Was ist nur los in der Tierwelt? Vor kurzem war es eine Schafherde, die im unterfränkischen Burgsinn einen Pennymarkt enterte. Jetzt ein Wolf in Hamburg, der durch Ikea streifte und eine Frau attackierte. Im sauerländischen Kirchhundem torpedieren Wildschweine perfide die Tradition des Osterfeuers, weil sie sich mit der afrikanischen Schweinepest infizieren ließen. Und der Buckelwal, der jetzt „Timmy“ heißt, was hatte der zu suchen am Timmendorfer Strand, der menschlichen Badegästen vorbehalten ist? Oder, was hat die gefährliche asiatische Nadelameise, die jetzt in Stuttgart entdeckt wurde, in einem urdeutschen Zoo zu suchen?
Wo das endet, wenn Tiere in Herrschaftsbereiche eindringen, die den Menschen vorbehalten sind, wissen wir seit George Orwells Roman „Farm der Tiere“. Erst kapern sie die menschliche Vormachtstellung, treiben die Herrschaften in die Flucht, dann übernehmen sie die Macht. Und das Ende vom Lied: Es wird nichts besser, sondern schlimmer. Weil Tiere, in Orwells Roman waren es namentlich die Schweine, noch hundsgemeiner sein können als menschliche Potentaten.
Auf ein solches Szenario ist die Menschheit schlecht vorbereitet. Wissenschaftler vermuteten in den letzten Wochen, was den Wal bewegt haben könnte, stellten Theorien auf, behaupteten dies oder das. Genauso bei dem Wolf in Hamburg. Da stellte eine Biologin in spiegel-online die These auf: „Der Wolf hat in der Einkaufsstraße offensichtlich viele Fehlentscheidungen getroffen.“ Von wem weiß sie das, hat sie mit ihm geredet, hat der Wolf sie gar verstanden?
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Nicht jeder, der behauptet, ein Tier zu verstehen, ein Wolf- oder Wal-Flüsterer zu sein, hat das Talent des großen Franz von Assisi. Über den Mönch, der von 1181 bis 1228 in Umbrien lebte, erzählt die Legende, dass er zu Tieren redete und die ihn offenbar verstanden. Ein Fresko in seiner Grabeskirche, der Basilica di San Francesco in Assisi, zeigt seine berühmte „Vogelpredigt“. Darin forderte er die „lieben Brüder Vögel“ zum Lobe Gottes auf, weil er sie zu seinen Geschöpfen gemacht habe. Sie lauschten andächtig, nahmen seine Worte auf und dankten flügelschlagend ihrem Schöpfer. Katholiken gilt er als Schutzpatron für alles Getier, vom Wurm bis zum mächtigen Wal.
Was wohl hätte er dem „Bruder Bock“ und der „Schwester Mutterschaf“ auf den Weg gegeben, als die mit ihren Lämmern den Supermarkt kaperten, dem „Bruder Wolf“ auf seinem IKEA-Ausflug? Letzterem vielleicht den Rat: Bruder lass es, dort bist du falsch. Dieser skandinavische Möbelladen ist Heimstatt der Elche.
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Ein wenig von der Kunst des großen Franz von Assisi, so zu reden, dass er richtig verstanden wird, würde übrigens auch Bundeskanzler Friedrich Merz gut tun. Es müssen ja nicht gleich Vögel sein, die seine Worte erkennen. Es reichte, wenn seiner Botschaften für die Menschen im Lande klar und unmissverständlich wären. „Zwischen Klartext und Fettnapf“ titelte die FAZ und griff damit die kommunikativen Kurzschlussleistungen des Kanzlers auf. Die Reihe ist lang: Vom Stadtbild, das zu wenig von Deutschen geprägt ist, von der Gewalt gegen Frauen, die bevorzugt von Ausländern ausgeht. Von der Furcht des Kanzlers, mit einer Regenbogenflagge auf dem Reichstag werde der Bundestag zum „Zirkuszelt“.
Und in dieser Woche die Aussage, dass in drei Jahren 800 000 Syrer Deutschland verlassen müssten. Als darauf die Opposition, die Wirtschaft und verängstigte, hier längst integrierte Syrer mit aufgeregten Flügelschlägen reagierten, ließ der große Kommunikator erklären, die Zahl stamme nicht von ihm. Der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa soll sie ihm beim Besuch im Kanzleramt zugeflüstert haben. Der dementierte prompt und deutlich.
Wer also, um zurück zur Tierwelt zu kommen, hat Merz das Ei ins Netz gelegt? In diesen Tagen – wie könnte es anders sein – wird es wohl der Osterhase gewesen sein.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












