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Die unwürdigen Armen im FAZ Tower

Hans Otto Rößer Von Hans Otto Rößer
12. April 2026
Straßenbahn Hamburg

Das Bürgertum liebt die Armen, wenn sie brav bleiben und demütig, wenn sie sich klein machen und still abwarten, bis man ihnen ein Almosen zusteckt, wenn sie nicht in den Fußgängerzonen auffallen, wenn sie nicht beim Einkaufen zur Last fallen und wenn sie im Winter, wenn es sehr kalt wird, klaglos und geruchsarm dahinscheiden. Es liebt sie besonders, wenn sie seine Moral verinnerlicht haben, wenn sie ihren Kindern einbläuen, anständig zu bleiben und anständig zu hungern, die ihre Kinder schlagen, wenn sie stehlen, anstatt ihnen beizubringen, wie man die notwendigen Lebensmittel klaut, ohne sich erwischen zu lassen. Das Bürgertum liebt die Armen, um die Arbeitenden einzuschüchtern. Seht, das kann euch passieren, wenn ihr nicht spurt.

Gern demonstrieren manche seiner Angehörigen ihr Quäntchen Mitleidsfähigkeit, indem sie ihr ein Quantum Erziehungsstrenge beimischen: „Hier, das iss für Sie. Gelle, davon awwer kein Schnaps kaufe. Ach, wisse se was, ich kauf Ihnen dafür gleich selbst e Brötche und brings nachher vorbei.“

Das Behagen des Bourgeois („uns geht’s ja noch Gold“) darf allerdings nicht durch den Gedanken gestört werden, von gesellschaftlichen Zuständen zu profitieren, die systematisch einer größer werdenden Zahl von Menschen die „Ehre“ vorenthalten, ihre Subsistenz durch ihre eigene Arbeit zu erhalten, und die ihnen dadurch ein Unrecht antun (so hat das der Philosoph Hegel formuliert). Zur Aufrechterhaltung der Verdrängung, Teil dieses Übels zu sein, wird wiederum der unwürdige Arme gebraucht, über dessen kleine Tricks man sich empört, um allen, die guten Bürger selbst eingeschlossen, das prinzipielle Unrecht der gesellschaftlichen „Ordnung“ vergessen zu machen.

Darin stimmen dann auch sehr viele Arbeitende ein. Die Zeit ihres Lebens Anpassung und Wunschverzicht lernen mussten, richten nun ihren Hass und Aggressionen gegen die, die diese Anpassung verweigern. Was nehmen die sich nur raus, wer sind die denn, wenn das jeder täte. Können die sich nicht so zusammenreißen wie wir anderen, die Normalen, auch.

Früher hießen die Objekte allgemeiner Wut Florida-Rolf oder Viagra Kalle. Wer kann sich daran noch erinnern? Jetzt sind es mal wieder die „Schwarzfahrer“, die ja auch nur die freie Fahrt für freie Bürger für sich in Anspruch nehmen.

Für Erregung sorgt seit Tagen der Vorschlag der sozialdemokratischen Bundesjustizministerin Stefanie Hubig, die „Ersatzfreiheitsstrafe“ für „Schwarzfahrer“ abzuschaffen, die die erhöhten „Beförderungsgebühren“ nicht bezahlen wollen oder können. Solche Leute gehören ihrer humanen Ansicht nach nicht ins Gefängnis, daher soll „Schwarzfahren“ kein Straftatbestand mehr sein. Gerichte und Gefängnisse seien ohnehin überlastet. Für solche kostensenkende Lösungen hat das Bürgertum eigentlich immer ein offenes Ohr, aber nicht, wenn dadurch die benötigte Abschreckungswirkung in Frage gestellt wird gegen diejenigen, die durch ihr unbotmäßiges Verhalten immer wieder die Rechtmäßigkeit der bestehenden „Ordnung“ in Frage stellen. Und natürlich gegen die, die durch die „Unbotmäßigen“ auf die Idee kommen, das könnte ich doch eigentlich auch mir einmal erlauben.

So geraten die versammelten Besitzer und ihre Hausmeister (Gender!) über den Vorschlag der Bundesjustizministerin außer Rand und Band. In der FAZ darf eine dieser Hausmeisterinnen, die Philosophie studiert haben will, vom (Peitschen-) Leder ziehen. Auf welche schiefe Ebene gerate man denn dadurch? Erst Cannabis legalisieren, dann zahlungsunfähige Beförderungsleistungserschleicher nicht mehr in den Knast stecken und als nächstes womöglich den Ladendiebstahl entkriminalisieren? (Der „Ladendiebstahl“, der den Laden doch stehen lässt: Vorletzten Winter besuchte ich eine Vorstellung des Laientheaters des Nachbarorts. Gegeben wurde das Stück „Bezahlt wird nicht!“ des Anarchisten Dario Fo. Ich sah die anwesenden Supermarkt- und Sparkassenfilialleiter begeistert klatschen und hörte sie mit den Füßen trampeln. Die Wirkung von Kunst kann man aber nur dann beurteilen, wenn man wüsste, was diese Leute am nächsten Tag gedacht und gefühlt haben.)

Das Demagogische des FAZ-Kommentars von Susanne Kusicke liegt vor allem darin, völlig evidenzlos zu suggerieren, „Schwarzfahrer“ seien auch die, die gegen Kontrolleure und andere Arbeitskräfte der Beförderungsbetriebe mit Gewalt und Tötungsbereitschaft vorgingen. Deshalb finden auch Kommunen und Kontrolleure, die die Menschlichkeit besitzen, „sichtlich arme Menschen“ zu „übersehen“, also nicht zu drangsalieren, vor dieser Philosophin keine Gnade. Auch eine „unverhältnismäßige Härte“ müsse hier angewendet werden. Wer also, z.B., die S-Bahn Fahrt von Marzahn nach Berlin Mitte nicht bezahlen kann, soll gefälligst laufen. Sind ja nur schlappe 15 km oder dreieinhalb Stunden zu Fuß. So viel Armutswürde darf es dann doch sein.

Am Ende ihres Kommentars erwägt die Disziplinarjournalistin dann doch noch eine andere Möglichkeit: Die Beförderungserschleicher könnten ja auch ihre Bußgelder abarbeiten. Das fällt den neoliberalen Plagegeistern immer sofort ein: Sklavenarbeit 0.2. Welcome in the chaingang, bros ’n’ sisters!

PS: Es überrascht mich nicht, dass Sprecher diverser Gewerkschaften, Pseudo-Gewerkschaften und tiefgelber Betriebsräte ins Hubig-Bashing einstimmen.

 

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/schwarzfahren-was-justizministerin-stefanie-hubig-plant-ist-schlecht-200707503.html

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