Gerhard Schröder, der ehemalige Bundeskanzler, Ex-SPD-Chef, Ex-Gazprom-Aufsichtsrat, ist kein unumstrittener Mann. Keine Frage. Das wird der 82jährige selber kaum anders sehen. Seine Nähe zu Russland, seine Geschäfte mit Gazprom, die Freundschaft mit Putin, all das lässt manche Bedenken aufkommen, der Ex-Kanzler wäre ungeeignet als Vermittler in einem Krieg, den Moskau angezettelt hat vor über vier Jahren, den Präsident Putin wollte und in dem sich derselbe Putin offensichtlich mächtig verkalkuliert hat. Die Ukraine wehrt sich vehement gegen die militärische Übermacht mit allem, was sie hat. Und sie verteidigt sich so stark, dass die Weltmacht im Grunde militärisch auf der Stelle tritt. Man kommt nicht voran, mehr noch, Kiew hat es geschafft, durch neue Waffen, durch Drohnen den Krieg nach Russland zu tragen, dorthin, wo er herkam. Die Menschen in Russland spüren den Krieg, selbst der Präsident scheute sich, am 9. Mai eine große Militärparade mit allerlei Waffen aufzufahren in Moskau, aus Sorge vor einem ukrainischem Anschlag.
Die Ukraine ist also militärisch in einer starken Position, Russland verliert nach Schätzung von Experten jeden Monat um die 30000 Soldaten, die Front bewegt sich nicht, die russische Wirtschaft ächzt unter den Lasten des Krieges. Ein Grund, die Hand, die Putin ausgestreckt hat, nicht zu ergreifen? Weil man Putin besiegen, demütigen will? Ja, man misstraut dem einstigen Geheimdienstoffizier, wer weiß schon, was einer wie Putin, wenn er einem die Hand reicht, ob er mit der anderen Hand nicht eine Bombe zündet? Alles verständlich.
Was ich nicht verstehe, warum alle, die sich geäußert haben zum Putin-Vorschlag, über Schröder herfallen? Er hat doch bisher nichts gemacht, er kann auch nichts tun, er muss warten, ob vielleicht der Bundeskanzler ihn mal anruft. Friedrich Merz war Fraktionschef der Union, als Schröder Kanzler war. Die beiden konnten ganz gut miteinander. Schröder zu nennen bedeutet doch nicht, dass der SPD-Rentner schon im Auftrag Deutschlands, der EU und der Ukraine mit Putin spricht. Das müssen im übrigen die genannten Staatenlenker besprechen, erörtern, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit man später zu einem Waffenstillstand, am Ende zu einem Frieden kommt.
Glaubt irgendwer, der frühere deutsche Bundeskanzler und langjährige Sozialdemokrat würde alles dafür tun, damit Putin die Macht über die Ukraine gewinnt? Schröder ist ein deutscher Patriot, man frage die Zeitgenossen, die mit ihm zu tun hatten. Putins Adressat ist Europa, das ist die Chance, dass Europa an der Seite der Ukraine mit Moskau verhandelt, am Tisch sitzt, nicht ein Amerika unter einem Präsidenten Trump, dem nicht zu vertrauen ist, es sei denn, der sähe eine Chance auf einen milliardenteuren Dollar-Deal. Trump hat sich als politischer Makler disqualifiziert. Und wir müssen doch alles Erdenkliche versuchen, um einen mörderischen Krieg zu beenden. Nein, nicht zu Lasten Kiews, sondern um dem Land endlich die Aussicht auf einen Frieden zu bescheren, das Ende der Bombennächte.
Putin hat angedeutet, dass das Ende des Krieges sich nähere. Wie gesagt, das kann ein falsches Spiel sein oder ehrlich, aber um das herauszufinden, muss man mit ihm reden, ausloten, ob er eine Falle stellt. Dass er Schröder ins Spiel gebracht hat, zeigt, dass er mit Europa über ein Ende des Krieges sprechen will. Vielleicht, niemand weiß es, aber gleich alles abzulehnen und auf Schröder einzudreschen, ist dumm. Dass Putin Schröder nennt, heißt auch, er vertraut ihm, das muss nichts Schlimmes bedeuten, wir vergeben uns nichts, wenn wir auf Putin zugehen. Lassen wir solche Eitelkeiten, es geht um das Fortführen eines Krieges, in dem schon schätzungsweise über 1,5 Millionen Menschen ihr Leben verloren haben.
Es scheint, sich ein Fenster für die Diplomatie zu öffnen. Wer solche Chancen von vornherein ausschließt, weil er das Angebot für vergiftet hält, verlängert möglicherweise das Sterben. Ja, auch das muss gesagt werden. Damit übernehmen wir nicht die Kriegsschuld, die liegt weiter bei Wladimir Putin. Und doch müssen wir mit ihm reden. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat wissen lassen, dass sie als Hohe Beauftragte für die Außen- und Sicherheitspolitik der EU die Rolle, im Namen der Europäer mit Moskau zu reden, für sich beansprucht. Die ehemalige estnische Regierungschefin sieht sich in der Lage, „Russlands Fallstricke zu erkennen“. Kallas gilt als unbeugsame, kompromisslose Unterstützerin der Ukraine, Russland betrachtet die EU-Beauftragte eher als eine Feindin.
Beim Treffen der EU-Außenministerinnen und Außenminister in Brüssel wurde Schröder abgelehnt, Kallas zufolge würde der Ex-Kanzler quasi auf beiden Seiten des Verhandlungstisches sitzen, vermutet wurde, dass er eher die Interessen Putins vertrete als die der Europäer. Möglich, aber bewiesen ist das nicht. Man sollte Schröder nicht unterstellen, dass er europäische Interessen, also auch deutsche verkaufen, verraten werde.
„Wenn ein deutscher Ex-Kanzler dazu beitragen könnte“, kommentiert Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des Berliner Tagesspiegel, „einen mörderischen Krieg zu beenden, wären politische Eitelkeiten und persönliche Vorbehalte der denkbar schlechteste Ratgeber.“ Casdorff hat Recht. Im übrigen hat Schröder zwar Putin nie die Freundschaft aufgekündigt, aber er hat den russischen Angriff auf die Ukraine als „völkerrechtswidrig“ verurteilt, er hat nicht Verständnis für diesen Krieg aufgebracht, wie das die AfD getan hat.
Schröder könnte Gesprächskanäle öffnen, die anderen verschlossen bleiben, Entscheidungen wird er nicht treffen. Wir sollten es versuchen, alles andere wäre fahrlässig. Es geht nicht um irgendeine Art von Appeasement-Politik gegenüber Russland, wir gehen nicht vor Putin in die Knie, wir wollen nichts anderes als einen Waffenstillstand und Frieden. Wenn Europa mit einer Stimme spricht, ist es eine Macht. Warum sollte ein Ex-Kanzler Schröder nicht die Türen dazu öffnen? Die Diplomatie dahin hat gerade erst begonnen.












