Autorinnen Eva Menasse und Deborah Feldman und die Philosophin Susan Neiman. Die Argumentation des Briefes spricht mehrere Dimensionen des Problems an. Den Brief und die Liste der Erstunterzeichner/innen findet man hier: https://religionsphilosophischer-salon.de/22736_150-juedische-berlinerinnen-stimmen-der-vernunft-im-eskalierenden-streit-um-eine-links-gruen-sozialdemokratische-regierung-in-der-hauptstadt_aktuelles.
Zum Sachgehalt des Vorwurfs schreiben die Verfasser/innen: „Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt werden, ist nicht nur eine zynische politische Instrumentalisierung, sondern setzt beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich.“ (Unterstreichung von mir, HOR) Wer hat das nicht schon gehört: Natürlich darf man Israel kritisieren, aber …
Zur Stützung dieser Behauptung wird man leicht viele Belege finden können. In seinem Kommentar „Hauptstadt der Extreme“ vom 22.09. schreibt der verantwortliche Redakteur für Innenpolitik der FAZ, Jasper von Altenbockum: „Ihre [der Linkspartei] Nähe zu Sozialismus und Antisemitismus, zu Enteignungen und offenem Israel-Hass scheint nicht ein Nachteil [für sie] gewesen zu sein.“ Entscheidend ist der zweite Teil der Zwillingsformel des Bösen. Artikel 15 des Grundgesetzes soll hier einmal aus dem Spiel bleiben. Wenn man den Hochdruck aus dem rhetorischen Dampfkochtopf ablässt, kann man den Vorwurf des „offenen Israel-Hasses“ zur „Israelkritik“ abkühlen lassen und noch genauer formuliert: zur Kritik besonders an der gegenwärtigen israelischen Regierung. Wenn man sich die Videos zu Netanjahus neuestem Auftritt vor der UN-Vollversammlung ansieht, wird man feststellen müssen, dass die internationale Kritik an Netanjahus Regierung keine Angelegenheit von Minderheiten oder nur von Antisemiten ist. Auf die erneut nötige Auseinandersetzung mit den Unterschieden zwischen der Jerusalemer Erklärung gegen Antisemitismus (JDA) und der Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remenbrance Alliance (IHRA) muss ich hier verzichten. Einem Großteil der Antagonisten geht es gar nicht mehr um Argumente. Aber letztlich ist der tendenziell grenzenlose Vorwurf des „israelbezogenen Antisemitismus“ der springende Punkt, die Linke, nicht nur die Partei dieses Namens, sondern die gesamte Linke, die die Politik der israelischen Regierung kritisiert, unter den Generalverdacht des Antisemitismus zu stellen. Zum Gegenstand dieser Kritik an der israelischen Regierung gehören nicht nur der Gaza-Krieg, deklariert gegen Hamas, faktisch auch gegen die gesamte in Gaza lebende palästinensische Bevölkerung, das Vorgehen der Siedler und israelischen Streitkräfte im Westjordanland, sondern neuerdings das Verbot, zur Knesset-Wahl zu kandieren, das das Wahlkomitee gegen arabische Parteien ausgesprochen hat, die ca. ein Fünftel der Bevölkerung Israels repräsentieren. (https://www.tagesschau.de/ausland/asien/israel-schliesst-arabische-parteien-aus-100.html) Selbst wenn das Oberste Gericht des Landes den Beschluss kassieren sollte, ist die diskriminierende Absicht unverkennbar.
Zum gesellschaftlichen und politischen Kontext der kritisierten Instrumentalisierung jüdischen Lebens hierzulande, die offenbar nur die letzte und fast einzige Karte ist, um eine von der Partei Die Linke geführte Koalition in Berlin doch noch zu verhindern, heißt es im offenen Brief: „In einer Zeit, in der eine teilweise offen faschistische Partei quer durch Deutschland auf dem Weg zur Macht ist, entziehen sich die großen Publikumsmedien und (wichtige) Teile unserer eigenen jüdischen Gemeinschaft ihrer Verantwortung, wenn sie weiterhin so tun, als würde die Linke die größte Gefahr für jüdische Sicherheit darstellen.“ Und: „Steigende Mieten treffen jüdische Familien genauso wie alle anderen. Prekäre Beschäftigung, überlastete Schulen, ein Gesundheitssystem am Limit, wachsende soziale Spaltung – all das erzeugt genau jene gesellschaftlichen Spannungen, die auch den Judenhass fördern. Wer soziale Missstände ignoriert, überlässt das Feld denen, die immer als erstes nach Sündenböcken suchen.“ Diese Aufzählung legt eine einfache Frage nahe: Was würde eine CDU-geführte Regierung in Berlin (und darüber hinaus) an diesen Problemen und der daraus resultierenden Unzufriedenheit in den weniger gutverdienenden Klassen und Gruppen der Bevölkerung ändern? Was haben die Parteien der „demokratischen Mitte“ mehr zu bieten als ein Merz’sches Weiter-so?
Damit stellen sich Fragen, die in den impliziten Appellen dieses offenen Briefes an Medien, Parteien und an wichtige Teile der jüdischen Gemeinschaft enthalten sind. Können/wollen die herrschenden Kräfte dieser Gesellschaft und ihre Sachwalter in der „Mitte“ die Jüdinnen und Juden, die in unserem Land leben, schon jetzt oder auch dann wirksam und nachhaltig beschützen, wenn sich die vom offenen Brief konstatierten sozialen Gegensätze noch weiter zuspitzen werden, wo doch die Parteien der „Mitte“ die genannten Probleme unter dem Diktat einer nie gekannten Aufrüstung erst produziert bzw. verschärft haben? Und werden sie deshalb bei weiter bestehender oder gar wachsender Unzufriedenheit der Bevölkerung deren Unmut nur noch autoritärer stillstellen, mit Instrumenten, deren sich die extreme Rechte gegebenenfalls nur zu bedienen braucht? Wird sich dann ihr ostentativer Pro-Semitismus als eine Variante der „jüdischen Vermächtnisse“ offenbaren, hinter deren Fassade in den 1980er und 1990er Jahren die hessische CDU unter Roland Koch ihre Schwarzgelder und illegalen Parteispenden zu verbergen versuchte?
Von Berlin nach Weimar: Das Beispiel Paul Silverberg und die Grenzen bürgerlicher Klassensolidarität
Um die Skepsis gegenüber einem allzu großen Vertrauen in die Zivilisiertheit deutscher „Eliten“ wachzuhalten, bedarf es nicht der Ausmalung düsterer Zukunftsszenarien (selbst wenn die Zukunft schon ganz nahe rückt), es genügt ein Blick in die Vergangenheit, um diese Skepsis zu bestärken.
Unter vielen, auch schrecklicheren Schicksalen wähle ich hier als Beispiel das Schicksal des Paul Silverberg. Es lohnt sich, an diesen Mann zu erinnern, der in der Weimarer Republik ein bekannter Unternehmer und Repräsentant des Reichsverbandes der Deutschen Industrie (RDI) war, in der Geschichtsschreibung der Weimarer Republik einen festen Platz hat, aber heute in der Öffentlichkeit kaum noch bekannt sein dürfte.
Silverberg wurde 1876 in der rheinländischen Stadt Bedburg im Regierungsbezirk Köln geboren, promovierte in Bonn zum Dr. jur. und löste 1903 seinen Vater in der Position eines Generaldirektors der Fortuna – Aktiengesellschaft für Braunkohlebergbau und Brikettfabrikation ab. Durch das am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Brikettverfahren und durch den ab 1907 verfügbaren Kohlebagger wird eine industrielle Braunkohlengewinnung möglich und gewinnt insbesondere durch den kurzfristigen Steinkohlenmangel nach Ende des Ersten Weltkrieges eine große Bedeutung als Energieträger. 1908 wurde die Fortuna in die Rheinische Aktiengesellschaft für Braunkohlebergbau und Brikettfabrikation (RAG) überführt. 1914 wird Silverberg Aufsichtsratsvorsitzender des Rheinischen Elektrizitätswerkes und über den späteren Besitz von Aktien der Harpener Bergbau-Aktien-Gesellschaft auch Mitglied der „Ruhrlade“, einem informellen 12-köpfigen Beratungsgremium der Schwerindustrie, dessen Mitglieder mit Ausnahme von Silverberg meist Unterstützer der Nazis wurden. Zudem saß er in 50 Aufsichtsräten. 1925 entfielen 26,8% der Brikettfabrikation in Deutschland auf die RAG. In der Demokratischen Volkspartei (DVP) gehörte er dem Stresemann-Flügel an.
Parallel zu Silverbergs wirtschaftlicher Bedeutung wuchs seine Rolle im RDI, dessen Präsidium er bis 1933 angehörte. Der Verband sollte angesichts der Kriegsniederlage und der Etablierung einer parlamentarischen Demokratie und Republik die traditionellen Gegensätze der Industriefraktionen möglichst intern durch Kompromissbildung beseitigen oder zumindest mildern. Die Ausdehnung des Staatsapparates durch Ministerien für Wirtschaft und Arbeit zusammen mit der parlamentarischen Vermittlung der Regierungsmacht erforderten vom Verband die Entwicklung nicht nur finanzpolitischer, sondern auch wirtschafts- und sozialpolitischer Kompetenzen. Vor allem mussten die Forderungen des Verbandes in der Öffentlichkeit überzeugend dargestellt werden. Unter den Bedingungen einer parlamentarischen Demokratie, starker Arbeiterparteien im Parlament und zeitweilig in der Regierung (SPD mit Unterbrechungen, zuletzt 1928 bis 1930) ließ sich nicht mehr der „Herr-im-Haus“-Standpunkt wie unter dem Kaiser rabiat durchdrücken, sondern es kam entscheidend darauf an, das Minderheitsinteresse der Verbandsmitglieder als im Interesse aller liegend plausibel zu machen, vor allem der Sozialdemokratie und den sozialdemokratisch beeinflussten Gewerkschaften.
Unter diesen Bedingungen wuchs Silverberg in die Rolle eines ‚organischen Intellektuellen‘ der deutschen Industrie, vielleicht der wichtigste nach der Ermordung Walther Rathenaus am 24. Juni 1922, zu dem er als Vertreter der Schwerindustrie in scharfem Gegensatz stand. Weiteren Kreisen bekannt wurde Silverberg durch seine Rede auf der Tagung des RDI am 06.09. 1926 in Dresden. Darin verkündete er, dass das deutsche Unternehmertum „restlos“ auf „staatsbejahendem“, also republikanischem „Standpunkt“ stehe und dass nur mit Beteiligung der Sozialdemokratie regiert werden könne. Die Rede traf auf heftige Ablehnung im Verband und bei der Rechtspresse. Sie übersahen jedoch den Haken in dieser Rede. Silverberg ging es nicht um gleichberechtigte Zusammenarbeit, sondern um eine Kooperation unter „Führung“ des Unternehmertums und entsprechend betonte er die Wichtigkeit der Forderungen des RDI, die schon immer zu den gebetsmühlenartig vorgetragenen Standards des Verbandes gehörten: Senkung der Unternehmerbesteuerung, dafür Ausbau der Konsumsteuern, Abbau der Staatsausgaben, insbesondere für Sozialmaßnahmen, Flexibilisierung und Ausdehnung der Arbeitszeit, Senkung der Löhne, um eine bessere Kapitalbildung zu ermöglichen.
Als die Weltwirtschaftskrise ausbrach, unterstützte Silverberg die Verschärfung dieser Forderungen in der berüchtigten Denkschrift des RDI „Aufstieg oder Niedergang?“ vom 02. Dezember 1929. Erstmals formuliert diese Denkschrift, dass die Unternehmer ihre Interessen nur durchsetzen können, wenn die politischen Entscheidungen, zuerst auf dem Gebiet Haushalt und Finanzen, vom Einfluss des Parlaments freigehalten werden. Die „Gemäßigten“ wie Silverberg dachten an ein Präsidialsystem, das im April unter Heinrich Brüning installiert wurde und an dem die Führung des RDI bis zu seiner Ablösung festhielt. Angebote, in das Kabinett Brüning einzutreten, lehnte Silverberg ab. Der Kompromiss der Denkschrift war aber so formuliert, dass er auch den Weg in die Diktatur offenhielt.
Im April 1933 verlor Silverberg das Amt als gewählter Präsident der Industrie- und Handelskammer Köln und musste aus dem Präsidium des RDI ausscheiden, der im Zuge der „Gleichschaltung“ in den „Reichsstand der Deutschen Industrie“ überführt, 1945 von der Anti-Hitlerkoalition beerdigt wurde und 1950 in Westdeutschland als Bundesverband der Deutschen Industrie wiederauferstanden ist; aber das ist eine andere Geschichte.
Warum diese Demütigung? Was ist Silverberg widerfahren, dem protestantisch getauften Paul, der so lange seinem „Vaterland“ bzw. den Interessen, für die dieses Wort steht, treu gedient hat? Er hatte aus der Sicht der Nazis und seiner Nazi-affinen Klassengenossen nur den einzigen „Makel“: Er war jüdischer Herkunft. 1934 emigrierte er deshalb in die Schweiz, ließ sich nicht bereden zu bleiben, glaubte keinen Beteuerungen, es werde ihm nichts passieren. Er kam nie wieder nach Westdeutschland zurück und starb am 5. Oktober 1959 in Lugano.
Was lehrt Silverbergs Schicksal?
Silverberg ist ein Beispiel dafür, dass das deutsche Besitzbürgertum noch nicht einmal bereit war, seine jüdischen Angehörigen vor dem antisemitischen Furor der Nazis zu schützen. Im Gegenteil: Die deutschen Klein- und Großkapitalisten waren die ersten, die diesen Menschen ihre Besitztümer raubten. „Arisierung“ hieß das damalige Geschäfts- und Mord-Modell Deutschland. Und auch die „kleinen Leute“ bis in die entlegensten Dörfer haben davon profitiert, wenn der Hausrat der deportierten Familien verteilt oder verscherbelt wurde.
Wenn jetzt der Zentralrat der Juden glaubt, das deutsche Bürgertum und sein Personal in den Parteien der „demokratischen Mitte“ würden jüdische Bürgerinnen und Bürger ernsthaft und nachhaltig schützen, und sich mit den dunkelsten Dunkeldeutschen bis hin zu Frau Weidel gemein macht im Kampf gegen einen angeblichen „linken Antisemitismus“, dann schwächen er und die, die ihm folgen, genau die gesellschaftlichen Kräfte, die immer und als einzige zuverlässig gegen Antisemitismus und Faschismus standen. Vielleicht hilft hier auch ein Blick auf die Wählerwanderungen am Ende der Weimarer Republik. Während der Wählerblock der Arbeiterparteien und des katholischen Zentrums weitgehend stabil blieb, saugten die Nazis bei ihrem elektoralen Siegeszug bis Mitte 1932 vor allem die Wählerschaft der bürgerlichen Parteien der Mitte auf. Es waren die Wählerinnen und Wähler der wohlhabenden Stadtviertel, des Mittelstandes und ja, auch Arbeiter auf den Dörfern, weit ab von den industriellen Zentren, die NSDAP wählten. Die gewerkschaftlich organisierten Facharbeiter wählten meistens SPD, junge Arbeiter und Arbeitslose die KPD.
Die Kampagne der „Mitte“ und der Rechten, die im Moment gegen die Berliner Linke, was immer man von der Partei und ihrem Landesverband halten mag, losgetreten wird, gehört im Blick auf das (un-)geistige Klima des Landes zum Heuchlerischsten, das ich in den letzten Jahren und Jahrzehnten erlebt habe.
Hinweise:
Silverbergs öffentliche Äußerungen findet man bei Franz Mariaux (Herausgeber): Paul Silverberg. Reden und Schriften, Köln 1951.
Eine gute geschichtswissenschaftliche Darstellung gibt Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik. Göttingen 1981.
Bildquelle: KI generiert auf der Basis eines Bildes aus dem Bundesarchiv: CC BY-SA 3.0 de
Datei:Bundesarchiv Bild 183-1987-1217-504, Paul Silverberg.jpg














