Meine Leidenschaft für den Fußball erwachte schon früh. Im Alter von fünf Jahren nahm mein Vater mich zu einem Fußballspiel mit. Das Spiel fand auf einem Hartplatz statt. Eine Tribüne gab es nicht; die Zuschauer, fast nur Männer, standen eng gedrängt. Ich sah vom Spiel so gut wie nichts, aber die Atmosphäre beeindruckte mich: Um mich herum eine jubelnde, pfeifende schimpfende Menge; eine imposante Geräuschkulisse. Ich war fasziniert. Ab da gab es nur noch Fußball für mich. Mit der Zeit merkte ich mir die Namen der Spieler und verfolgte die Spielergebnisse. Damit stand auch mein Berufswunsch fest: ich wollte Sport-Reporter werden, aber erst nach einer eigenen, erfolgreichen Fußball-Laufbahn.
Als Kinder spielten wir die Woche über auf der Straße; d.h.: auf einem Sandplatz hinter den Häusern unserer Siedlung. „Spielen gehen“ war nahezu gleichbedeutend mit Fußball spielen. Andere Alternativen hatten wir auch kaum. Auch wenn uns manchmal das entscheidende Produktionsmittel fehlte: ein Ball. Aber ein Ersatz tat es zur Not auch, eine Konservendose oder ein Wollballen.
Das Spiel setzte die ganze Phantasie frei, weckte die Leidenschaften, überschäumende Freude. Fußball war reinste Ekstase. Ich kann mich noch erinnern, welches Glücksgefühl es jedes Mal bedeutete, wenn endlich die Fron der Schule hinter einem lag und es auf den Bolzplatz ging. Schule – das war gleichbedeutend mit Disziplin, Stillsitzen, Fremdbestimmung und meistens Langeweile; Fußball – das war die Gegenwelt. Endlich kamen die eigenen Fähigkeiten zur Geltung: Eigenschaften wie Geschicklichkeit, Phantasie und Raffinesse waren gefragt. Und vor allem: die Chance auf unmittelbare Erfolgserlebnisse und Anerkennung. Ja, man kann sagen: Fußball war für Kinder meiner Herkunft die „Anerkennungsquelle“ schlechthin; die Schule war es jedenfalls nicht.
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Ich habe 30 Jahre aktiv Fußball gespielt und dabei Freud und Leid erlebt. Vor allem erinnere ich mich an viele große Spiele, etwa den 3:0-Sieg von Werder Bremen gegen den BVB, mit dem die Bremer in der Saison 1964/65 Deutscher Meister wurden. Ich war im Weserstadion dabei. Wir waren von Emden aus ca. 2 ½ Stunden, meist über Landstraßen, nach Bremen gefahren. Viele Bundesligaspiele habe ich in Bremen gesehen, wo ich von 1974 – 76 nur fünf Minuten vom Weserstadion entfernt wohnte; aber auch Spiele in Hamburg, Hannover, Bielefeld, Offenbach, Frankfurt, Düsseldorf und Köln.
Auch erinnere ich mich an alle Fußball-Weltmeisterschaften seit 1954.[1] Die erste WM die ich bewusst erlebte, war die von 1954. Ich war neun Jahr alt und befand mich am Beginn meiner „Fußball-Karriere“, die mich bis in die Amateur-Oberliga führte, die es damals noch gab.
Jeder Sportinteressierte weiß, dass es eine besondere WM war. Die erste mit deutscher Beteiligung nach dem 2. Weltkrieg und gleich mit einem sensationellen 3:2-Sieg über Ungarn, das seinerzeit beste Team der Welt, das zuvor vier Jahre lang ungeschlagen geblieben war.
Ich habe recht zwiespältige Erinnerungen an diese WM. Das lag daran, dass ich während der WM in ein Kindererholungsheim nach Bad Salzdetfurth „verschickt“ wurde, organisiert von der Arbeiterwohlfahrt. Es war für mich die reinste Hölle. Nicht wegen des „Elends der Verschickungskinder“ (so das gleichnamige Buch von Anja Röhl); davon erfuhr ich erst später; sondern weil wir in der ganzen Zeit nicht Fußball spielen durften. Und – was mindestens so schlimm war – ich war von allen Informationen abgeschnitten. Mein Vater schickte mir die Spielberichte, aber diese kamen immer erst zwei oder drei Tage nach einem Spiel an.
Ein Glück war, dass ich zum Endspiel wieder zu Hause war. Auf dem kleinen Transistorradio in der Küche haben wir die unvergessliche Reportage von Herbert Zimmermann gehört, die mir heute noch im Ohr ist.
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Jeder Fußballinteressierte wird sich fragen, wie es mit dem Fußball weitergeht und was von der nächsten WM in Mexiko, Kanada und den USA zu erwarten ist.; angesichts der weltpolitischen Gemengelage nichts Gutes. Bei den gegenwärtigen Kriegen in der Ukraine und im Iran handelt es sich um völkerrechtswidrige Angriffskriege; einmal durch Russland und dann durch die USA und Israel. Während Russland von der WM-Teilnahme ausgeschlossen wurde, ist dies im Falle der USA und Israels nicht der Fall. Eine typische FIFA-Entscheidung.
Hinzu kommt, dass es zwischen den USA und Mexiko heftige Grenzkonflikte um die Einwanderung mexikanischer Bürger in die USA kommt, was regelmäßig zu Drohungen seitens der Trump-Regierung führt. Diese gibt es auch gegenüber Kanada, das nach Trumps Wunsch Teil der USA werden soll. Und schließlich eskalieren zurzeit die gesellschaftlichen Konflikte in den USA; es gibt millionenfachen Protest gegen Trump, der nicht davor zurückscheut, die Nationalgarde gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen. All das findet bereits im Vorfeld der WM statt; wie mag es da während der WM zugehen.
Erstmals werden 48 Länder an einer WM teilnehmen; zuvor waren es 32. Auch ein Zeichen dafür, dass die weltweite Kommerzialisierung der WM weiter geht. Vom FIFA-Präsidenten Infantino, der in dieser Hinsicht seinen Vorgänger Blatter noch übertrifft, ist nichts Gutes zu erwarten. Im Gegenteil: Er sorgt für immer neue Wettbewerbe, so dass den Spielern kaum Zeit zur Regeneration bleibt und die Verletzungsgefahr zunimmt.
Stellt sich die Frage, wohin sich der Fußball angesichts der zunehmenden Kommerzialisierung, Politisierung und Technisierung entwickeln wird. Unwahrscheinlich ist, dass sich die angedeutete Entwicklungsrichtung noch einmal ändern wird.[2] Das Geld wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Aus dem ehemaligen Arbeitersport ist längst ein Produkt der Unterhaltungsindustrie geworden. Wenn die Entwicklung anhält, werden die Akteure künftig statt Rückennummern Preisschilder tragen, die ihren Marktwert angeben.
Auch der Fußball selbst hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Es ist zu befürchten, dass das Spiel mehr und mehr in den Hintergrund tritt. Der Fußball wird immer stärker durch taktische Maßnahmen und Nützlichkeitserwägungen geprägt. Mich schmerzt es, wenn ich vor diesem Hintergrund das heutige Fußball-Vokabular vernehme; da ist von Begriffen wie Kampfbereitschaft, Disziplin und Ordnung die Rede; das sind Kategorien des kapitalistischen Produktionsprozesses oder gar des Militärs.
Immer wieder ist es verblüffend zu sehen, wie wenig intelligent viele der Fußballkonzepte sind. Da werden den Mannschaften Systeme übergestülpt, die sie von ihrem Potential her gar nicht spielen können. Die berüchtigte Dreierkette ist ein Beispiel dafür. Sie verlangt höchste Konzentration, Flexibilität und die Fähigkeit der Intuition, des Sich-hinein-versetzens ins gegnerische Spiel. Viele der Konditionsmaschinen, die unsere Fußballplätze mittlerweile bevölkern, verfügen genau über diese Qualifikationen nicht. Also hat es auch keinen Sinn, ihnen „intelligente Systeme“ einzutrichtern – ihnen fehlt nämlich das Entscheidende: die „Spiel-Intelligenz“.
Umgekehrt müsste man verfahren. Man muss die Fähigkeiten der einzelnen Spieler und ihre Stärken bündeln und zu einer Einheit organisieren. Dann erst wird aus einer Ansammlung einzelner Spielertypen ein selbst-referentielles System, das in der Lage ist, sein maximales Potential abzurufen und auszuschöpfen.
Alle noch so ausgeklügelten Theorien, alle noch so gut gemeinten Konzepte, alle noch so emphatischen Appelle an die Moral der Mannschaft nutzen gar nichts, wenn diese Prozesse nicht internalisiert werden, in Fleisch und Blut übergehen.
Auf den ersten Blick ist es unbegreiflich, dass hin und wieder Mannschaften mit ganz durchschnittlichen Spielern erfolgreich sind, während die mit den großen Stars versagen. Das mag viele Ursachen haben. Eine ist sicherlich die, dass durchschnittliche Mannschaften als Team auftreten, wobei die Qualität des Teams mehr darstellt als die Summe der Fähigkeiten einzelner Spieler. Dagegen vermögen Teams mit großen Stars häufig genau diese Teamfähigkeit nicht zu entwickeln. Das Spiel ist meist auf sie ausgerichtet und wenn sie ausgeschaltet werden, bleibt das Team unter seinen Möglichkeiten. Auch ist es so, dass diese Stars oft keine Teamaufgaben übernehmen, weil sie sich zu schade dafür sind.
Das Spiel selbst ist schneller, aber seltsamerweise auch schematischer geworden. Ein Spielfluss kommt oft nicht mehr zustande, besteht doch eine der Haupttugenden darin, das Spiel des Gegners zu zerstören. Das ist die Kehrseite der modernen Fußballtugenden. Sie werden dem Effizienzdenken der Ökonomie immer adäquater, auch dadurch, dass es um immer mehr Geld geht.
Mittlerweile hängt die Existenz von Vereinen immer stärker von Investoren, Sponsoren und Fernsehgeldern ab. Dieser Prozess wird nicht so ohne weiteres umkehrbar sein. Ist das Spiel erst zerstört und wird der finanzielle Erfolg eines Vereins das Entscheidende, wird man eines Tages kaum noch wissen, was seinen eigentlichen Reiz ausmachte. So weit ist es Gott sei Dank noch nicht.
Gefahren drohen dem Fußball auch durch nicht mehr nachvollziehbare Regeln, z.B. beim Handspiel, die auch durch technologische Innovationen wie dem VAR nicht transparenter werden. Im Gegenteil: auch minutenlange Unterbrechungen und Überprüfungen schaffen oft keine Klarheit. Zudem nimmt es dem Fußball jegliche Spontanität: nach dem ersten Torjubel tritt oft Schweigen ein, weil ein Einwand des VAR zu befürchten ist. Dann beginnt das Warten und dem Fußball geht viel von dem verloren, was ihn einst ausmachte: unmittelbare Emotionen, Freude, Jubel oder auch Leid.
Von der FIFA, die die Regeln des Fußballs festlegt, ist Besserung nicht zu erwarten; vielmehr sorgt sie mit dem komplizierten Regelwerk selbst dafür, dass Entscheidungen intransparent bleiben.
Wenn ich all das bedenke, bin ich froh, dass ich noch Fußball „spielen“ konnte.
[1] Siehe: Joke Frerichs: Meine Fußball-Welt (-Meisterschaften), BoD 2026
[2] Siehe auch meine Besprechung des Buches „Griff nach Gold“ (2026) von Carlos Gomes/Glenn Jäger im Blog der Republik vom 22. März 2026












