War das Unversöhnliche früher versöhnlicher? Gab es einen anderen, einen faireren Stil, wenn politische Gräben überwunden werden mussten? Ja und nein. Welcher Kanzler oder die Kanzlerin musste nicht schon Buh-Rufe oder Schlimmeres ertragen, wenn ihre Politik den Gegnern nicht gefiel. „Willy Brandt an die Wand“ war gängige Drohung all derer, die mit aller Macht den Aufstieg des SPD-Politikers verhindern wollten. „Der uneheliche Sohn, Herbert Frahm“, machte Konrad Adenauer seinen politischen Gegenspieler in den Wahlkämpfen nieder. Versöhnlich war es selten, wenn es um Machtfragen ging.
Angela Merkel wurde von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wegen ihrer Migrationspolitik gedemütigt, indem er sie minutenlang auf der Bühne des CSU-Parteitags stehen ließ und mit Tiraden über sie her zog. Miserabler Stil.
Dagegen waren die Pfiffe und Buhrufe, die Kanzler Friedrich Merz in dieser Woche beim DGB-Kongress ertragen musste, ungefährliche Nebenwirkungen, mit denen man als Kanzler leben muss. So ist das Leben. Und so kann das Leben eines Kanzlers sein, der das Land und seine Sorgen, die Ängste vor sozialem Abstieg und den Kampf um das finanzielle Überleben allzu lange nur aus der luftigen Höhe eines Millionärs ertragen hat. Pfeifen wir auf die Pfiffe, die muss er ertragen, wie sie viele vor ihm ertragen mussten. Wer Hitze nicht verträgt, darf nicht Koch werden.
Die Klage von Merz in einem Spiegel-Interview, kein Kanzler vor ihm habe so viel Häme aushalten müssen wie er, klingt eine Spur zu beleidigt. Er meinte vor allem die Häme in den sozialen Medien. Aber Hass und Hetze im Netz sind leider Normalzustand geworden, die nicht nur Kanzlern zu schaffen machen.
Auseinandersetzungen waren selten fair. Scharfe Worte, harte Klingen, Beleidigungen gehörten oft dazu. Helmut Kohl musste ertragen, dass sie ihn „Birne“ nannten. Ihm flogen schon mal Eier um die Ohren. Der Unterschied zu früher: Heute entlädt sich die Häme millionenfach aus Smartphones. Hass ist das Geschäftsmodell der Tech-Giganten.
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Dennoch, es gab auch die seltenen Momente in dieser Republik, in der in der Sache unverträgliche Gegner fair miteinander umgingen. 1981 war Kanzler Helmut Schmidt das Feindbild für Hunderttausende, die gegen seine Nachrüstungspolitik auf die Straße gingen. Im Bonner Hofgarten war der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll der Hauptredner gegen diese Politik. Das hinderte ihn nicht, dem Kanzler eine versöhnliche Botschaft zu schreiben: Er solle keinen Groll gegen ihn hegen, denn er wisse, dass es ihm, Schmidt, genauso „ernst mit dem Frieden sei“, wie ihm, Böll, der gegen seine Politik demonstriere.
Und Schmidt, den diese Großdemonstration gegen seine Ansichten und den Vorwurf, Kriegstreiber zu sein, so belasteten, dass er wegen Herz-Rhythmusstörungen in einer Bonner Klinik behandelt werden musste, schrieb zurück: „Glauben Sie mir: Es peinigt mich oft, über diesen Weg und seine Ziele nachzudenken. Es peinigt mich mehr als das unbeabsichtigte oder leider auch geflissentliche Missverständnis einiger, meine Politik diene nicht mit aller Kraft dem Frieden.“
Das sind große Momente der Republik, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Streit ja, Krawall nicht. Lieber etwas mehr Böll und Schmidt im Umgang wagen.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












