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Missbrauch in der Kirche: Täter werden geschont

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
13. März 2026
Wasser bis zum Hals stehen, Symbolbild

„Da kann der normale Mensch nur noch wütend werden. Mit Fahrdiensten wurden Kinder und Jugendliche zu diesen Sittenstrolchen in Kirchenroben gebracht, damit sie sich daran vergehen können“. So empört sich ein Zeitgenosse im Erzbistum Paderborn über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche im Zeitraum 1941 bis 2002. Mehr als 200 Priester haben sich einer Studie zufolge an 489 Opfern vergangen, so die Untersuchung, die einen jeden Bürger erschüttern muss. Der Sprecher einer Betroffenenvertretung äußerte zudem den Vorwurf, dass ein ehemaliger Erzbischof mutmaßlich einem minderjährigen Jungen sexualisierte Gewalt angetan habe. So hat es der WDR berichtet. Der Name des längst toten Erzbischofs: Johannes Joachim  Degenhardt.

Wenn ich so etwas lese oder im Radio höre, erschüttert mich das, es macht mich fassungslos bis wütend. Kinder werden Geistlichen anvertraut, man gibt sie in die Obhut von Pfarrern, weil man sicher ist, dass die Kinder dort gut aufgehoben sind. Und dann erfährt man das. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Missbräuche in beiden Kirchen, den katholischen wie evangelischen Kirchen aufgedeckt werden. Das hat es ja schon vor Jahren gegeben, beinahe jedes Jahr wurden neue Schweinereien bekannt, anders kann ich das nicht nennen. Und ich muss gestehen, dass mich solche Taten von sogenannten kirchlichen Würdenträgern derartig aufregen, dass ich sie vor Zorn am liebsten verprügeln würde.

Vorwurf gegen Erzbischof

Ich zitiere noch einmal aus der Pressemitteilung des WDR: „Als Prof. Dr. Nicole Priesching bei der Pressekonferenz mit einem Betroffenen schildert, wird es still. Sie erzählt, dass ein Betroffener ihr in einem Interview sagte, dass er anfing zu weinen und zu schreien, als ein Geistlicher vor ihm masturbierte.“ Der Täter in seiner Priester-Robe soll dabei gelacht haben. Mir fällt dazu nichts mehr ein, vor allem nicht, weil die Taten viele Jahre zurückliegen, die Täter, die Pfarrer, der erwähnte Erzbischof lange tot sind. Mir verschlägt es auch deshalb die Sprache, weil die Taten, die sexuellen Übergriffe, die teilweise Vergewaltigungen über Jahre verschwiegen, ja vertuscht wurden. Den Kindern, den Opfern wurde nicht geglaubt, sie schämten sich fast zu Tode über das, was ihnen ein Geistlicher, ein geweihter Herr- so nannte man die Priester bei uns im Dorf- angetan hatte.  Im übrigen sagen die Zahlen längst nicht alles über das Geschehene. Nicole Priesching betonte: „Das Dunkelfeld dürfte nochmal größer sein“, weil sich wahrscheinlich nicht alle bei ihnen gemeldet haben. Aus Scham. Ich glaub es nicht.

Zur Strafverfolgung sei es in den Amtszeiten der Erzbischöfe Jäger und Degenhardt gar nicht gekommen, auch weil die Kinder oft nicht begriffen hätten, was mit ihnen passiert sei. Und ihnen wurde auch nicht geglaubt. Es habe Meldungen an die Erzbischöfe gegeben, die betreffenden Geistlichen seien aber nur innerkirchlich bestraft, also versetzt worden. Erzbischof Degenhardt habe zudem Druck auf Betroffene und Familien ausgeübt, um Anzeigen zu verhindern. Frau Priesching sprach von einer Vertuschungsspirale, die dafür gesorgt habe, „dass Täter ungestraft weitermachen konnten.“ Die Studie deckt nur den Zeitraum zwischen 1941und 2002 ab, eine weitere Untersuchung soll die Amtszeit von Erzbischof Hans-Otto Becker von 2003 bis 2023 prüfen, mögliche Taten wären dann nicht verjährt. Die Vorwürfe gegen den ehemaligen Erzbischof Degenhardt, der das Bistum von 1974 bis zu seinem Tod 2002 leitete, sollen laut einer Erklärung des Erzbistums Paderborn unter die Lupe genommen werden. Übrigens war Degenhardt ein Jahr vor seinem Tod  durch Papst Johannes Paul VI zum Kardinal ernannt worden.

Paderborn ist nur ein Fall sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Das wahre Ausmaß sexueller Gewalt in der katholischen Kirche in ganz Deutschland ist viel größer. Dies hat eine Umfrage des ARD-Magazins Fakt bei allen 27 Bistümern vor ein paar Wochen ergeben. Seit 1945 gibt es demnach 6529 Betroffene, also Opfer, und 2848 Beschuldigte, Täter also, wenn sie überführt werden. Laut Fakt habe es in allen 27 Bistümern sexuellen Missbrauch gegeben. Dem 1991 verstorbenen Ruhr-Bischof Franz Hengsbach wird persönlich die Vergewaltigung von Mädchen vorgeworfen, Kardinal Karl Lehmann soll in der Öffentlichkeit systematisch seinen eigenen Wissensstand, seine Verantwortung und die der Kirche klein geredet haben. Auch Kardinal Zollitsch soll dazu beigetragen haben, dass über Jahre sexuelle Gewalt von Priestern an Minderjährigen vertuscht wurde. Beide Kardinäle waren Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

Kein Ermittlungsverfahren

Bis heute habe es „kein einziges Ermittlungsverfahren gegen einen Vorgesetzten wegen Vertuschung oder Strafvereitelung gegeben,“ hat Matthias Katsch betont. Katsch war als Schüler des Berliner Canisius-Kollegs, einer von Jesuitenorden geführten Eliteschule, jahrelang Opfer, er wurde von zwei Patres missbraucht. Er war einer der ersten Opfer, die sich an den Rektor des Kollegs wandten, erst danach kam der Stein ins Rollen. Katsch ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung der sexuellen Kindesmissbrauchs, für sein Engagement wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Übrigens gibt es auch in der evangelischen Kirche sexuellen Missbrauch, seit 1946 seien 9000 Minderjährige sexuell missbraucht worden, heißt es in einer Studie.

Darf es verwundern, wenn das Ansehen beider Kirchen sinkt, wenn im Jahr 2023 zusammen mehr als eine Million Gläubige aus beiden Kirchen ausgetreten sind? Oder wie es schon Erich Kästner gedichtet hat: „Da hilft kein Zorn. Da hilft kein Spott. Da hilft kein Weinen, hilft kein Beten. Die Nachricht stimmt! Der liebe Gott ist aus der Kirche ausgetreten.“

 

Bildquelle: Wladyslaw, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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