Da saßen also die 21 Naziführer, so weit man ihrer habhaft werden konnte, sie saßen vor einem Gericht, das einmalig war, erstmalig. Sie hatten kurz zuvor noch an den Schalthebeln der Macht gesessen und gnadenlos regiert, jetzt waren sie auf der Anklagebank in Nürnberg, wenn man so will stellvertretend für die gesamte Nazi-Regierung. „Die Mitleidlosigkeit dieser einundzwanzig Männer war so ungeheuerlich, überstieg so sehr das menschliche Fassungsvermögen, dass man jetzt kein Mitleid für sie empfinden konnte.“ So hat es Martha Gellhorn beschrieben in dem Buch „Im Herzen des Weltfeindes.“
21, nur 21, viele andere der Nazi-Größen hatten sich gegen Ende des Krieges das Leben genommen wie Hitler, Goebbels, der oberste Ankläger des Volksgerichtshofs, Freisler war bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen, Bormann, der Hitler-Stellvertreter war verschwunden, tot oder lebendig, andere hatten sich aus dem Staub gemacht und in Südamerika, in Argentinien Unterschlupf gefunden wie Mengele, der furchtbare Arzt aus Günzburg, oder Eichmann, einer der kaltschnäuzigen Organisatoren des Holocaust, dem später, 1961, der Prozess in Israel gemacht und hingerichtet wurde. Aber Hermann Göring hatten sie gefangen nehmen können, Hans Frank, den der eigene Sohn Niklas Frank als Massenmörder bezeichnete, weil er als Generalgouverneur von Polen für den Massenmord an vielen Polen verantwortlich war.
Heß auf der Anklagebank
Heß saß auf der Anklagebank, des Führers Stellvertreter, der während des Kriegs nach England geflogen oder geflohen und dort festgenommen worden war, Ribbentrop, der einstige Reichsminister des Auswärtigen der Nazis, Keitel, der Militarist, Generalfeldmarschall und Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, wie Kaltenbrunner, Chef des Sicherheitshauptamts und des Sicherheitsdienstes, Rosenberg, führender Ideologe der NSDAP, Streicher, Gründer und Herausgeber des Nazi-Hetzblattes „Der Stürmer“, dann die Admirale Dönitz und Raeder, Baldur von Schirach, der Jugend-Verführer, Sauckel, Jodl, von Papen, Seys-Inquart, Speer.
„Es waren bloß Gesichter“, schreibt Martha Gellhorn, „manche grausamer als andere und alle unbedeutender, als man es für möglich halten möchte.“ Weil sie ja vorgaben, nichts zu verantworten hatten, von Gaskammern nichts wussten, wie Kaltenbrunner behauptete, dabei gab es Fotos, als er das KZ Mauthausen besucht hatte. Kalte, erbärmliche Figuren, bloße „Männer“, wie Gellhorn schildert, mit der „üblichen Anzahl Beine, Arme und Augen“, also nicht übermächtig an Gestalt, „keine drei Meter groß“, sie hatten „auch nicht die abstoßenden Masken von Aussätzigen.“ Die Beobachter des Prozesses, all die Journalisten und Schriftsteller, wie Martha Gellhorn, Janet Flanner und Rebecca West und die anderen wie Willy Brandt, Markus Wolf, Erika Mann, Erich Kästner, um nur die zu nennen, saßen „da und beobachteten die Angeklagten und fühlten innerlich eine solche Entrüstung, dass man daran fast erstickte.“
Aus Herrschern wurden Nichtse
Heute sind sie „Nichtse“, die einstigen Nazi-Größen, damals konnten sie mit einem Nicken über Leben und Tod anderer entscheiden, sie schickten sie in die Gaskammern, knallten sie einfach ab, ließen sie verhungern und lachten darüber, „diese emsigen und einst so selbstsicheren Ungeheuer“, Teil einer „kleinen Bande, die Deutschland beherrscht hatte. Diese 21 Männer, die letzten, die noch am Leben waren. Wozu diese Männer und ihre Kumpane fähig waren, „das haben keine Hungersnöte, keine Seuchen, keine Strafen Gottes jemals an Leid verursacht: Sie richteten eine Vernichtung an, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Und da saßen sie nun hinter ihren erstarrten Gesichtern.“
Aus aller Welt waren damals Korrespondentinnen und Korrespondenten nach Nürnberg gekommen, der Stadt der Reichsparteitage, wo den Verbrechern der Prozess gemacht werden sollte und auch gemacht wurde. Nürnberg war ein symbolträchtiger Ort, wo sich die Nazi-Größen im Glanz der Macht inszenierten. Und jetzt, da das einstige deutsche Reich am Boden lag, auch Nürnberg war fast völlig zerstört bis auf ein Justizgebäude und das Schloss Faber-Castell, in dem die Journalisten bescheiden lebten und arbeiteten, bot ein Prozess die „historische Chance“, so hat es der Autor des viel beachteten Werkes „Das Schloss der Schriftsteller“, Uwe Neumahr, beschrieben, sich „über das Prinzip der Regierungsimmunität hinwegzusetzen“. Ein internationaler Militärgerichtshof mit Vertretern der vier Siegermächte, die Anklage in vier Punkten erhob: Verschwörung, Angriffskrieg, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Holocaust stand hier nicht im Zentrum, das dauerte bis 1963, als die Auschwitzprozesse in Frankfurt endlich begannen.
Zurück zu unserem Buch und zu Martha Gellhorn und ihren Beobachtungen. „Auf Görings schrecklichem Mund lag ein Lächeln, das kein Lächeln war, sondern nur eine Gewohnheit, die seine Lippen angenommen hatten. Neben ihm zuckte Heß, dessen Augen nur noch dunkle Höhlen waren, mit seinem verkürzten Kopf auf seinem langen Hals, unheimlich, forschend und vogelartig. Ribbentrop hielt die Lippen geschützt und saß da wie ein Blinder. Keitel war ein Nichts, eine aus minderwertigem Stein schlecht gemachte Büste. Kaltenbrunner, dessen Gesicht selbst jetzt, da es niemanden mehr das Fürchten lehren konnte, schreckenerregend aussah, starrte mit stumpfer, höflicher Aufmerksamkeit vor sich hin.“
Göring wirkte nur noch vulgär
„Todeshauch umwehte die Angeklagten“, schreibt Rebecca West in ihrem Beitrag zu Nürnberg und dem Weltfeind, nicht nur drohte den Angeklagten „selbst die Todesstrafe, ständig war auch von Millionen Toten die Rede, und es wurde darüber gestritten, ob diese Millionen auf Befehl dieser Männer gestorben waren oder nicht.“ Die Angeklagten, so Rebecca West, hätten jede Chance genutzt, um das Verfahren in die Länge zu ziehen. Dabei mussten sie wissen oder ahnen, „dass ihnen auf dieser Welt nichts Gutes mehr geschehen konnte.“ Hatten die „Naziführer doch ihr Leben dem Brechen aller Gesetze geweiht.“ Hier vor Gericht stellten sie keine Autorität mehr da, selbst einer wie Göring wirkte nur noch vulgär, wie Rebecca West urteilt. Jeder, der „einst schlank gewesen war, wirkte eingefallen“, „wer einst beleibt gewesen, sah nun so aus, als sei er lediglich von dünnem Gas aufgeblasen.“ Als nicht schuldig hatten sie sich alle gefühlt, „möglich, dass sie nie an den Tod oder nicht einmal an Gefängnis dachten.“
Die überwiegende Mehrheit der Deutschen waren Nazis, über zehn Millionen Mitglieder der NSDAP. Berücksichtigt man dabei, dass die Partei wegen des zu großen Andrangs einen Aufnahmestopp verfügte, hätten es am Ende noch ein paar Millionen mehr sein können. Widerstand gab es erst spät, und es waren nur einige wenige, die Geschwister Scholl, Graf Stauffenberg und der 20. Juli als Beispiele. Insofern ist es nicht überraschend, dass der Nürnberger Prozess die Deutschen nicht so interessierte. Janet Flanner schreibt in ihrer Reportage, die deutsche Bevölkerung habe sich über den Prozess nicht den Kopf zerbrochen. „Die Nürnberger Nachrichten, die örtliche, von der Militärregierung lizensierte Zeitung, mussten von uns angestoßen werden, dem Prozess etwas mehr Platz einzuräumen.“
Dass Reporterinnen wie Rebecca West, aber auch wie Martha Gellhorn Aversionen gegen die Deutschen hatten, kann ich verstehen. Millionen waren dabei gewesen, hatten mitgemacht, hatten Heil Hitler geschrien, zugeschaut am 9. November 1938, als die Nazis den Juden die Geschäfte zerstörten, plünderten, verprügelten, sie ermordeten oder sie ins KZ Dachau steckten. Und später wollte es keiner gewusst haben, gab es einen Tag nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 schon keine NSDAP-Mitglieder mehr, sie hatte es im Grunde nie gegeben. Und wenn ich bedenke, wie in der Adenauer-Zeit die Nazi-Diktatur verschwiegen, nicht über sie geredet wurde, in der Schule war sie quasi kein Thema, Konrad Adenauer konnte sich sogar einen Chef das Kanzleramtes leisten, der die Nürnberger Rassegesetze mit verfasst und kommentiert hatte: Hans Globke war des Kanzlers Staatssekretär von 1949 bis 1963. „Ein ganzes Volk, das sich vor der Verantwortung drückt, ist kein erbaulicher Anblick“, schrieb Martha Gellhorn nach ihrem ersten Kontakt mit der deutschen Bevölkerung. Und sie schlug in sarkastischem Ton vor, die Deutschen sollten doch das immer wiederkehrende „Ich bin kein Nazi“ vertonen, dann könnten sie am Ende alle singen: „Wir sind keine Nazis. Wir sind nie welche gewesen.“
Ein lesenswertes Buch auch für den Geschichtsunterricht.
Im Herzen des Weltfeindes. Janet Flanner. Rebecca West. Martha Gellhorn. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Edition Tiamat. Berlin 2026. Verlag Klaus Bittermann. 224 Seiten. 22 Euro. ISBN 978-3-89320-341-3











