Der Weltraum soll voller Wasserstoff sein – manche Köpfe auch. Mit letzterem Phänomen hatte ich in meiner aktiven Berufszeit viel zu tun. Deshalb wundert mich die derzeitige Katerstimmung in der Wasserstoffwelt überhaupt nicht.
Schon in den 80er Jahren des letzten Jahrhundert gab es einige lautstarke Wasserstoffpropheten aus der Forschung und der Industrie; insbesondere war es der Erfolgsingenieur Ludwig Bölkow, der das Wasserstoffzeitalter unmittelbar vor der Tür wähnte und es mir als zuständigem Ministerialrat im Forschungsministerium verübelte, dass ich diese Tür nicht mit viel Geld öffnen wollte. Forschungsminister Riesenhuber, der mir viel Freiheit bei Förderentscheidungen ließ, deckte meine Zurückhaltung bei Wasserstoffprojekten ab: seine Mahnung an mich lautete: „Bitte keine Lebenslügen“.
Die angeheizte öffentliche Aufmerksamkeit auf das Wundermolekül H2 führte
z.B. dazu, dass mich in einer Pressekonferenz Ende der 80er Jahre ein Rundfunkjournalist fragte, ob ich nicht auch der Meinung sein, dass es nur einer finsteren Verschwörung der Ölkonzerne zuzuschreiben sei, dass man noch nicht an jeder Ecke Wasserstoff tanken könne. Ich antwortete damals etwa wörtlich:
„Ach wissen Sie, Wasserstoff, das ist ein Gas, das ist so leicht, dass wenn es einem zu Kopfe steigt fängt man an zu schweben.“
Dass der Journalist zuerst an das Tanken dachte, entsprach der damals schlechten Bewertung von Batterie-Fahrzeugen und einer gewissen Euphorie bezüglich der kommenden Brennstoffzelle. 2006 wollte Daimler damals solche Brennstoffzellen-Fahrzeuge auf Wasserstoffbasis auf dem Markt anbieten.
Viele, auch ich, hatten damals das Entwicklungspotential der Batterien durch Lithium-Ionen nicht gesehen, das zu praktikablen und wirtschaftlichen Batterie-Fahrzeugen geführt hat.
Es gab weitere populäre Missverständnisse rund um das Wasserstoff-Molekül. So meinten auch Politiker bis vor kurzem, man könne die Heizungen auf grünen Wasserstoff umstellen, indem man das bestehende Erdgasversorgungssystem mit Elektrolyse-Wasserstoff füllt. Da aber solcher Wasserstoff grundsätzlich aus erneuerbarem Strom gewonnen wird, wird die als Wasserstoff transportierte Heizenergie grundsätzlich teurer sein als der eingesetzte Strom, mit dem man ja direkt und wesentlich verlustärmer heizen kann.
Und trotzdem ist Wasserstoff ein wichtiges Element nachhaltiger Energieversorgung der Zukunft, nur eben in sehr viel engerem Anwendungsbereich. Seit Deutschland beschlossen hat, klimaneutral zu werden (oder jedenfalls behauptet, das unbedingt schon in 20 Jahren erreichen zu wollen), kommt man ohne Wasserstoff als Energiespeicher im Bereich einer nachhaltigen Stromversorgung nicht aus.
Wenn man aber auch Metallurgie und Chemie klimaneutral machen will, darf man nicht nur die Logik sehen, dass Wasserstoff fossile Energieträger in den Reduktions- und Reaktionsprozessen ersetzen muss, sondern man muss auch da-ran denken, ob so produzierter Stahl b.z.w. „grüne“ Chemieprodukte verkäuflich sind. Natürlich kann man den Maschinen- und Fahrzeugbau in Europa zwingen, nur solchen grünen Stahl und grüne Lacke zu verwenden, dann aber muss man prüfen, ob diese Fahrzeuge verkäuflich sind. Leider ist der Weltmarkt relativ herzlos und eben unverändert auf niedrige Kosten und gute Wettbewerbsposition ausgerichtet; das bedeutet insbesondere, dass die energieintensive Erzaufbereitung zu Rohmetall oder chemische Grundstoffe ernste Standortnachteile haben, wo man nicht nur die Rohstoffe sondern auch den Wasserstoff aus fernen Regionen importieren muss; vielmehr wird sich die Industrie, auch die grüne(!), dorthin verlagern, wo billige Energie zur Verfügung steht, auch billigere Solar- und Windenergie als etwa in Mitteleuropa.
Zu diesen Fragen gab es immer viel Skepsis (auch bei mir), die neuerdings, wo es an Milliarden-Euro-Projekte geht, zu deutlicher Zurückhaltung der Industrie führen, die verständlicherweise nicht ignorieren will, dass die USA den Klimaschutz abgewählt hat, und auch andere Wettbewerber den Wasserstoffpfad noch lange nicht so konsequent beschreiten wollen, wie ich es mir privat im Interesse auch meiner Enkel wünschen würde..
Ein zweiter ähnlich gelagerter Fall ist die Versorgung der EU-Luftfahrt mit grünem Kerosin – 1,2% sollen ab 2030 beigemischt werden und 5% ab 2035. Hier werden mit 7600€/t Kerosin aus Power-to-Liquid (PtL) fast 4fache Kosten angegeben gegenüber fossilem Kerosin. Die Energie dieses grünen Kerosins wird mittels Fischer-Tropsch-Synthese unter beträchtlichen Verlusten aus grünem Strom gewonnen; der Synthesepartner CO2 trägt zum Energiegehalt nichts bei. Die Beimischpflicht ist ökologisch zwar richtig, aber auch hier muss man doch fragen, wie sich die Luftfahrt international entwickelt, wenn der größte Player sich nicht nur verweigert, sondern sogar droht, gegen die Klimaschutzpolitik an-derer Länder mit Zollmaßnahmen vorzugehen; das dürfte insbesondere den EU-Plan gefährden, weniger klimafreundliche Produkte durch Grenzausgleichsabgaben zu belasten. Kein Wunder, dass die nach EU-Recht erforderlichen Investitionen in PtL-Anlagen weit hinter den Plänen herhinken.
Nicht unähnlich sieht es in anderen Mobilitätsbereichen aus. Der Fortschritt in der Batterietechnik verdrängt Wasserstoff-Anwendungen nicht nur aus dem PKW, sondern zunehmend auch bei den schwereren Nutzfahrzeugen und Bussen, ja sogar bei Kleinflugzeugen könnten Batterien siegen. Auch bei der Elektrifizierung der hochwassergeschädigten Ahrtalbahn waren Wasserstoff-Brennstoff-zellen-Lokomotiven keine Option.
Bei der Stromspeicherung wird der Anwendungsbereich von Wasserstoff-Speichern zumindest immer kleiner. Es sind wiederum Batterien, die als Großspeicher und als dezentrale Speicher in Häusern und Fahrzeugen die Netze stützen können; intelligente Stromzähler und lastabhängige Tarifierung werden den Speicherbedarf weiter einengen auf längere Ausfälle ausreichenden Solar- und Windstroms.
Wenn es größere Wasserstoffzentren als Speicher im Netz geben sollte, können diese auch kurzfristige Stützmaßnahmen im Netz übernehmen, so dass de-zentrale Batterien in Häusern überflüssig werden. Ob Fahrzeug-Batterien auch zu netzstützenden Rückspeisungen genutzt werden, scheint mir eine Wohlstandsfrage zu sein; ich jedenfalls würde mein Elektroauto ungern von Dritten entladen lassen, solange ich noch Brötchen beim Bäcker bezahlen kann.
Fazit: Das Nachhaltigkeitsziel Deutschlands und der EU war mutig gesetzt. Nun hat sich die Welt verändert – insbesondere nachdem die USA den Klimaschutz abgewählt haben, der dort auch vor Trump nicht besonders hoch im Kurs stand. Es ist daher richtig, die Teilziele auf den Dringlichkeitsprüfstand zu stellen. Dabei wäre mein Rat, den Weg zu sauberem Strom zügig fortzusetzen – das wird schwierig genug, weil die Umstellung von Mobilität und Heizung auf Strom sowie der Strombedarf der Informationstechnik, vor allem der KI, das Stand-ortpotential Mitteleuropas voll und ganz fordern wird. Hier noch den Bedarf großer Elektrolyseure hinzuzufügen scheint mir vorerst nicht ratsam. Wasserstoff-Importabkommen müssen auf die Wettbewerbsfähigkeit der so versorgten Industrien abgestimmt werden – meines Erachtens müsste der importierte Wasserstoff fast ein Größenordnung billiger sein, als heute genannte Werte von 8€ bis 15€ pro kg H2 (24c – 50c pro kWh), um damit eine erfolgreiche Industrie betreiben zu können.
Natürlich könnte man auch alle Mehrkosten heruntersubventionieren; ich hätte da allerdings dringenderen Geldbedarf bei Bildung, Gesundheit und Sicherheit.













